Eine Szene aus dem Film „Glockenabnahmeaktion“ Foto: Stadtarchiv Stuttgart
Weil die Kriegswirtschaft der Nazis dringend Rohstoffe brauchte, wurden Glocken abgehängt, um sie einzuschmelzen. In Stuttgart waren es 91. Einige dieser Glocken blieben verschont und läuten heute noch – wie im Fall der Stuttgarter Stiftskirche.
Man sieht Glocken. Doch man hört sie nicht läuten. Der Film über die „Glockenabnahmeaktion“ in Stuttgart zu Beginn des Jahres 1942 hat wie alle 58 Einzelfilme der Stuttgarter Kriegsfilmchronik keine Tonspur. In diesem Fall könnte das sinnbildlicher nicht sein. Denn vielerorts in Stuttgart verstummten in jener Zeit die Glocken. Die Nationalsozialisten hatten verfügt, dass bronzene Kirchenglocken und Glocken an Rathäusern abgehängt werden mussten, um sie einzuschmelzen. Sie hatten es auf das Kupfer und Zinn der Glocken abgesehen, Metalle, die knapp und kriegswichtig waren. Sie dienten der Herstellung von Munition. Das Glockengeläut, das an die Uhrzeit erinnert und in kirchlichem Sinne auch an die Ewigkeit, ging fortan im Kriegslärm unter.
Die alten Glocken der Stiftskirche wurden in einem Steinbruch gelagert
Der Wert der Bronzeglocken bemaß sich nur noch an dem Rohstoff, den sie enthielten. Ihre Abnahme vollzog sich in einer beklemmenden Nüchternheit und Stille. Der von Regisseur Jean Lommen im Winter 1942 gedrehte Film aus Stuttgart zeigt, wie Arbeiter am Südturm der Stiftskirche eine große Glocke herablassen. Es ist Winter, auf den Dächern liegt Schnee. Langsam senkt sich die mehrere Tonnen schwere Glocke auf den Boden, wo bereits eine weitere Glocke steht. Acht Glocken der Stiftskirche werden damals abgehängt – vier alte Glocken und vier neue, die 1938 eingebaut worden waren als Ersatz für Glocken, die im Ersten Weltkrieg entnommen worden waren.
Die vier alten Glocken, darunter die 740 Jahre alte Torglocke, wurden bis auf Weiteres im Steinbruch Lauster in Bad Cannstatt eingelagert. Dort überstanden sie den Krieg. Ein glücklicher Umstand, denn bei Bombenangriffen im Juli und September 1944 wurde die Stiftskirche stark zerstört. Zwar blieben beide Kirchtürme stehen, nach Einschätzung von Stiftskirchenpfarrer Matthias Vosseler wären die Glocken aber mit hoher Wahrscheinlichkeit beschädigt worden. So jedoch konnten sie nach dem Krieg wieder unversehrt an ihren angestammten Platz zurückgebracht werden.
Warum diese vier Glocken nicht, wie die vier neuen, sofort eingeschmolzen wurden, dürfte sich aus ihrem historischen Wert erklären. Heike van den Horst, Historikerin im Stadtarchiv, erläutert, dass Glocken in verschiedene Kategorien eingeteilt wurden – von A („ohne besonderen Wert“) bis D („herausragender historischer Wert“). A-Glocken wurden demnach sofort eingeschmolzen, C- und D-Glocken zurückgestellt. Jede Glocke erhielt vor der Abnahme eine Beschriftung, um sie zuordnen zu können.
Glockenabnahme an der Kirche St. Elisabeth. Bürger nahmen Anteil. Foto: Stadtarchiv Stuttgart/
Im Film von Jean Lommen ist dies am Beispiel einer mächtigen Glocke der katholischen Kirche St. Elisabeth zu erkennen. Die Szene spielt ebenfalls in einer Winterlandschaft. Zu sehen sind auch Menschen, die stumme Zeugen der Glockenabnahme sind. Alle fünf Glocken der großen katholischen Kirche im Stuttgarter Westen, so schildert es der heutige Pfarrer Werner Laub, wurden damals abgehängt. Seines Wissens nach kehrte keine zurück. Nach dem Krieg gab die Gemeinde fünf Stahlglocken in Auftrag. 2001 wurden diese wiederum durch bronzene Glocken ersetzt. Bei der Glockenweihe erinnerte der inzwischen verstorbene Prälat Werner Groß an den Verlust der Glocken im Jahr 1942. Er war damals als Kind dabei. „Unter Tränen“, so schilderte er es, hätten die Menschen das Geschehen mitverfolgt.
Seinem Pfarrerkollegen Matthias Vosseler sind Reaktionen von damals nicht bekannt; Kirchengemeinderatsprotokolle, die darüber hätten Auskunft geben können, sind bei der Zerstörung der Stiftskirche verbrannt. Heike van den Horst weiß ihrerseits von Protesten anderswo. Bei Würzburg sei es sogar zu öffentlichen Demonstrationen gekommen: „Ob die Stuttgarter Kirchengemeinden der Stiftskirche und der Kirche St. Elisabeth offiziell protestiert haben, wissen wir nicht“, sagt van den Horst. Bekannt sei jedoch, dass der Glockensachverständige der evangelischen Kirche in Württemberg, Pfarrer Wilhelm Schildge aus Alpirsbach, versucht habe, Einfluss zu nehmen.
Ausgangspunkt war die „Metallspende des deutschen Volkes“
Die Historikern erinnert daran, dass die Nationalsozialisten kalkuliert vorgingen: „Hitler wollte die Abnahme der Kirchenglocken auf keinen Fall als antikirchliche Maßnahme erscheinen lassen.“ Zuvor hatte das Naziregime bereits versucht, auf andere Weise an die begehrten Rohstoffe zu kommen. Im Frühjahr 1940 hatte Hermann Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan eine „Metallspende des deutschen Volkes zum Geburtstag des Führers“ veranlasst. In der Folge mussten öffentliche Einrichtungen Metallgegenstände abgeben.
Für die Kirchen galt: Sie mussten ihren Glockenbestand erfassen. Die Glockenabnahme selbst zögerten die Nazis bis zum November 1941 hinaus. Auch deshalb, weil bei der vorausgegangnen „Metallspende“ knapp 77 000 Tonnen Altmetall zusammengekommen waren – von Türschildern bis zu Denkmälern. „Damit konnte man den Gesamtbedarf im Deutschen Reich für acht Monate decken“, erklärt Heike van der Horst. Hinzu kam, dass sich die Nazis in den von ihnen eroberten Gebieten im Osten schadlos hielten und massenweise sogenannte Beuteglocken einschmolzen, während sie aus Sorgen vor Unruhen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden dort darauf verzichteten.
Nach Zahlen des Stadtarchivs wurden in Stuttgart 91 Glocken abgenommen. Reichsweit wird die Zahl mit 54 000 Glocken beziffert. Dazu kamen mehr als 30 000 „Beuteglocken“ aus besetzten Gebieten. Die Historikerin van der Horst rechnet vor: „In den zentralen Glockenlagern Lünen und Hamburg-Veddel waren bei Kriegsende noch etwa 12 000 Glocken gelagert. 1000 davon stammten aus Württemberg. Viele hatten aber jedoch Schäden erlitten. Unwiederbringliche kulturelle Schätze gingen verloren.“
Abgenommen wurden übrigens auch die Glocken am Stuttgarter Rathaus. Die Abnahme datiert vom 4. Januar 1942. Im Film schwenkt die Kamera vom Glockenturm über das alte Stuttgart. Dann sieht man Arbeiter beim Verladen von mehr als einem Dutzend Glocken. An diesem Ort machte sich der Regisseur Lommen sogar die Mühe, eine Art Abschiedsgruß in Szene zu setzen. Er zeigt eine Frau in Großaufnahme, die die Tastatur des Glockenspiels im Rathausturm bedient. Auch hier bleibt der Film stumm. Heike van der Horst hat dieses letzte Glockenspiel jedoch entschlüsselt: „Elisabeth Zimmermann, die Pianistin, spielt das Horst-Wessel-Lied, die Parteihymne der NSDAP und zum Abschluss das Deutschlandlied.“
Themen, die in dieser Serie bisher erschienen sind:
Folge 1: NS-Propaganda (bereits erschienen und hier anzuschauen)
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