Stuttgart: Künstlerin will 366 Bäume pflanzen Riesenwürmer in der Stuttgarter City

So hätte sich die Künstlerin Monster Chetwynd ihre Sandwurm-Skulptur vorgestellt. Foto: Monster Chetwynd

Sieben Künstlerinnen und Künstler haben Ideen entwickelt für ein spektakuläres Kunstprojekt in Stuttgart. Das Konzept der Gewinnerin wird die Stadt lange beschäftigen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Das wäre es – Frösche mitten auf dem Österreichischen Platz, singende Vögel, quakende Enten und Passanten, die, hoppla, mit den guten Schuhen plötzlich mitten im Sumpf stehen. Wenn es nach Anne Duk Hee Jordan ginge, wäre der Österreichische Platz schon bald ein Feuchtgebiet, eine Art Sumpf mitten in der Stuttgarter Innenstadt. Bloß: Hätten sich Pflanzen und Tiere tatsächlich wohl gefühlt zwischen den täglichen Autokolonnen?

 

1,5 Millionen Euro bewilligt

Die Jury hatte Zweifel, weshalb die in Berlin lebende Künstlerin dann doch nicht den Zuschlag bekommen hat für „Große Kunst für Stuttgart“. Denn groß soll das Kunstwerk werden, für das der Stuttgarter Gemeinderat 1,5 Millionen Euro bewilligt hat. Als der Beschluss fiel, hatten die meisten Christo und Jeanne-Claude im Hinterkopf, die in Stuttgart vielleicht den Hauptbahnhof oder den Fernsehturm verpackt hätten. Leider leben die beiden nicht mehr.

Nun könnte Stuttgart ein Kunstprojekt erhalten, das vielleicht weniger spektakulär als die Verhüllung des Pariser Triumphbogens ist, dafür aber deutlich nachhaltiger. Die schottische Künstlerin Ruth Ewan hat den Wettbewerb für ein künstlerisches Großprojekt im öffentlichen Raum gewonnen und will 366 verschiedene Baumarten in der Stadt pflanzen.

Ruth Ewan will in Stuttgart 366 Bäume pflanzen. Foto: Ruth Ewan/Dan Griffiths

Damit erfüllt sie gleich mehrere Ziele, die die „Große Kunst“ erfüllen soll: Sie soll, sagt der Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, Stuttgart einen Mehrwert bringen, Relevanz besitzen, Teilhabe ermöglichen, niederschwellig zugänglich sein, aber auch ästhetischen Ansprüchen genügen. Sieben Künstlerinnen und Künstler haben Vorschläge eingereicht, die nun im Stadtpalais Stuttgart und in den Schaufenstern des ehemaligen Kaufhauses in der Eberhardstraße vorgestellt werden. Darunter, so Gegenfurtner, ist „kein Denkmal“.

Denn die Zeiten, als Städte Skulpturen für den öffentlichen Raum ankauften, die für die Ewigkeit bestimmt sind, ist endgültig vorbei – nicht nur in Stuttgart. Viele große Städte setzen inzwischen auf temporäre Konzepte, die stärker aktuelle Fragen reflektieren und oft auch die Bevölkerung einbinden. Gleich mehrere der nun vorgestellten Ideen befassen sich mit ökologischen Fragen. Asad Raza wollte im ehemaligen Kaufhof Stuttgarter Abfälle in „Neoerde“ verwandeln und auf dem Schlossplatz einen begehbaren Krater graben. Monster Chetwynd, eine britische Künstlerin, hätte mit riesigen Skulpturen in Form von Sandwürmern sicher „viel mediale Aufmerksamkeit generiert“, wie ein Jugendvertreter in der Jury meinte. Orte wie der Schlossplatz seien aber auch so schon belebt genug.

Bunt gemischte Jury

Die Jury, die sich nun letztlich für die 366 Bäume von Ruth Ewan entschieden hat, war bunt gemischt, bestand aus Stuttgartern und Externen, Kunstexperten, aber auch Vertretern aus der Verwaltung, die besonders Fragen zum Klimaschutz oder zur Inklusion im Blick hatten. Der aufwendige Prozess wurden von zwei Mitarbeiterinnen des Kulturamts, Kirsten Bayer und Marina Bergholz, begleitet. Sie haben auch eine Straßenumfrage initiiert, die nun im Stadtpalais gezeigt wird und den Juroren, die die Stadt nicht kannten, einen Einblick geben sollte, wie Stuttgart tickt: groß, unübersichtlich und laut sei die Stadt, meinte jemand. Hier treffe schwäbischer Charme auf Weltoffenheit, sagte ein anderer. Andere Stimmen: Stuttgart sei modern, historisch, multikulturell – und zu eng.

Ein Feuchtgebiet wird es nicht auf dem Österreichischen Platz geben. Foto: Anne Duk Hee Jordan

Und weil es in Stuttgart eng ist, wird das Preisträgerprojekt von Ruth Ewan nicht so leicht umgesetzt werden können. Zum einen muss der Gemeinderat noch zustimmen, aber auch dann werde es ein Langzeitprojekt, so Marc Gegenfurt, da die Bäume in die Stadtplanung integriert werden müssten. Schnell gehe es sicher nicht, aber „es wird richtig groß“, meint der Kulturamtsleiter.

Einfacher zu realisieren wäre da wohl das Konzept von Samson Young gewesen, der 63 Mini-Konzerte und Audio-Spaziergänge in der Stadt initiieren wollte. Henrike Naumann hätte dagegen an den Wänden des Rosensteinbunkers in Bad Cannstatt Reliefs angebracht mit Bezug zur Ukraine. Auch das hätte man leichter umsetzen können als „The Green Fuse“, wie Ewan ihren Baumkalender nennt. Sie hat bei mehreren Projekten mit der Natur gearbeitet, „aber nicht in dieser Größenordnung“, wie sie bei der Ausstellungseröffnung im Stadtpalais erzählte. Wobei groß relativ ist: Als Joseph Beuys 1982 zur documenta 7 eingeladen wurde, wurden für sein legendäres Projekt innerhalb von fünf Jahren 7000 Eichen gepflanzt.

Kunst – mitten in der Stadt

Öffentlicher Raum
Die Stadt Stuttgart will das Potenzial der Kunst im öffentlichen Raum stärker nutzen. Deshalb wurde nicht nur ein Großprojekt angestoßen, sondern wurden vor zwei Jahren auch eine Million Euro bewilligt und 2,5 neue Stellen für das Kulturamt geschaffen.

Ausstellung
bis 6. Januar im Stadtpalais – Museum für Stuttgart, geöffnet Di - So 10 bis 18 Uhr, Fr 10 bis 21 Uhr. adr

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