Mann wegen Totschlagsversuchs vor Gericht Blutiger Streit um Parkplatz an der Stuttgarter Partymeile

Von George Stavrakis 

Weil sie einen Mann im Streit um einen Parkplatz schwer verletzt haben, sind Zwillingsbrüder verurteilt worden. Jetzt steht plötzlich das Opfer vor Gericht.

Blutiger Streit um einen Parkplatz  an der Theodor-Heuss-Straße: Jetzt geht die Sache zum zweiten Mal vor Gericht. Foto: SDMG/Friebe
Blutiger Streit um einen Parkplatz an der Theodor-Heuss-Straße: Jetzt geht die Sache zum zweiten Mal vor Gericht. Foto: SDMG/Friebe

Stuttgart - Die Schilderung des jungen Mannes vor der 1. Strafkammer ist die klassische Aussage eines Opfers. Er sei geschlagen, getreten, schwer verletzt worden, sagt der 26-Jährige. Und das nur, weil er mit dem Fahrer und dem Beifahrer eines Smart reden wollte, die ihm in der Innenstadt den Parkplatz weggeschnappt hatten. Doch nicht die Zwillingsbrüder, die ihn zusammengeschlagen haben, stehen seit Freitag vor Gericht, sondern der 26-Jährige.

Der blutige Parkplatzstreit datiert vom 29. September 2018. Damals war der heute 26-Jährige gegen 20 Uhr mit seiner Freundin in einem Seat auf der Theodor-Heuss-Straße in Richtung Hauptbahnhof unterwegs gewesen. Auf Höhe der Straßennummer 23 hatte er eine Lücke ausgemacht, hielt an, setzte den Blinker, legte den Rückwärtsgang ein, als ein Smart vorwärts in die Lücke flutschte. Der 26-Jährige hätte Vorrang gehabt, sagt Staatsanwalt Hermann Wimmer.

Nase und Hand gebrochen

Laut Anklage fuhr der 26-Jährige weiter und bog in die Lange Straße ab. Der Mann habe sich mit einem 700 Gramm schweren Betonstein aus einer Blumenrabatte bewaffnet, sei zu dem Smart gegangen und habe durch das geöffnete Fenster mit dem Stein auf den Beifahrer eingeschlagen. Der 32-Jährige habe die Schläge mit dem Ellenbogen abwehren können. Die Zwillingsbrüder stiegen aus dem Smart aus und prügelten auf den 26-Jährigen ein. Als er am Boden lag, deckten sie ihn mit Tritten gegen Oberkörper und Kopf ein. Erst als Passanten hinzukamen, ließen sie von ihrem Opfer ab. Der 26-Jährige trug eine Nasenfraktur, einen gebrochenen Mittelhandknochen und etliche Hämatome davon. Jetzt steht er wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung selbst vor Gericht.

Der Prozess des Angeklagten, der in Norwegen geboren wurde und seit 1999 mit deutschem Pass in Stuttgart lebt, war am Amtsgericht anhängig gewesen. Die mutmaßliche Attacke mit dem Stein hatte das Gericht jedoch veranlasst, ein mögliches versuchtes Tötungsdelikt anzunehmen. Der Mann habe mit dem Stein gezielt auf den Kopf des Beifahrers geschlagen. Also wurde das Verfahren ans Landgericht verwiesen.

Zwillinge sind bereits verurteilt

Die Version des 26-Jährigen, der nach dem Abitur mit dem Studium der Wirtschaftspsychologie gescheitert war, klingt völlig anders als das, was der Staatsanwalt vorgetragen hat. Er sei an jenem Abend vom Basketball aus Ludwigsburg gekommen. Er ist Schiedsrichter beim Deutschen Basketballverband. Er habe die Parklücke gesehen, die Zwillinge albanischer Herkunft hätten ihm mit dem Smart den Platz weggeschnappt. „Ich wollte mit denen reden. Wir hätten beide in die Parklücke gepasst“, sagt er. Doch er sei aus dem Smart heraus nur angeblafft worden. Plötzlich habe er einen Schlag gegen die Schläfe bekommen, der Fahrer sei ausgestiegen, dann habe er wüste Prügel bezogen. Er erinnere sich noch, dass er wieder in den Seat eingestiegen und abgebogen sei. Dann sei etwas von hinten in Richtung seines Wagens geflogen. Blutüberströmt sei er ausgestiegen und erneut geschlagen und getreten worden. „Ich habe niemanden mit einem Stein geschlagen“, sagt der von Verteidiger Boris Müller vertretene Mann. „Die Zeugenaussagen deuten eher auf die Version der Zwillinge hin“, sagt dagegen die Vorsitzende Richterin.

Die Zwillinge sind wegen des Vorfalls bereits im Januar 2019 zu einem Jahr mit Bewährung und zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Sie haben dem 26-Jährigen 5000 Euro Schmerzensgeld bezahlt. Jetzt tritt der Zwilling, der mit dem Stein traktiert worden sein soll, als Nebenkläger gegen den 26-Jährigen auf. Am 27. Januar wird weiterverhandelt.

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