Samuel Koch in Stuttgart-Möhringen Ein Gespräch über Gott und die Welt

Von Caroline Holowiecki 

Das war spannender als Mathe und Deutsch. Samuel Koch, der nach einem Unfall bei „Wetten, dass. . .?“ querschnittsgelähmt ist, erzählte in der Freien Evangelischen Schule in Stuttgart-Möhringen. 600 Kinder und Jugendliche horchten gebannt zu.

Samuel Koch betonte, dass der Besuch an der FES für ihn keine Verpflichtung ist. Doch man merkte ihm  bisweilen an, dass solche Auftritte ihm  etwas abverlangen. Foto: Caroline Holowiecki
Samuel Koch betonte, dass der Besuch an der FES für ihn keine Verpflichtung ist. Doch man merkte ihm bisweilen an, dass solche Auftritte ihm etwas abverlangen. Foto: Caroline Holowiecki

Möhringen - Hunderte von Kindern eine Stunde lang bei der Stange halten? Eigentlich schier unmöglich. Die 600 Mädchen und Jungen, die sich am Freitag in der Aula der Freien Evangelischen Schule (FES) in Möhringen versammelt haben, taten aber 60 Minuten lang keinen Mucks. Der, der da sprach, beeindruckte sie sichtlich. Keiner dieser angesagten Superstars, aber doch einer, der in Deutschland prominent ist: Samuel Koch.

Die meisten Kinder waren wohl noch zu klein und haben nicht selbst mitverfolgt, als im Dezember 2010 der inzwischen 30-Jährige bei einem spektakulären Sprung über ein Auto verunglückte – zur besten Sendezeit bei „Wetter, dass. . .?“ und vor den Augen von Millionen von Zuschauern. Viermal brach sich Koch damals sein Genick, seither ist der ehemalige Kunstturner querschnittsgelähmt. Trotz seiner Behinderung arbeitet er als Buchautor sowie als Theater- und TV-Schauspieler – und er spricht offen über sein Schicksal. Bei Veranstaltungen, aber auch mit Betroffenen. Noch an diesem Abend, sagte er, wolle er auf dem Weg zu einer Konzertlesung in Tübingen bei einem Jungen vorbeischauen, der seit zwei Wochen querschnittsgelähmt ist.

Warum ging der Stunt schief?

Samuel Koch ist ein Mutmacher. Einer der zeigt: Es geht weiter, auch wenn die Situation zunächst ausweglos erscheint. So sehr er betonte, dass er den Besuch in der FES keineswegs als Verpflichtung sehe, merkte man ihm aber auch bisweilen an, dass solche Auftritte ihm auch etwas abverlangen. Er lächelte müde, als er gestand, dass ihm die ewigen Fragen nach dem Unfall manchmal auch auf den Geist gehen. Ein Heizstrahler wärmte ihn, während viele Kinder im T-Shirt dasaßen. Natürlich wollten aber auch die beiden unerschrockenen Schülermoderatoren Kevin Beler (19) und Merlin Schoch (17) von Koch wissen: Wie war das damals, als vor laufender Kamera all seine Träume zerplatzten? An die letzten Sekunden vor dem Aufprall könne er sich nicht erinnern, nur noch daran, dass er unmittelbar vor dem Unglück ein Stoßgebet gen Himmel geschickt habe und voll konzentriert gewesen sei. Warum der Stunt schiefgehen konnte, wo er doch zuvor „Millionen von Saltos“ geschlagen habe, darüber rätsle er indes bis heute.

Für Samuel Koch gibt es Alltagszeichen

Da an der FES freilich die Religion eine große Rolle spielt, ging es an diesem Tag auch viel um Gott und die Welt. Denn wie die Leiterin des Realschulzweigs, Bärbel Golze, am Rande der Veranstaltung erklärte, hatten sich die Klassen im Vorfeld intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt. Und sie wollten wissen: Warum hat Samuel Koch, selbst bekennender Christ, seinen Glauben nach seinem verheerenden Unfall nicht verloren? In Möhringen bekannte er: Ja, er habe gehadert und sei zunächst „ziemlich ernüchtert vom Glauben“ gewesen, und nachts, wenn das Handy aus ist, denke er schon mal an den „Erfinder des Rückenmarks und zweifle an, dass seine Konstruktion so gut ist“.

Doch er sprach auch von Gottesbeweisen. Sein größter sei seine Frau, Schauspielkollegin Sarah Elena Timpe, heute Koch, und der Blick der Zuhörer fiel automatisch auf den blitzenden Ehering an der Hand, die auf dem Steuerknüppel für seinen Elektrorollstuhl ruhte. Auch dass nach einem Monat sein Zwerchfell wieder „wie aus dem Nichts“ angefangen habe zu arbeiten und er wieder allein atmen, sprechen und seinen Beruf ausüben könne, bezeichnete Koch als ein „Alltagszeichen“. Heute falle es ihm tatsächlich leichter zu glauben. „Auch wenn es mir schwergefallen ist, ich habe gelernt, dass es andere Prioritäten gibt, als sich zu bewegen.“

Sonderthemen