Stuttgart - Das Angebot zur Kinderbetreuung wird für Städte und Gemeinden immer mehr zu einem wichtigen Standortfaktor. Viele Kommunen werben im Internet offensiv mit ihren Kitas, Krippen und der Kindertagespflege im Ort, denn junge Familien ziehen bevorzugt dahin, wo auch der jüngste Nachwuchs tagsüber versorgt ist. Firmen achten darauf, dass ihre Mitarbeiter vor Ort die Familie und den Beruf vereinbaren können. Seit 2013 hat außerdem jedes Kind schon im Alter von einem Jahr bis zu drei Jahren einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz.
Eine Analyse unserer Zeitung von Zahlen des Statistischen Landesamts (Stala) und der Landratsämter legt nun nahe: Die Erfüllung dieses Anspruchs gelingt in Baden-Württemberg nicht überall gleich gut, es gibt große Unterschiede zwischen den Städten und Gemeinden. Die Quote der Kinder im Alter bis zu drei Jahren, die in einer Kita oder bei Tageseltern betreut werden, reichte 2018 bei den Kreisen im Land von 20 Prozent in Pforzheim bis 45 Prozent in Heidelberg. In Stuttgart und der Region ist die Landeshauptstadt mit 38 Prozent der Spitzenreiter, der Kreis Göppingen mit rund 22 Prozent das Schlusslicht. Wie erklären sich diese Unterschiede? Und wie reagieren die Kreise und Gemeinden darauf?
Wie sieht es in den Kreisen um Stuttgart aus?
Im Kreis Göppingen etwa hat nur rund jedes fünfte dieser Kinder einen Betreuungsplatz. „Die Gemeinden bemühen sich sehr, dem Bedarf gerecht zu werden“, sagt Cordula Schonard vom Göppinger Landratsamt. Doch der Kitaausbau bringe „erhebliche Kosten und Anstrengungen“ mit sich. Der Kreis hat es mit steigenden Geburtenzahlen zu tun – dabei sagten Prognosen lange das Gegenteil voraus. Das hat das Stala inzwischen korrigiert: Es kommen mehr Kinder auf die Welt als gedacht. Gleichzeitig, betonen viele Kommunen, meldeten immer mehr Paare Bedarf an – etwa weil beide Eltern arbeiten gehen.
Der Kreis Göppingen ist damit nicht allein, die Prognose gilt für die meisten Kreise und Gemeinden. „Wir müssen nachlegen und noch mehr ausbauen“, sagt Steffen Jäger vom Gemeindetag Baden-Württemberg. Vor allem in größeren Städten werde der Mangel wöchentlich spürbarer. Im Kreis Göppingen etwa sind seit dem Jahresbeginn fünf neue Kindertagesstätten hinzugekommen. „Wir müssen schnell handeln, um dem Rechtsanspruch gerecht zu werden“, sagt Cordula Schonard vom Göppinger Landratsamt.
Zielgröße sind 34 Prozent pro Kommune
Doch was ist eine gute Quote für die Betreuung von Kindern bis zu drei Jahren? Als vor sechs Jahren der Rechtsanspruch in Kraft trat, galt die Zielgröße von 34 Prozent pro Gemeinde. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass das pauschal nicht haltbar ist – jede Gemeinde hat ihren eigenen Bedarf an Betreuungsplätzen, ihren eigenen finanziellen Spielraum. Das zeigt sich auch beim Blick auf die Karte der Region Stuttgart: Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind groß.
Lenningen am Rand des Kreises Esslingen zum Beispiel war zwar 2018 und 2017 mit 16,3 und 14 Prozent das Schlusslicht im Kreis. „Bis vor Kurzem hat diese Betreuungsquote für uns aber ausgereicht“, sagt der Hauptamtsleiter Günther Kern. Inzwischen habe der Bedarf aber auch Lenningen eingeholt. Man habe im März schon eine neue Gruppe eingerichtet, Ende des Jahres folge eine weitere. Ob das die Eltern zufriedenstellt, weiß Kern nicht. Er glaube, dass auch Lenningen mittelfristig in Richtung der Zielgröße von 34 Prozent kommen könne. Einfach sei das für eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern nicht: Laut Günther Kern belaufen sich die Investitionen für zwei neue Gruppen inklusive Gebäude auf bis zu zwei Millionen Euro.
Sieht es auf dem Land besser aus?
Auch die Strukturen vor Ort wirken sich auf die Betreuungsquote aus. Mühlhausen im Täle etwa liegt im ländlich geprägten Kreis Göppingen, für 2018 verzeichnete das Landratsamt dort eine Quote von knapp fünf Prozent. „Wir haben hier noch relativ starke familiäre Verbindungen, so dass gerade bei den ganz kleinen Kindern oft Oma und Opa die Betreuung übernehmen“, erklärt dies der Mühlhausener Bürgermeister Bernd Schaefer. Die Gemeinde mit knapp mehr als 1000 Einwohnern habe ohnehin nur etwa acht Geburten pro Jahr. „Das können wir mit unseren sechs Plätzen auffangen“, sagt Schaefer.
Besonders gut stehen im Südwesten der Kreis Tübingen mit rund 37 Prozent und die Stadt Heidelberg mit rund 45 Prozent Betreuungsquote da. Im Heidelberger Rathaus heißt es, man habe sehr früh mit dem Ausbau der Betreuungsplätze begonnen – und nie nachgelassen. „In einer beliebten und großen Stadt, wie wir es sind, gibt es nie ein ausreichendes Angebot“, sagt Myriam Lasso, die Leiterin des Heidelberger Kinderamts. Ähnlich sieht man dies im Kreis Tübingen, dem kleinsten Flächenlandkreis im Südwesten.
Wie sieht es in Stuttgart aus?
Klar ist also, dass die Betreuungsquoten vielerorts weiter steigen müssen, denn auch die Zuwanderung in die Kreise der Region verschärft die Situation. Weil in Stuttgart Wohnraum knapp und teuer ist, ziehen junge Familien verstärkt aufs Land, arbeiten aber weiter in der Landeshauptstadt. „Die Zinsen sind niedrig und die Bauplätze hier günstig“, sagt etwa Cordula Schonard vom Göppinger Landratsamt. Familie vor Ort haben die Zugezogenen meist keine.
Den Einfluss der überraschend gestiegenen Kinderzahlen durch mehr Geburten und durch die Zuwanderung in die Region zeigt sich auch im Zeitverlauf: In Stuttgart und der Region ist die Betreuungsquote seit 2006 kontinuierlich gestiegen. In den Jahren 2013 und 2014 flachte die Entwicklung aber in den meisten Kreisen abrupt ab. „Das liegt daran, dass wir oft weiter linear ausbauen, die Kinderzahlen aber stärker steigen“, erklärt Steffen Jäger vom Gemeindetag.
Um die Kommunen zu entlasten, fordert der Gemeindetag, vorübergehend mehr Kinder pro Kitagruppe zuzulassen. „So könnten wir das abfangen, bis mehr Plätze zur Verfügung stehen“, sagt Jäger. Geld vom Bund für mehr Gebäude würde nach der Ansicht des Gemeindetags ebenfalls helfen.