Stuttgart kauft sich Technik aus der Schweiz ein Klärwerk erhält riesiges Falt-Solardach
Die Klärwerke sind einer der größten Stromverbraucher der Landeshauptstadt. Mit neuer Technik sollen rund 18 Prozent des Bedarfs selbst erzeugt werden.
Die Klärwerke sind einer der größten Stromverbraucher der Landeshauptstadt. Mit neuer Technik sollen rund 18 Prozent des Bedarfs selbst erzeugt werden.
Die Landeshauptstadt will ihren Stromhunger aus Klima- und Kostengründen möglichst mit regenerativer Energie stillen. Zu den größten Verbrauchern gehören das Klinikum, die Kläranlagen und die Straßenbeleuchtung. Im größten Klärwerk des Landes in Mühlhausen könnten mithilfe einer Lösung aus der Schweiz mittelfristig annähernd 18 Prozent des benötigten Stroms von der Sonne kommen. Dazu sollen im ersten Schritt für eine flexibel steuerbare Überdeckung des riesigen nördlichen Belebungsbeckens rund elf Millionen Euro investiert werden.
Das Schweizer Unternehmen dhp Technologies ist noch jung am Markt, seine Solarfaltdächer sind bisher vor allem in der Alpenrepublik im Einsatz, doch auch Klärwerke in Neuwied (Rheinland-Pfalz), Langen (Hessen) und Erkelenz (NRW) haben sich für die beweglichen Sonnenfänger entschieden.
Sie funktionieren im Grundsatz wie ein waagerechtes Faltrollo, dessen Solarmodule entlang von gespannten Stahlseilen bewegt werden können. Dadurch bleiben die Klärbecken darunter für Wartungsarbeiten oder den Austausch größerer Teile mit Kränen erreichbar. Auch Stuttgart setzt nun auf das Patent von dhp aus Zizers (Graubünden). 5280 Module sollen bis März 2025 installiert werden und 13 560 Quadratmeter überspannen. Der Eigenbetrieb Stadtentwässerung (SES) verspricht sich einen Ertrag von 2,2 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr. Das sind neun Prozent des Jahresverbrauchs an Strom im Klärwerk. Dort werden jährlich 60 Millionen Kubikmeter Abwasser gereinigt.
Als der Eigenbetrieb die Investition durchrechnete, war der Krieg Russlands in der Ukraine noch nicht absehbar. Man habe anfangs kalkuliert, sieben Cent pro Kilowattstunde an Stromkosten einsparen zu können, so Boris Diehm, Leiter der Abteilung Klärwerke bei SES. Inzwischen haben sich die Stromkosten des Betriebs allein gegenüber dem Jahr 2022 auf 11,6 Millionen Euro verdoppelt. Die Anlage könne sich in rund zehn Jahren amortisieren, so Frank Endrich, der kaufmännische Betriebsleiter. Aber es gehe um mehr als Kosteneinsparung. Man vermeide 942 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. „Es geht um Nachhaltigkeit, wir sollten so viel Strom wie möglich selbst erzeugen“, sagt Endrich. Bis 2035 will Stuttgart klimaneutral sein. Jede erzeugte Kilowattstunde aus der neuen Anlage wird direkt ins Klärwerk fließen, ein Stromspeicher ist nicht nötig.
Die Stadtentwässerung will nicht nur das Belebungsbecken im Norden der 25 Hektar großen Anlage überdachen, sondern auch das ähnlich große im Süden. Allein das Solarfaltdach im Norden wird aber mit 13 560 Quadratmetern das größte sein, das der Hersteller aus der Schweiz bisher aufgebaut hat. Das Unternehmen war in einem europaweiten Verhandlungsverfahren der einzige Bieter. Seine Technik ist patentiert.
Der Gemeinderat hat einer ungewöhnlichen Finanzierungsregelung zugestimmt. Die Stadt geht dabei für drei Monate mit bis zu rund einer Million Euro für Bauelemente gegenüber der dhp technology AG ins Risiko. Auf die Abwassergebühren werde die Investition von rund elf Millionen Euro praktisch keine Auswirkung haben, sagt Endrich: „Das werden die Gebührenzahler nicht spüren.“ Der Betrag ist vergleichsweise gering. In Stuttgarts Klärwerke und Kanäle müssen in den nächsten 15 Jahren rund eine Milliarde Euro fließen, so Endrich.