Stuttgart Macht und Mythos der Villa Reitzenstein

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Hoch droben auf der Gänsheide, in bester Hanglage, steht eines der wichtigsten Gebäude der Stadt: die Villa Reitzenstein – mal apostrophiert als Zentrale der Macht, mal als Hort der Demokratie. Der Journalist Thomas Borgmann hat über das bedeutsame Gebäude ein Buch geschrieben.

Zentrum der Macht: Auch die neue grün-schwarze Landesregierung  hat ihren Sitz in der Villa Reitzenstein. Foto: dpa
Zentrum der Macht: Auch die neue grün-schwarze Landesregierung hat ihren Sitz in der Villa Reitzenstein. Foto: dpa

Stuttgart - Hoch droben auf der Gänsheide, in bester Stuttgarter Hanglage, steht eines der bedeutendsten Gebäude der Landeshauptstadt: die Villa Reitzenstein, mal apostrophiert als Zentrale der Macht, mal als Hort der Demokratie. Immerhin seit 1925 befindet sich dort der Amtssitz der Staats- und Ministerpräsidenten, zunächst von Württemberg, seit 1952 von Baden-Württemberg. Und sollte der amtierende Landeschef Winfried Kretschmann ursprünglich Pläne gehegt haben, den Regierungssitz in die Stadtmitte zu verlegen, sind diese längst Makulatur. Dem Journalisten Thomas Borgmann ist es zu verdanken, dass die ebenso spannende wie politisch relevante Geschichte dieses Prachtbaus vom Beginn des 20. Jahrhundert umfassend und mit bisher nicht veröffentlichten Zeugnissen aufbereitet worden ist: „Macht und Mythos. Die Villa Reitzen­stein“, so lautet schlicht der Titel des sehr lesenswerten Standardwerkes.

Borgmann ist ein intimer Kenner der Stuttgarter Stadthistorie ebenso wie der Landesgeschichte. Lange Jahre hat er die kommunalpolitische Berichterstattung der „Stuttgarter Zeitung“ verantwortet und ist bis heute als freier Autor aktiv. Seine profunden Kenntnisse sind eingeflossen in sein Buch, an dem er zweieinhalb Jahre lang gearbeitet hat, wie er selbst sagt. In den Katakomben von Archiven hat er sich getummelt, um möglichst viele originale Dokumente zu sichten; alte, bisher unveröffentlichte Bilder hat er zu Tage gefördert; und nicht zuletzt hat er mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, unter anderem mit den früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Günther Oettinger. Nur ein Gespräch mit dem im März verstorbenen Lothar Späth, der an schwerer Demenz litt, blieb dem Journalisten versagt. Den vielfältigen Eindrücken und Erkenntnissen, die sich auf den gut 300 Seiten niederschlagen, hat dies aber keinen Abbruch getan.

Anfang der 1920er Jahre kam das Gebäude in staatliche Hände

Der Autor geht streng chronologisch vor. Im ersten Kapitel erinnert er unter anderem an die Bauherrin selbst, Helene von Reitzenstein, die zweite Tochter des Stuttgarter Verlegers Eduard Hallberger und spätere enge Freundin der Königin Charlotte von Württemberg. Sie war eine letztendliche tragische Frauengestalt. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, der 1897 im Alter von nur 43 Jahren starb, gab die Beziehung dieser beiden Damen in der feinen Stuttgarter Gesellschaft zueinander allerlei Anlass für Spekulationen. War da am Ende mehr? Auf jeden Fall entschied sie sich nach Jahren der Lethargie in Stuttgart zu bleiben – aber anstatt in der lauten Innenstadt zu residieren, sich auf der Gänsheide von den Architekten Hugo Schlösser und Johann Weirether ein neues Domizil errichten zu lassen. So entstand zwischen 1910 und 1913 nach dem Vorbild des Schlösschens Monrepos in Ludwigsburg die Villa Reitzenstein, in der Helene selbst nur neun Jahre lang wohnen sollte. Anfang der 20er Jahre kam das Gebäude in staatliche Hände – und sollte fortan als Regierungssitz dienen. Wilhelm Bazille war der erste Staatspräsident, der in dem Prachtbau mit seiner wunderbar weiten Parkanlage seine Amtsgeschäfte führte; er sollte das einzige Landesoberhaupt sein, das zugleich in der Villa wohnte. Viele weitere Ministerpräsidenten sollten folgen: der später von den Nationalsozialisten ermordete Eugen Bolz etwa oder, in den Nachkriegsjahren, Gebhard Müller, Kurt Georg Kiesinger und Lothar Späth. „Diese Villa“, so formuliert es Thomas Borgmann, „ ist ein Symbol für die deutsche Geschichte und vor allem für die spannende, teilweise dramatische Geschichte des deutschen Südwestens“.

Den unterschiedlichen Epochen, den Menschen, die dieses Haus belebt haben, aber auch dessen Aura, dessen Würde spürt der Autor überaus detailreich nach. Im Kern geht es dabei aber immer auch um politische Landesgeschichte. Borgmann arbeitet minutiös heraus, in welch vielfältiger Weise die Villa Reitzenstein immer auch ein politischer Schicksalort gewesen ist, dies speziell für die CDU im Land, die 58 Jahre lang den Hausherren gestellt hat, den Stab 2011 aber an den Grünen Winfried Kretschmann übergeben musste.

Der Glanz, die Lust am Regieren, aber auch das Scheitern und die Einsamkeit der Macht – all diese Facetten schimmern immer wieder und an verschiedenen Stellen des Buches durch. So wird der Bogen am Ende geschlagen zu jenem Kapitel, das die jüngste grundlegende Modernisierung des rund 100 Jahre alten Baus nachzeichnet. Credo des mit dem Auftrag betrauten Berliner Architekten schwäbischer Wurzeln, Martin Sting: Alles beim Alten, aber ganz neu. Das gilt ein wenig auch für Borgmanns Buch, das mit großer Empathie zum Gegenstand, aber auch mit klarer Distanz geschrieben ist. Bisweilen ist auch ein Augenzwinkern zu erkennen, wenn am Ende der Einleitung auf einen reichlich respektlosen Volksspruch angespielt wird, die Landesfahne betreffend, die bisweilen auf der Kuppel der Villa weht: „Wenn d’r Lappa droba hengt, isch dr Lomp dahoim!“

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