Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Eine Abteilung im Krankenhaus, die Kinder ermordete
Im Krieg aufgenommene Bilder aus Stuttgarter Kinderkrankenhäusern erwecken den Eindruck von Fürsorge. Bei Kindern mit Behinderung schlug sie ins genaue Gegenteil um.
Im Krieg aufgenommene Bilder aus Stuttgarter Kinderkrankenhäusern erwecken den Eindruck von Fürsorge. Bei Kindern mit Behinderung schlug sie ins genaue Gegenteil um.
An den Beginn unserer Videoserie „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ hatte Katharina Ernst, die Leiterin des Stadtarchivs, eine Art Gebrauchsanweisung gestellt: „Beim Betrachten der zwischen 1941 und 1944 gedrehten Filme der Kriegsfilmchronik kommt es nicht nur auf das an, was man sieht, sondern auch auf das, was man darin nicht sieht.“ Besonders eindrücklich wirkt dieser Satz, wenn es um die Bilder aus den städtischen Kinderkrankenhäusern und Kinderheimen jener Zeit geht.
Der Regisseur Jean Lommen, der im Auftrag von NS-Oberbürgermeister Karl Strölin mit seinem Filmteam unterwegs war, um einen „gefilmten Verwaltungsbericht“ zu drehen, hat diesem scheinbar unverfänglichen Thema fast 30 Minuten Film gewidmet. Zwischen den einzelnen abgebildeten Stationen wie dem „Kinderkrankenhaus am Weißenhof“ und dem „Städtischen Kinderheim und Kinderkrankenhaus“ an der Birkenwaldstraße samt „Frauenmilch-Sammelstelle“ erscheinen im Rohmaterial schriftliche Einblendungen: „Kriegsnotwendiger Ausbau der Säuglingsvorsorge durch Heranbildung von Kinderschwestern“ heißt es da. Oder: „Ein Wohnblock der Weißenhofsiedlung, zum Abbruch bestimmt, wurde zum Infektionsbau umgewandelt.“ Zuständig war das Amt für „Verwaltung der Städtischen Kinderkrankenhäuser und Kinderheime“, das etliche Heime, Krankenhäuser, ein Mütterheim, Kindererholungsheime und Kinderkrippen in Stuttgart verwaltete.
Im Verlauf des Krieges verschob sich sein Schwerpunkt auf Infektionskrankenhäuser. Katharina Ernst kennt den Grund: „Nach Beginn der Luftangriffe stellten Infektionskrankheiten ein massives Problem dar, weil die Ansteckungsgefahr in den engen Luftschutzräumen sehr hoch war.“ Kinder, die an einer Infektionskrankheit litten, durften nicht in die Bunker mitgenommen werden, sondern mussten in die Klinik. „Bei der Einrichtung von Infektionskrankenhäusern für Kinder ging es also nicht in erster Linie um die Kinder, sondern um den Schutz der Menschen in den Luftschutzkellern und Bunkern vor einer Ansteckung“, betont die Leiterin des Stadtarchivs.
Spezielle Infektionskrankenhäuser gab es an mehreren Orten in der Stadt. Eines befand sich auf dem Killesberg in der, wie es im Film hieß, von den Nationalsozialisten „zum Abbruch bestimmten“ Weißenhofsiedlung. Es handelte sich um den von dem Bauhausarchitekten Ludwig Mies van der Rohe erbauten und heute noch existierenden Wohnblock Am Weißenhof 14–20. Laut Stadtarchiv wurde dort Platz für 130 Kinder in 24 Wohnungen geschaffen. Besonders ansteckende Krankheiten wie Scharlach und Keuchhusten seien in der Kinderheilstätte bei der Geißeiche und im Viktor-Köchl-Haus behandelt worden.
Je näher der Krieg an die Stadt rückte, desto größer die Einschränkungen: In der Nacht zum 21. Februar 1944 wurde der Mies-van-der-Rohe-Bau durch Bomben beschädigt; er konnte danach nicht mehr als Klinik genutzt werden. Die Kinderkrankenhäuser und -heime, so berichtet Ernst, wurden in dieser Zeit nach Möglichkeit in das Stuttgarter Umland verlegt.
Die Aufnahmen der Kriegsfilmchronik vermitteln ein anderes Bild – ein Bild von trügerischer Sicherheit. Bei einer Luftschutzübung im Kinderkrankenhaus an der Birkenwaldstraße reichen Säuglingsschwestern Babys nach dem Prinzip der Eimerkette routiniert und unaufgeregt von Arm zu Arm, um sie im Gewölbekeller in nummerierten Holzbetten abzulegen und zu füttern. Die Babys sind in Decken gehüllt. Darauf stehen ihre Namen: Schröder, Mayer, Karr . . . Die Botschaft der Aufnahmen ist laut Katharina Ernst klar: „Der Film soll zeigen: Wir haben alles im Griff – auch im Luftkrieg.“
Das Kinderkrankenhaus, Birkenwaldstraße 10 (heute Türlenstraße 22), in dem diese Bilder 1941 gedreht worden sind, zählte zu den großen Kliniken in Stuttgart. Es war laut dem Stadtarchiv auf die Pflege von Säuglingen und Kleinkindern spezialisiert. Frauen konnten sich dort in einer einjährigen Ausbildung zu Säuglingspflegerinnen ausbilden lassen. Die ärztliche Leitung hatte der Stadtarzt Dr. Karl Lempp, der auch für die anderen Stuttgarter Kinderkrankenhäuser verantwortlich war und der im Film als fürsorgender älterer Arzt zu sehen ist.
Ende 1942 oder Anfang 1943 – das Stadtarchiv legt sich hier nicht fest – schlug die medizinische Fürsorge in das genaue Gegenteil um. Damals wurde in dem Krankenhaus an der Birkenwaldstraße eine sogenannte Kinderfachabteilung eingerichtet – „ein Tarnname für eine schreckliche Einrichtung“, wie Katharina Ernst sagt: „Denn dort wurden Kinder umgebracht, deren Leben von den Nationalsozialisten wegen einer Behinderung oder einer Krankheit als wertlos angesehen wurde.“ Getötet wurde mittels Luminal, einem Schlaf- und Beruhigungsmittel. Laut Stadtarchiv verschleierten die Täter die Morde, indem sie Totenscheine manipulierten.
Karl-Horst Marquart von der Stolperstein-Initiative Vaihingen hat in umfangreichen Recherchen 55 Todesfälle identifiziert, bei denen davon auszugehen ist, dass Kinder in der „Kinderfachabteilung“ an der Birkenwaldstraße umgebracht wurden.
Nach dem Krieg kam es zu strafrechtlichen Ermittlungen gegen Karl Lempp und die Ärztin Magdalene Schütte. Wegen des Verdachts der Tötung behinderter Kinder saß Lempp 1946 zwei Monate in Haft. Es kam jedoch zu keiner Anklage. Lempp und Schütte durchliefen ein Spruchkammerverfahren, in dem sie sich nach Auskunft von Ernst gegenseitig entlasteten und versicherten, sie seien zwar zur Einrichtung einer „Kinderfachabteilung“ aufgefordert worden, hätten dies jedoch abgelehnt. Beide wurden nur als „Mitläufer“ eingestuft. Karl Lempp blieb bis zu seiner Pensionierung 1950 der Leiter des Kinderkrankenhauses.
Dokumentiert ist auch der weitere Weg von Magdalene Schütte. Nachdem bekannt geworden war, dass sie in den Kriegsjahren beim Kriminaltechnischen Institut in Berlin Luminal geordert hatte, wurde 1963 erneut gegen sie ermittelt. Schütte, inzwischen Chefärztin in der Kinderabteilung des Kreiskrankenhauses in Aalen, behauptete laut Stadtarchiv nun nicht länger, sie habe die Einrichtung einer „Kinderfachabteilung“ abgelehnt. Sie argumentierte vielmehr, sie und der inzwischen verstorbene Lempp seien nur zum Schein auf das Ansinnen eingegangen, und ebenfalls nur zum Schein habe sie das Schlafmittel bestellt. Das Ermittlungsverfahren gegen sie wurde eingestellt.
Gemeinschaftsprojekt
Für unsere Geschichtsserie zeigen wir zusammen mit dem Stadtarchiv Filme aus der „Kriegsfilmchronik“. Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die Texte und das zugehörige Video im E-Paper (Freischalten: www.stuttgarter-nachrichten.de/premiumabo). Die Beiträge stehen auch im Online-Dossier: www.stuttgarter-nachrichten.de/stuttgart-im-krieg
Lesermeinung
Wir sind interessiert an Ihren Erinnerungen und Beiträgen – per E-Mail (stadtgeschichte@stzn.de) oder Post (Plieninger Straße 150, 70567 Stuttgart).