Keiner kann mitzählen, wie oft das Wort „Stuttgart“ am Freitagabend auf dem Wasen als Ausruf der Begeisterung ertönt. Ein Dank an die Fantastischen Vier für ihre einzigartige Show – und für Lokalpatriotismus pur!

Lokales: Uwe Bogen (ubo)

Dass die Fantastischen Vier zu den allerbesten Livebands der Republik zählen, steht außer Frage. Wie Smudo, Thomas D., Michi Beck und And.Ypsilon etwa 30 Hits ihrer 33-jährigen Karriere in zwei Stunden auf dem Cannstatter Wasen voller Power und mit bombastischem Sound raushauen, ist einzigartig und geht durch Mark und Bein. Dazu wird optisch großes Kino geboten – mit knallenden Konfettikanonen, mit goldenen Glitterbändern, die durch die Lüfte flattern, um sich liebevoll aufs Publikum zu legen, sowie mit dem Handylichtermeer auf den Tribünen bei Dämmerung. Sogar die Sonne geht so theatralisch hinter der König-Karls-Brücke unter, als gehöre dies zur Show „Für immer 30 Live“.

So ein intensives Erlebnis gibt es nur in der „Mutterstadt!“

Doch ein Auftritt der Fantas daheim in Stuttgart ist noch viel mehr als überragendes Entertainment – was 28 000 Menschen quer durch alle Generationen am Freitag am Neckarstrand an Glück und Stolz erleben, können Fans in Köln, Hamburg oder Berlin, selbst wenn sie ebenso leidenschaftlich sein sollten, nie und nimmer spüren. Denn in der „Mutterstadt“, von der die Band immer wieder spricht, ist alles anders.

Bei so viel Lob für eine möglicherweise außerhalb verkannten Stadt, ohne die es die Fantastischen Vier nicht geben würde, stört es nicht, dass nur noch einer der Hip-Hop-Heros „zuhause“ wohnt. Nur And.Ypsilon ist hier geblieben. Die Fans tragen „Stuttgart“ auf der T-Shirt-Brust oder „Benztown“ auf den Rücken ihrer Hoodies. Die Pressesprecherin der Band heißt obendrein Natascha Nopper, ist aber nicht verwandt oder verschwägert mit dem aktuellen Oberbürgermeister Frank Nopper. Für diesen Lokalpatriotismus, der echt rüberkommt und in der Wasenarena mit vier Tribünen voll und ganz geteilt wird, muss den vieren auch mal offiziell gedankt werden. Dies wollen wir hiermit tun! Super, Fantas! Stuttgart-Liebe höret nimmer auf! Wenn ihr so weiter macht, seid ihr sichere Kandidaten als Stuttgarter Ehrenbürger.

Alle sind älter geworden, einige bringen ihre Kinder mit

Auch hinter den Zäunen wird Party gemacht. Auf Balkonen der nahen Häuser trifft man sich zum gemeinsamem Hörerlebnis. Die meisten für drinnen kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln – so vernünftig ist man in Stuttgart –, sodass es kurz vor Konzertbeginn noch freie Parkplätze auf dem Wasen gibt. Auf dem Festgelände ist’s ein bisschen wie bei einem großen Klassentreffen. Alle sind älter geworden, erfreuen sich an der Nostalgie und an Erinnerungen, einige bringen ihre Kinder mit. Paul ist elf, sitzt auf Tribüne eins in Reihe 20. Sein Vater hat ihn zum Fanta-Besuch mitgenommen, damit der Junior mal live hört, was den Senior einst so glücklich gemacht hat. „Paul war neun, als die Pandemie begann“, sagt der Vater, „er musste lange warten auf sein erstes Konzert.“

Lob für die „Omas gegen rechts“ von Michi Beck auf der Bühne

Auch Fans um die 70 sind im Publikum und werden von der Band ausdrücklich begrüßt. Es sind die „Omas gegen rechts“. Gut sei es, dass doch kein AfD-Parteitag in Fanta-Nähe stattfindet, sagt Michi Beck unter Beifall. In der „Mutterstadt“ ist die Gästeliste länger als in anderen Städten. Die alten Freunde sind for free eingeladen, aber sie werden aufgefordert, zehn Euro für „Laut gegen Nazis“ zu spenden. Die After-Show-Party der Band und ihrer Freunde muss wegen der Corona-Ansteckungsgefahr ausfallen. Um 22.30 Uhr muss Schluss sein wegen der Anwohner. Die Fantas sind sogar noch einige Minuten früher mit „Zusammen“, der Zugabe, fertig. Punktgenau landen sie! Ruhig und beglückt bewegen sich die Massen Richtung Ausgang. Irgendwie ist auch dies typisch Stuttgart. Keiner schlägt über die Stränge. Mit einem guten Gefühl geht’s nach Hause.

Band gibt bekannt: Wir spielen auch noch am 23. Dezember in Stuttgart

Beim zweiten Heimspiel am Samstag ist Clueso als Special Guest mit dabei. Es gibt noch Karten an den Abendkassen. Einlass ist um 16.30 Uhr. Clueso spielt um 19.15 Uhr. Die Fantas treten um 20.30 Uhr auf. Am Freitag hat die Band obendrein bekannt gegeben, am 23. Dezember 2022 noch ein Konzert in der Schleyerhalle zu spielen. Der Vorverkauf dafür beginnt am Montag.