Stuttgart-Möhringen Der Stadtrand rückt zum Riedsee vor

Von Götz Schultheiss 

In rund drei Jahren wird wohl die Gaststätte am Riedsee schließen. Das Gebäude ist marode. Es soll so saniert und erweitert werden, dass zehn Mietwohnungen darin Platz haben. Auch die Stadt verfolgt am Gewässer Immobilienpläne.

Idyllisch liegt die Gaststätte am Riedsee. Nach drei Jahren muss sie voraussichtlich Wohnungen weichen. Foto: Götz Schultheiss
Idyllisch liegt die Gaststätte am Riedsee. Nach drei Jahren muss sie voraussichtlich Wohnungen weichen. Foto: Götz Schultheiss

Möhringen - Wer in Möhringen idyllische Landschaft mit Kulinarik verbinden will, der begibt sich zum Naherholungsgebiet Riedsee. In etwa drei Jahren ist aber dort vermutlich Schluss mit dem Gaumenkitzel, denn dann muss die Gaststätte Riedsee an der Elfenstraße dem in Stuttgart benötigten Wohnbau weichen. So wenigstens sehen es die Pläne der Eigentümerin der Gaststätte, der Dinkelacker Immobilien AG, vor.

„Das Gebäude der Gaststätte aus dem Jahre 1958 ist in die Jahre gekommen. Man müsste die Heizung, die Elektrik, die Wasserleitung und die Fenster erneuern, eigentlich dürften nur noch die Außenwände stehen bleiben, der Rest müsste saniert werden“, sagt Werner Hübler, Vorstand der Dinkelacker Immobilien AG. Wenn es unumgänglich sei, für die Sanierung so viel Geld auszugeben, dann müsse man auch die Alternative ins Auge fassen, nämlich Wohnbau, „der in Stuttgart dringend gebraucht wird“.

Der Vertrag mit dem Pächter wurde um drei Jahre verlängert

Natürlich, sagt Hübler, sei beim Gaststättenbetrieb auch die Brauerei Dinkelacker dazwischengeschaltet, diese habe aber signalisiert, dass der Standort für eine Gaststätte nicht so interessant sei. „Was man heute an Gastronomie erwartet, ist dort so nicht darstellbar“, sagt Hübler. Die Umstellung von der Gastronomie zum Wohnbau erfolge nicht von heute auf morgen. Die Stadt gehe von zwei Jahren Planungszeit aus, Dinkelacker brauche für ihre Pläne ein weiteres Jahr, das ergebe dann den Zeitraum von drei Jahren, den die Dinkelacker Immobilien AG im Auge habe. „Der Vertrag mit dem Pächter ist am Jahresende ausgelaufen, wir haben deshalb aber vereinbart, ihn um drei Jahre zu verlängern, wohl wissend, dass beide Vertragspartner kleinere Brötchen backen müssen“, sagt Hübler. Konkret heiße dies: „Eigentlich müsste die Küche der Gaststätte erneuert werden, aber der Pächter hat darauf verzichtet. Dafür sind wir ihm mit der Pacht entgegengekommen.“

Dass die Lage der Gaststätte am Riedsee zwar idyllisch ist, der Reiz aber am Gebäude endet, bestätigt auch der Pächter des Lokals, Vaclav Kupar, der sich über die Verlängerung der Pacht freut, aber, wie er auch auf seiner Homepage ankündigt, wegen Renovierung vom 27. Dezember bis zum 31. Januar schließen muss: Das Haus müsse saniert werden, denn seit rund 50 Jahren habe sich nichts getan. Er ist erst einmal froh, noch drei Jahre weitermachen zu können, aber er weiß: „Für mich hat das die Folge, dass ich anderswo hin muss. Ich muss mir etwas Neues suchen.“

Wohnungsbau ist auf diesem Areal nur mit einem geänderten Bebauungsplan möglich

Klar, dass sich die Stadtplaner schon Gedanken darüber gemacht haben, wie sich die Vorstellungen der Dinkelacker Immobilien AG umsetzen lassen. Dies geht nur mit einer Änderung des Bebauungsplans am Riedsee und an der nördlichen Elfenstraße. Am Mittwochabend sollte das im Bezirksbeirat diskutiert werden, aber das Thema wurde von der Tagesordnung genommen. „Der Verwaltungsvorschlag ist im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik des Gemeinderats vorgestellt worden, er konnte aber nicht eingebracht werden, weil es bei der Abstimmung mit sieben gegen sieben Stimmen ein Patt gab“, sagt die Bezirksvorsteherin Evelyn Weis. Jetzt müssten die Bezirksbeiräte warten, bis das Thema wieder im Ausschuss auf die Tagesordnung komme.

Laut der bisherigen Vorlage der Verwaltung liegt das Grundstück der Gaststätte im „planungsrechtlichen Außenbereich“, weshalb Wohnungsbau dort zum jetzigen Zeitpunkt nicht genehmigungsfähig sei. Für die Stadt ist die „geplante wohnbauliche Nutzung in dem unmittelbar an den Siedlungsbereich angrenzenden und dem ohnehin schon baulich geprägten Teil vertretbar“. Ein Bebauungsplan schaffe für die etwa zehn Mietwohnungen in dem erweiterten Gebäude die planungsrechtliche Grundlage. Das Papier macht keinen Hehl daraus, dass die Verwaltung nicht nur Dinkelacker entgegenkommt, sondern auch sich selbst. Neben dem Areal der Gaststätte liegt ein Grundstück der Stadt, das in den Bebauungsplan einbezogen werden soll. Dort könnten, sollte der Plan beschlossen werden, „zum Beispiel gemeinschaftliche Wohnprojekte mit dem Schwerpunkt Wohnen im Alter ermöglicht werden“. Mit der Wohnraumnutzung werde die Wohnungsknappheit in Stuttgart gemildert. Mit dem Bauen auf bisher noch freien Außenflächen am Siedlungsrand sei jedoch keine generelle Abkehr vom Grundsatz „Innen- vor Außenentwicklung“ verbunden.

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