Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Hunger und Bürokratie – Stuttgarts Kampf um Brot und Butter

Wenn Brot knapp ist: Szene aus unserem Film zur Lebensmittelversorgung in Stuttgart während des Kriegs Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Im Zweiten Weltkrieg wurde Nahrung in Stuttgart rationiert. Unser neuer Film zeigt das unfassbare Ausmaß an Bürokratie, das für die Bevölkerung und Verwaltung damit verbunden war.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Ob das Regime auf diese Zahl stolz war? Oder sollte sie nach dem Krieg als Erinnerung an vergangene, mühselige Zeiten herhalten? Im neuesten Film unseres Projekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ geht es um die Versorgung Stuttgarts mit Lebensmitteln. Dafür brauchte es, wie der im Stadtarchiv verwahrte Clip erklärt, allein im Jahr 1941 nicht weniger als 39 Millionen Lebensmittelkarten. Man sieht, wie die Karten gedruckt, gefaltet und verteilt werden: stapelweise Papier, abgezählt, sortiert und ausgetragen von unzähligen Helferinnen. Schreibkräfte an überfüllten Schreibtischen zählen und stempeln die Marken und erledigen allerlei Dokumentationspflichten.

 

Der Film entstand 1941 und sollte zeigen, wie sich die von der Reichsregierung vorgeschriebene Rationierung zahlreicher Gebrauchsgüter in Stuttgart auswirkte. Schon in der ersten Einstellung entsteht der Eindruck einer geradezu grotesk ausgefeilten Bürokratie: Die Szene zeigt einen älteren Herrn mit Hut vor einem großen Plakat mit detaillierten Hinweisen zur „Bezugsschein-Verteilung“, wenig später eine Schalterhalle für Gruppen wie Urlauber, Selbstversorger und Sonderfälle sowie Schalter zum Umtausch verschiedener Kartentypen.

Solche Informationen und Ausgabestellen wurden mit Kriegsbeginn überlebenswichtig. Lebensmittel und andere Waren konnten nicht mehr einfach im Geschäft gekauft werden – sondern nur in der zugeteilten Menge. Wer seinen Bezugsschein verlor, hatte Pech. Angehörige von Gruppen, die das Nazi-Regime nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ verstand – etwa Juden oder osteuropäische Zwangsarbeiter – bekamen geringere Rationen und meist Waren geringer Qualität.

Die Zentrale war in der Büchsenstraße

Gesteuert wurde das alles vom Ernährungsamt in der Büchsenstraße. Zudem gab es übers ganze Stadtgebiet verteilt 35 Außenstellen, über die all die Millionen von Bezugsscheinen ausgeteilt und von den Geschäften wieder abgegeben wurden.

Man konnte leicht den Überblick verlieren. Es gab eine Reichsbrotkarte, eine Reichsmilchkarte und natürlich auch eine Reichsfleischkarte, ebenso Zusatzkarten etwa für Schwerarbeiter, eine mit Glocken, Landeswappen und Hakenkreuz geschmückte Weihnachts-Sonderkarte für Kinder und Jugendliche „sowie nicht-landwirtschaftliche Selbstversorger dieser Altersstufe“ für eine Extraration Süßwaren, Butter, Mehl und Zucker oder eine Wochenkarte für ausländische Zivilarbeiter samt Bestellschein für entrahmte Frischmilch.

Fast alles wurde rationiert, hier die Reichsbrotkarte Foto: Stadtarchiv

Ende August 1939 und somit noch vor dem Überfall auf Polen wurden knappe Güter wie Brot, Fleisch und Fette rationiert. „Für Lebensmittel wurden monatlich verschiedenfarbige Lebensmittelkarten für unterschiedliche Nahrungsmittel ausgestellt“, berichtet Michael Herzog. Der Historiker hat viele die im Stadtarchiv aufbewahrten Markenbögen und Kartensätze in den eigenen Händen gehalten. „Die Karten waren mit Ort und Zeitraum ihrer Gültigkeit versehen“, schildert Herzog, „beim Einkaufen wurde davon die jeweilige Marke abgetrennt“.

Sondermarken für Brautpaare und Kranke

Bei seiner Recherche für den nun erschienenen Film entdeckte Herzog Sondermarken für Brautpaare, schwangere und stillende Frauen, Schwerarbeiter oder Kranke. Außerdem eigene Karten unter anderem für Fett, Margarine, Schweineschmalz, Käse, Nudeln oder Reis. Um einen Überblick über dieses Wirrwarr an Bezugswegen und die sich regelmäßig wandelnden Rationsmengen zu behalten, mussten Aushänge im Amt und die Zeitungen aufmerksam studiert werden. Dort kommunizierte das Regime die letztlich zentral und autoritär gesteuerte Zuteilung des Lebensnotwendigen.

Lebensmittelkarten für Jugendliche Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Verglichen mit heute wirken die Mengen knapp und die Portionen penibel abgezählt. Ein Beispiel: Mitte 1943 gab es pro Tag für einen Erwachsenen 320 Gramm Brot und Mehl, 36 Gramm Fleisch, 18 Gramm Butter sowie 9 Gramm Kaffee-Ersatz. Jedoch: „Nur weil man eine Marke besaß, bedeutete das nicht, dass man das entsprechende Produkt auch kaufen konnte“, sagt Michael Herzog.

Was die Bilder nicht zeigen

Die Clips in der Kriegsfilmchronik zeigen das nicht, aber die Versorgungslage war bereits vor Kriegsbeginn schlecht und danach phasenweise nochmals verschärft. Entlastung brachte weniger der Gemüseanbau auf öffentlichen Plätzen, zu dem im Rahmen unseres Filmprojekts ebenfalls ein Clip erschienen ist – sondern eher, darauf weist die Stadtarchiv-Leiterin Katharina Ernst im Auftaktfilm hin, die Ausplünderung der besetzten Gebiete.

1939 erinnerte die Rationierung viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter an die traumatischen Jahre des Ersten Weltkriegs. Nach Ausgabe der ersten Lebensmittelkarten kam es zu Vorratskäufen. Von einer Zeitgenossin ist der Spruch überliefert, man erlebe gerade eine „Reichskartenschau“ – eine Anspielung auf die gerade zu Ende gegangenen Reichsgartenschau am Killesberg.

Dazu kam echter Mangel: Es fehlte an Kartoffeln, Käse und Fleisch. Die Preise stiegen, während die Löhne eingefroren wurden. Ersatzprodukte wie Malzkaffee, die Molke- und Stärkekörner Migetti und Milei (Milcheiweißpulver) ersetzten Bohnenkaffee, Reis und Eier. Zudem wurden zunehmend Reste verwendet. In einem Schreiben vom Winter 1941 ist die Rede davon, dass in Bäckereien anders als früher kaum noch Bodenmehl als Grundlage für Tierfutter anfalle.

Keine Vorteile für Stammkunden

Die Stuttgarter Lebensmittelgeschäfte fanden teils einen ganz eigenen Umgang mit dem Mangel. Die Verwaltung reagierte darauf mit neuen Regeln. So durften etwa seit Januar 1942 keine „Kundenlisten“ für Fisch, Wild und Geflügel mehr geführt werden. Außerdem sollten nur noch sofort verfügbare Waren im Schaufenster ausgestellt werden. In der Markthalle gab es damals an vielen Ständen gar nichts zu kaufen – nicht zuletzt, weil Ware für Stammkunden zurückgelegt werde. So nachzulesen in der Stuttgarter Stadtchronik für dieses Jahr.

In den 35 Minuten Filmmaterial, die für die Kriegsfilmchronik zu diesem Thema produziert wurden, ist von alledem nichts zu sehen. Weder der Mangel noch die Mühen der Bevölkerung mit der Bürokratie noch die Konflikte in den (im Film allerdings sehr gut gefüllten) Schalterhallen. Stattdessen blicken die Zuschauer in ein Lebensmittelgeschäft, dessen Auslagen üppig mit Teigwaren gefüllt sind – darunter auch etliche Packungen Spaghetti, ein für das Jahr 1942 eher unerwarteter Anblick. Der Hinweis „Sonderzuteilung“ verweist überdies auf zusätzliche Marken zum Weihnachtsfest.

Für Michael Herzog vom Stadtarchiv ist es deshalb recht klar, was dieses aufwendig erstellte Filmmaterial sein sollte: „eine Leistungsschau der Stadtverwaltung im Krieg“. Der Realität entspricht das Gefilmte nur in Teilen. In der heutigen gut versorgten Konsumgesellschaft wirkt es auch so reichlich fremd. Und doch haben die durch Coronapandemie und Krieg in der Ukraine gestörten Lieferketten in Erinnerung gerufen, dass dieser Überfluss nicht selbstverständlich ist.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Exklusiv