Stuttgart: Kunst im öffentlichen Raum Wo die Autostadt noch Platz lässt

Beat Zoderer hat sich bei seiner Arbeit „Der Volksvertreter“ vor dem Landtag an der schwächsten Schachfigur orientiert: dem Bauer. Foto: Matter Of 5 Bilder
Beat Zoderer hat sich bei seiner Arbeit „Der Volksvertreter“ vor dem Landtag an der schwächsten Schachfigur orientiert: dem Bauer. Foto: Matter Of

Stuttgart hat sehr viel Kunst im öffentlichen Raum. Jetzt gibt es endlich ein umfassendes Buch dazu, das allerhand spannende Anekdoten bereithält.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
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Stuttgart - Eigentlich sollte in diesen Tagen ihre große Stunde schlagen, schließlich ist bei diesem Kunstbesuch Frischluft garantiert und es fällt auch kein Eintritt an. Stuttgart ist ein riesiges Museum. Mehr als 400 Skulpturen finden sich im öffentlichen Raum, auf Plätzen, in Parks oder beiläufig und nicht als Kunst erkennbar – wie der hohe, gemauerte Schacht aus Backsteinen vor dem Haus der Abgeordneten. Da muss man schon genau hinschauen, um zu erkennen, dass es sich um eine Arbeit von Per Kirkeby handelt.

Zum ersten Mal wurden die vielen Werke der Stadt nun in einem Buch versammelt. „Kunst im öffentlichen Raum in Stuttgart“ nennt sich die Neuerscheinung aus dem Kerber-Verlag, die bewusst macht, wie präsent die Kunst in Stuttgart ist. Ob es die blauen Lichtbänder von Nikolaus Koliusis im Tunnel unterm Schlossplatz sind oder die Löcher, die Martin Bruno Schmid in der Fassaden der Hochschule für Technik hinterlassen hat – selbst bei geschlossenen Museen hat die Stadt sehr viel Kunst zu bieten.

Protest ist nicht selten bei Kunst im öffentlichen Raum

Leicht haben es Werke im Freien allerdings nicht – nicht nur, weil sie Wind, Wetter und Vandalismus ausgeliefert sind, sondern auch einem Publikum, das mitunter urteilt, ohne sich ernsthaft mit dem Werk auseinanderzusetzen. Deshalb ist Ärger bei Skulpturen oft programmiert. Das war auch nicht anders, als 1839 auf dem damaligen Alten Schlossplatz ein Denkmal für Friedrich Schiller enthüllt wurde. „Wie? Dieser Kopf- und Nackenhänger, der wie ein Säulenheiliger steht, wär’ meines Volkes Lieblingssänger“, lästerte Franz Freiherr von Dingelstedt. Bertel Thorvaldsen hatte Schiller nachdenklich gezeigt und nicht als Helden, wie man es bis dato von Denkmälern gewohnt war.

Schon immer scheinen die Stuttgarter eine Vorliebe für Bildnisse berühmter Männer gehabt zu haben. Mörike, Schubert und Liszt wurden verewigt, Johannes Kepler und Gottlieb Daimler. Nach Kriegsende erlebten die Skulpturen im öffentlichen Raum einen wahrhaften Boom, denn 1950 gab die Landesregierung die Empfehlung aus, bei Bauvorhaben künftig ein bis zwei Prozent der Bausumme in Kunst am Bau zu investieren. Plötzlich bekamen Schulen und Kindergärten Kunstwerke, Friedhöfe und sogar der Schlachthof. Dabei hielt auch die moderne Kunst Einzug – ob an der Fassade der Liederhalle oder auf dem Platz vor ihr, wo eine Skulptur des Stuttgarter Bildhauer Otto Herbert Hajek aufgestellt wurde. Kein Künstler ist bis heute so präsent wie Hajek mit seinen geometrischen Formen.

Die Menschen in der Autostadt Stuttgart sollten ästhetisch gebildet werden

Dass die Autostadt Stuttgart immer wieder viel Geld in die Hand nahm für Kunst auf den Flächen, die der Verkehr nicht benötigte, hatte durchaus auch ideologische Gründe. Man habe zur ästhetischen Bildung der Gesellschaft beitragen wollen, schreibt Sebastian Schneider. Alle Bevölkerungsgruppen sollten Zugang zur zeitgenössischen Kunst bekommen – auch außerhalb der Museen.

Die Bundesgartenschau 1977 nahm das Stuttgarter Kulturamt auch zum Anlass für 29 neue Skulpturen. Bis heute befindet sich hinterm Bahnhof die damals aufgestellte „Schichtung 107“ von Thomas Lenk, ein abstrahiertes Tor hin zum Park. Zur Internationalen Gartenausstellung (Iga) 1993 wurden nun auch internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen – Dan Graham oder Herman de Vries, dessen „Sanctuarium“ sich noch immer auf dem Pragsattel befindet: Zwischen den mehrspurigen Straßen schützt ein Zaun ein rundes Fleckchen Natur vor dem Menschen. Hans-Dieter Schaal hatte zur Iga die Ruine der Villa Moser überbaut. Inzwischen sind auch seine Stege zur Ruine verkommen und so baufällig, dass sie gesperrt wurden.

Das Volk störte sich an den nackten Figuren in den königlichen Anlagen

In ihrem einführenden Aufsatz erinnert Andrea Welz an allerhand Anekdoten. So soll König Wilhelm I. sehr beleidigt gewesen sein, dass sich das Volk erregte über die nackten Figuren in den königlichen Anlagen. Trotzig ließ er sie ins Innere der Schlossanlage bringen und wies seinen Hofbildhauer an, fortan „zur Abschneidung jeden Anstoßes“ auf „Nuditäten“ zu verzichten. Auch die Nymphe am Galatea-Brunnen empfanden die Stuttgarter als zu dick und zu nackt.

Schade nur, dass das höchst verdienstvolle Buch nicht sehr ansprechend und wenig leserfreundlich gestaltet wurde. Man hätte sich auch gewünscht, dass im umfassenden Bildteil zumindest einige markante Skulpturen kurz erläutert würden. Bei der Karte, in der sämtliche Standorte vermerkt sind, hat man auch auf Farbe und Straßennamen verzichtet – vermutlich der Kosten wegen.

Künstlerduo kaperte die Videowand am Pragsattel

Heute nimmt die Kunst im öffentlichen Raum oft Formen an, die nur noch wenig mit den Denkmälern von einst zu tun haben. Winfried Stürzl erinnert in seinem Aufsatz an ungewöhnliche Interventionen wie das Performance-Hotel, das Byung Chul Kim 2009 im Stuttgarter Osten eröffnete. Wer eine Performance aufführte, durfte kostenlos übernachten. Irritation lösten auch Nana Hülsewig und Fender Schrade aus, die 2016 den öffentlichen Raum kaperten und auf dem Hochbunker am Pragsattel die Videowand mit ihren Inhalten bespielten und dafür sorgten, dass die Kunst zumindest für kurze Zeit die schnöde Werbung verdrängt.




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