Stuttgart im Zweiten Weltkrieg Schuhe als Schikane

Neue Schuhe für das Kind – im Krieg ist das weitaus weniger selbstverständlich als heute. Foto: Stadtarchiv / Montage: Ruckaberle

Eine halbe Million Kleiderkarten pro Jahr regelte im Krieg die Versorgung Stuttgarts mit Bekleidung. Unser Film zeigt die Zumutungen – einschließlich Kontrollen des Schuhschranks.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Im Krieg ging man in Stuttgart nicht nur Schuhe kaufen, sondern Schuhe tauschen – und zwar im Königsbau. Dorthin zog die sogenannte Schuhtauschstelle 1943 um, nachdem die Räumlichkeiten in der Friedrichstraße zu klein geworden waren. „Der Mangel an Schuhen war in dieser Zeit besonders groß“, sagt der Historiker Michael Herzog vom Stadtarchiv.

 

Bilder von der Tauschstelle finden sich im Kriegsfilmchronik-Bestand, den wir gemeinsam mit dem Stadtarchiv für unser Projekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ auswerten. Sie finden sich auch im neuesten, jetzt erschienenen und online sowie im E-Paper anzuschauenden Film. An sich war der Tausch gleichwertiger Schuhe einfach. Doch wegen der starken Nachfrage mussten Stuttgarter vor dem Besuch der Tauschstelle eigens einen Antrag stellen.

Neue Schuhe zu bekommen, war nicht weniger kompliziert. So wie bei Lebensmitteln waren auch Kleidung und Verbrauchsgüter wie Benzin oder Fahrradschläuche rationiert, Treibstoff etwa in 5-Liter-Rationen. Der Film zeigt die auch für diesen Lebensbereich zu ertragenden Zumutungen einer ausufernden Bürokratie mit Bezugsscheinen, die gedruckt, verteilt, von Bürgern eingetauscht und von Händlern wieder abgegeben werden mussten. Um im Geschäft Klamotten oder Schuhe zu kaufen, erhielt jeder Stuttgarter einmal im Jahr eine Reichskleiderkarte. Juden waren von 1940 an ausgenommen und erhielten gar keine neuen Kleider, für werdende und stillende Mütter gab es Zulagen.

Wie viel Kleidung es pro Jahr gab

Fast eine halbe Million Reichskleiderkarten gab die Stuttgarter Stadtverwaltung 1941 heraus. Die darauf abgedruckten Marken konnte man gegen Klamotten eintauschen. Michael Herzog rechnet vor: Von den 90 Marken auf der Reichskleiderkarte für einen Jungen „kostete“ ein Pullover 15 Marken, ein Mantel 30 Marken. „Allerdings garantierte eine Marke nicht, dass das entsprechende Produkt im Laden auch vorhanden war“, so Herzog. Und für besonders knappe Waren gab es eigene Bezugsscheine, die separat beantragt werden mussten. Und so druckte die Stadtverwaltung auch noch eine halbe Million Bezugsscheine für Schuhe pro Jahr.

Die Schikanen von Krieg, Rationierung und Bürokratie haben sich in manchem Familienarchiv erhalten. Zu unserem Projekt „Stuttgart 1942“ erreichte unsere Zeitung vor vier Jahren ein Satz von Schriftstücken eines Stuttgarter Professors. Darunter ein Bescheid des Wirtschaftsamts vom Frühjahr 1942, dass trotz Einspruchs kein Bezugsschein für ein Paar Halbschuhe ausgegeben werde – „weil Ihr Bestand an Schuhen den heutigen Kriegsverhältnissen entsprechend als ausreichend gilt“.

Wie viele Schuhe? Das entscheidet die Verwaltung

Das Beispiel zeigt, dass damals die Verwaltung entschied, wie viele Schuhe jemand daheim haben durfte. Mehr noch: Im Film ist auch eine – vermutlich inszenierte – Kontrolle zu sehen, mit der „selbstsüchtige und böswillige Zeitgenossen“ überführt werden sollten, so der Text im Video, gefolgt von einem Blick auf das Plakat „Bescheide dich! Spare! Hamstern ist Volksverrat!“.

Der Film zeigt also eine Frau, die sich einen Bezugsschein für Schuhe abholt, und in der nächsten Szene schaut der Kontrolleur vorbei. In dem großzügigen Schlafzimmer lässt er sich von der Hausherrin den Schuhschrank zeigen, darin neun Paar Schuhe. Die Strafe folgt auf dem Fuß in Form eines Briefs vom Wirtschaftsamt: „Sie haben den Bezugsschein erschlichen.“ Theatralisch sinkt die Frau auf ihrem Sessel zusammen. „Im Film wird lediglich ein Bußgeld verhängt“, erklärt Michael Herzog. Im weiteren Kriegsverlauf seien solche Vergehen „zunehmend auch strafrechtlich verfolgt“ worden.

Der Schuhschrank wird kontrolliert. Foto: Stadtarchiv/Screenshot

Auf die eine oder andere Weise machte das Schuhwerk im Zweiten Weltkrieg den meisten Menschen Ärger, nicht nur in Stuttgart. Auch wer seine alten Schuhe reparieren lassen wollte, wartete darauf bereits 1942 meist wochenlang. Zugleich brachte der Mangel Innovation und, wie so oft im Nationalsozialismus, menschliches Leid.

Die chemische Industrie und die Schuhhersteller erforschten Ersatzmaterialien, etwa Kunstleder und Gummisohlen, die geklebt statt genäht werden konnten. Direkt nach Kriegsende stellten britische und amerikanische Experten erstaunt fest, „dass die meisten Schuhmachereien im Reich mit Klebepressen ausgestattet worden waren“, schreibt die Historikerin Anne Sudrow in ihrer als Buch erschienenen Dissertation „Der Schuh im Nationalsozialismus“.

Beispiel für eine Reichskleiderkarte Foto: Stadtarchiv/Repro: Herzog

Getestet wurden die neuen Materialien unter anderem im Konzentrationslager Sachsenhausen. Kilometerlange Testmärsche auf einer sogenannten Schuhprüfstrecke brachten Häftlinge zur völligen Erschöpfung – wenn sie daran nicht starben, dann vielfach durch die Waffe der KZ-Wächter. Auch diese Geschichte hat Sudrow recherchiert. Schuhe zu testen, habe „unter den überlebenden KZ-Häftlingen als besonders perfide Folter- und Tötungsmethode“ gegolten, sagte Sudrow 2011 unserer Zeitung.

Verglichen damit wirken die materiellen Nöte der Stuttgarter Bevölkerung während des Krieges eher gering. Zumal sie in der als propagandistisch gelesenen Kriegsfilmchronik eher geschönt oder gleich gar nicht dargestellt werden; die im Film zu sehenden, üppig gefüllten Kleidergeschäfte haben vermutlich nicht durchgängig der Realität entsprochen. Was wir heute sicher wissen: Unter einem Krieg leiden alle, er hat Auswirkungen bis zum letzten Halbschuh.

Stuttgart im Zweiten Weltkrieg

Gemeinschaftsprojekt
 Für unsere Geschichtsserie zeigen wir zusammen mit dem Stadtarchiv Filme aus der „Kriegsfilmchronik“. Abonnenten der gedruckten Zeitung finden die Texte und das zugehörige Video im E-Paper . Die Beiträge stehen auch im Onlinedossier.

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