Stuttgart-Mitte Reden im Regen für den Hoppenlaufriedhof

Von Claudia Leihenseder 

Der Bürgerchor Stuttgart setzt sich für den Erhalt und die Sanierung der Ruhestätte ein.

Das nasse Wetter hat die engagierten Sängerinnen und Sänger nicht abgeschreckt. Foto: Claudia Leihenseder
Das nasse Wetter hat die engagierten Sängerinnen und Sänger nicht abgeschreckt. Foto: Claudia Leihenseder

S-Mitte - Der Chor im antiken Drama ist sein Vorbild. Er begleitet die Handlung und mahnt zur rechten Zeit. Das will der Bürgerchor Stuttgart ebenfalls tun – und warnt und begleitet Dinge in der Landeshauptstadt. Nun ist der Hoppenlaufriedhof im Westen in den Fokus der Aufmerksamkeit des Chors gerückt und zum Ort zweier Performances geworden.

Regentropfen prasseln am Sonntagvormittag auf die vielen Schirme, unter denen sich kulturinteressierte Menschen versammelt haben. Ein Chormitglied verteilt Zettel mit den Namen derer, die an diesem Tag Besuch bekommen sollen. Gustav Schwab ist unter den Genannten, aber auch Wilhelm Hauff, Emilie Zumsteeg und Georg von Reinbeck samt Gemahlin Emilie zählen dazu. „Eineinhalb Millionen Euro braucht es für die Konservierung des Hoppenlaufriedhofs“, sagt Sibylle Maus vom Bürgerchor. Bei der ersten Performance vor zwei Wochen hat der Chor rund 500 Euro eingenommen. Zusammen mit den Einnahmen am Sonntag soll das Geld an das Garten-, Friedhofs- und Forstamt der Stadt überwiesen werden.

„Wir wollen etwas tun für diese Stadt“

Station eins beim zweiten Rundgang ist das Reinbeck-Grab. Die zwölf Chormitglieder stellen sich an der Ruhestätte des heute fast vergessenen Dichters auf. Die Haare und Mützen der Auftretenden werden nass – und sie sprechen gemeinsam im Chor: „Heftiges und anhaltendes Weinen.“ Eine Chordame sagt: „Berühmtester und traurigster Gast im Hause war Nikolaus Lenau.“ Ein Mann fährt fort: „Stuttgart nannte er übrigens in dunkler Stunde das Tal der Unken.“ Die Zuhörer erfahren vom Schicksal des Schriftstellers Lenau, der oft im Dichterhaushalt Reinbeck zu Besuch war und dort den ersten Anfall seiner Krankheit bekommen hatte. „Emilie! Mich hat der Nervenschlag getroffen“, liest ein Mann vor. Die Gruppe zieht weiter. Es folgt ein Zwischenhalt bei Danneckers Trauerskulptur für eine Fünfzehnjährige: Christiane Friederike Spittler (1776-1791). Der Chor spricht: „Durfte man eine solche Kostbarkeit so verkommen lassen?“

Das ist die Kritik des Bürgerchors Stuttgart: „Der Hoppenlaufriedhof ist in einem furchtbarem Zustand“, sagt Sibylle Maus. Für ein Kulturdenkmal sei das nicht hinnehmbar. So hat Maus, Journalistin und freie Autorin, Texte zusammengetragen von und über Persönlichkeiten, die auf dem Friedhof begraben sind. „Wir wollen etwas tun für diese Stadt“, sagt sie.

Von Grab zu Grab

Der Bürgerchor Stuttgart hat sich vor rund eineinhalb Jahren als Verein eintragen lassen. Die 14 Mitglieder stammen aus dem Chor, der als Volk bei Volker Lösch im Staatstheater im Stück „Metropolis/The Monkey Wrench Gang“ aufgetreten war. „Wir haben den Chor gegründet, weil wir an dieser Stelle weiterarbeiten wollten“, berichtet Sibylle Maus und betont: „Wir singen nicht, wir sprechen.“

So zieht der Chor mit einem Tross von 60 bis 80 Zuhörern von Grab zu Grab. Sie sprechen über die Persönlichkeiten, berichten aus der Zeit, zitieren Texte mal im Chor und mal solo. An jeder „besprochenen“ Stätte hinterlassen sie eine brennende Grabkerze, bevor es über die nassen Wege und den aufgeweichten Rasen zum nächsten Ort geht. „Da erfährt man einiges“, meint eine ältere Zuhörerin zwischendurch und warnt auf dem Weg: „Hier ist es rutschig.“

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