Wie lebendig die Erinnerungen für Zeitzeugen immer noch sein können, belegt an diesem Abend am besten der Feuerbacher Walter Rieker. Der 90-Jährige kommentiert gemeinsam mit Redakteur Jan Georg Plavec und Norbert Prothmann von der Stuttgarter Forschungsgruppe Untertage einen der Filme, die die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten in Kooperation mit dem Stadtarchiv aktuell im Rahmen des Projekts „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ der Öffentlichkeit in aufbereiteter Form zugänglich machen.
Der Film aus der zweiten Kriegshälfte zeigt, wie die Bevölkerung selbst Hand anlegen musste, um sogenannte Pionierstollen zu graben. Rieker, der als Kind in dem gezeigten Stollen in der Kräherstraße zeitweise Schutz suchte, kann einzelne Personen im Film noch immer namentlich benennen. Er erkennt aber auch sofort: Vieles, was hier gezeigt wird, passt nicht.
Warum der Film aus dem Stollen inszeniert ist
Günter Riederer vom Stadtarchiv Stuttgart hat die Zuhörer in seiner Vorrede darauf hingewiesen: „Die Filme wirken auf den ersten Blick dokumentarisch. Sie sind aber NS-Propaganda.“ Das ist auch der Grund, weshalb unsere Zeitung die Streifen in kommentierten Versionen zeigt und durch Experten einordnen lässt. Im Fall des Stollenbaus durch sogenannte Stollengemeinschaften suggerierten die Filme beispielsweise, so betont Riederer, dass trotz des Krieges alles in der Stadt weiterhin reibungslos verlaufe.
Tatsächlich ist vieles inszeniert: Im Film über den Feuerbacher Pionierstollen suchen auffallend gut gekleidete Frauen geordnet den Stollen im Hang auf. Viele fahren ihre Kinder im Kinderwagen in die Schutzanlage. „Ich habe da nie Kinderwagen gesehen“, kommentiert Rieker das Geschehen auf der Leinwand. Und auch die auffallend gute Beleuchtung im Stollen wurde offensichtlich eigens für die Aufnahmen installiert.
Rund 290 solcher kleinerer Pionierstollen seien in Stuttgart gebaut worden, erklärt Norbert Prothmann. Viele davon von der Bevölkerung selbst. „Wer ein bestimmtes Kontingent an Stunden beim Bau eines Stollens geleistet hat, bekam einen Stollenberechtigungsschein“, sagt der Bunkerexperte und zeigte gleich einen in seiner Präsentation. Man habe sich seinen Platz im Wortsinn erarbeitet.
Insbesondere beim Bau der großen Bunkeranlagen, die in Stuttgart ab 1941 errichtet wurden, seien jedoch in großer Zahl Zwangsarbeiter zum Einsatz gekommen, so Prothmann. Das ist natürlich in keinem der Filme zu sehen. Dass in Stuttgart in allen Schutzbauwerken zusammen Ende 1944 rechnerisch für jeden Stuttgarter ein Platz zur Verfügung stand, sei aber tatsächlich eine Besonderheit gewesen, die der Topografie der Stadt zu verdanken war: Das relativ einfache Anlegen von Stollen in Hänge war in flachen Städten wie Frankfurt oder München schlicht nicht möglich.
Der Verein Kultdiak Stuttgart bespielt den Bunker
Vieles, was in dem rund 3150 Quadratmeter großen Diakonissenbunker heute noch zu sehen ist, stammt indes nicht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, sondern aus den 1980er Jahren. Damals wurde die Anlage zum Atomschutzbunker umgebaut und sollte einer Rumpfstadtverwaltung um OB Manfred Rommel im Kriegsfall als Notunterkunft dienen.
Der dort verbliebene Basaltsand eines Luftfilters erinnert an diesen Zeitabschnitt. Der Sandfilter sollte die heiße Luft eines atomaren Feuersturms abkühlen, wie Klaus-Peter Graßnick, Vorsitzender des Vereins Kultdiak Stuttgart, beim Rundgang durch die Anlage erklärt. Der Verein bespielt seit einigen Jahren den Bunker mit Musik- und Theaterveranstaltungen.
Die anschließend in einem weiteren Film gezeigten Bilder der zerstörten Innenstadt wirken dann zum Teil so desaströs, wie Plavec betont, dass kaum möglich erscheint, dass die Sequenzen als Propagandainstrument hätten dienen können. Eine unterschwellige Propagandabotschaft gebe es jedoch auch hier, sagt Prothmann: Die Botschaft des Films sei, „das Leben gehe weiter, egal, wie hart es ist“. Und Riederer ergänzt: Das Regime wollte die Bombardements der Alliierten bewusst als „Terror“ darstellen.