Stuttgart: Mundart in der Komödie im Marquardt Fahr zur Hölle, du Ripp!

Klischees und Geschlechterkämpfe in „No net hudla!“ Foto: Schauspielbühnen/Martin Sigmund

In der Komödie „No net hudla!“ werden nicht nur urschwäbische Begriffe wiederbelebt, sondern auch Geschlechterklischees. Lohnt der Besuch in der Komödie im Marquardt?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Die Welt ist ungerecht. Deshalb ging der Hof nicht an die Tochter, sondern an die beiden Brüder, die so faul sind, dass schon lang keine Schweine mehr im Stall stehen. Das ärgert Irene jeden Tag aufs Neue, während die Brüder angeln und Sprüche klopfen: „Der deutsche Bauer ist nix mehr wert.“ Willkommen in der Vergangenheit. „No net hudla!“ nennt sich die Produktion in der Komödie im Marquardt, die in Welten führt, die man für längst verblichen hielt. Da tragen Frauen Kittelschürze, Männer stehen unterm Pantoffel nach dem Motto „Wenn i zu spät zum Essen komm, krieg i Stress von meiner Regierung“. Auch das Bauernhaus, das auf Stoffkulissen gemalt wurde, hat seine besten Jahre hinter sich. Gerade recht für die junge Landwirtin aus Stuttgart, die sich vorgenommen hat, das „Schiff auf Kurs“ zu bringen – und die zwei faulen Zausel gleich mit.

 

Hamiks Stücke wurden auch im „Komödienstadel“ gespielt

Es ist Volkstheater im herkömmlichen Sinne, das der Intendant Axel Preuß hier inszeniert und dazu eine Vorlage von Anton Josef Hamik bearbeitet hat, einem 1887 geborenen österreichischen Schriftsteller und Schauspieler. Hamik trat 1933 in die verbotene NSDAP ein, was seiner Karriere auf österreichischen und deutschen Bühnen aber keinen Abbruch tat. In den 1950er Jahren wurden seine Texte gern verfilmt, in den 1970ern reüssierten sie im deutschen Fernsehen im „Komödienstadel“. Bis heute wird etwa „Der verkaufte Großvater“ von ihm gern von Mundart- und Amateurtheatern aufgeführt.

Gehört ein solcher Stoff überhaupt noch auf die Bühne?

Es war Monika Hirschle, die den Text nun in bewährter Manier ins Schwäbische übertragen hat – und beim Premierenpublikum die meisten Lacher provozierte mit urschwäbischem Vokabular und Sprüchen wie „Fahr zur Hölle, du Ripp“. Das Stück setzt in erster Linie auf den Kampf der Geschlechter. Hier kommandieren die Frauen wie Dragoner, während die Männer Bauerntölpel sind. Selbst Mandy, die junge Tochter, nennt ihren Toni „Dummi“. Dieser Toni ist ein uneheliches Kind, das vom Dorf geächtet wurde und nun vom Studium zurückkehrt. Nur mithilfe der bodenständigen Henni aus Stuttgart schafft er es, die alten Denkmuster, Vorurteile und Dorfstrukturen aufzubrechen. Auch darstellerisch ist es Bianca Spiegel, die als temperamentvolle Bäuerin Schwung in den Abend bringt. Auch wenn sie gern alte Schlager singt, weisen sie und Stefan Müller-Doriat als Toni zumindest ein wenig in die Gegenwart zwischen den angestaubten Figuren des Stückes. Scharf zündenden Humor darf man bei „No net hudla!“ nicht erwarten, aber wenn man nicht zu viel nachdenkt und die Frage ausblendet, ob ein solcher Stoff noch auf die Bühne gehört, kann man einen netten Abend haben.

No net hudla: Komödie im Marquardt. Vorstellungen bis 14. Januar

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