Stuttgart-Kolumne Daunen und schlechtes Gewissen

Draußen sein – auch wenn man dafür Daunen braucht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Alljahresaußengastronomie braucht kälteresistente Kleidung. Seit wann sitzen wir eigentlich draußen, auch wenn es dafür eigentlich zu kalt ist?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Gibt es noch Dinge, über die man ohne schlechtes Gewissen sprechen mag in diesen Tagen? Jetzt, wo die Temperaturen nach oben gehen. Und es da draußen so schön ist. So frühlingshaft. So sonnig. Der Flieder treibt schon Knospen. Und erst die Winterlinge. Überall Gelb. Und der Himmel so blau. Keine Wolken. Und schon ist da die Bremse im Kopf, wenn man durch die Wälder oder Weinberge spaziert. Und durchatmet. Bert Brecht hat diesen Zwiespalt mal so formuliert, als er schrieb: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

 

Aber eben nur fast. Ab und an darf man doch. Darf seine Gedanken schweifen lassen. Wir landen dann beim Daunenmantel, wenn wir uns umschauen. Auffällig, dass die Menschen in der Innenstadt und in der Peripherie immer noch Daunen (wir wissen: nicht tiergerecht, aber eben ein Phänomen) tragen, obwohl sie früher den Winterballast gar nicht früh genug ablegen konnten, ohne Unterhemd unter dem Pullover loszogen und die erste Erkältung des Jahres regelmäßig pünktlich mit den ersten Sonnenstrahlen hatten.

Daunen gegen Erkältung

Und jetzt? Bei angekündigten 13 Grad zur Mittagsstunde tragen wir die Daunen weiter, obwohl uns eigentlich schon der Sinn nach Frühlingsklamotten steht. Doch wer warm eingepackt ist, der kann sich auch auf einem Sonnenplatz niederlassen, obwohl der Boden noch eisige Kälte bis hin zur Blase ausstrahlt. In solchen ambivalenten Sonnenszenarien ist ein Daunenmantel eine echte Hilfe. Er macht’s möglich. Den Kaffee, den Tee, die heiße Schokolade im Straßencafé. Ob mit oder ohne Sahne. Ohne Heizstrahler und Energievergeudung.

Da sitzen wir dann und halten unsere Nase in die Sonne und frieren nicht, obwohl wir uns gar nicht bewegen. Männer in hellblauen Jäckchen und Frauen in größeren Modellen, die bis zum Knie reichen. Dass im Turnschuh keine Socken zu sehen sind, lassen wir jetzt mal beiseite. Bis vor einigen Jahren waren nur die Isländer so verrückt. Aber die müssen ja auch jeden Sonnenstrahl mitnehmen, bevor es wieder dunkel und kalt bei ihnen wird. Aber ab Februar in der Sonne sitzen und auch noch bedient zu werden, wo gab’s denn so was? Draußen nur Kännchen und Kaffee erst ab Mai – so war die Weltordnung.

Einkehr wird möglich

Wann kam die Wende? Schon vor Corona? Oder hat das angefangen, als es im ersten Jahr der Pandemie ausnahmsweise erlaubt war, unter Heizstrahlern in der Außengastronomie Normalität zu spielen? Oder hat es etwas mit dem Klimawandel zu tun, der so zynisch das klingen mag, dem Daunenmantel in unseren Breitengraden die Daseinsberechtigung genommen hat. Denn wann war es im zu Ende gehenden Winter so richtig bitterkalt? So gut wie nie? Hatten wir eigentlich Schnee? Kaum. Und was machen wir jetzt mit den warmen Mänteln? Richtig. Wir ziehen sie an, wenn wir bei Frühlingstemperaturen unterwegs sind, um einzukehren.

Und dann sitzen wir da, atmen durch, wünschen uns endlich wieder Normalität wie vor Corona und Krieg und ertappen uns in unserer friedlichen Welt dabei, dass wir doch ein schlechtes Gewissen haben.

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