Stuttgart-Obertürkheim Motorradrennen im Seniorenheim

Von Elke Hauptmann 

Das Haus am Weinberg nutzt Computerspiele zur Gesundheitsvorsorge.

Konzentriert machen die Teilnehmer die Tanzbewegungen auf dem Bildschirm nach. Foto:  
Konzentriert machen die Teilnehmer die Tanzbewegungen auf dem Bildschirm nach. Foto:  

Obertürkheim - Nelli Köger legt ein rasantes Tempo vor. Routiniert steuert sie das Motorrad auf der Autobahn Richtung Berlin. Nein, nicht in echt. Das würde sich die 84-Jährige nicht zutrauen. Virtuell aber kommt die Seniorin voll in Fahrt. Aufmerksam verfolgt sie das Geschehen auf dem Bildschirm, neigt den Oberkörper mal nach links, mal nach rechts, wenn sie den Fahrstreifen wechselt. Auch die richtige Ausfahrt ist kein Problem für sie. Unfallfrei erreicht sie das Ziel – unter dem Beifall ihrer Mitspieler. Marie Krebs hingegen hat ihre Probleme beim Spurhalten. „Mehr links“, rufen die anderen aufgeregt und leiden mit, als sie erst einen Lastwagen touchiert und dann rechts in der Leitplanke landet. „Das war nichts“, räumt die 93-Jährige selbstkritisch ein.

Acht Bewohner der Obertürkheimer Seniorenwohnanlage Haus am Weinberg haben sich an jenem Mittwochabend im Klubraum der Einrichtung zum „Daddeln“ eingefunden. „Dieser monatliche Spieleabend ist beliebt“, sagt Elisabeth van Geenen, die Leiterin des Sozialen Betreuungsdienstes und stellvertretende Hausleiterin. Als eine der ersten Einrichtungen im Land sammelt die Seniorenwohnanlage des Wohlfahrtswerks Baden-Württemberg testweise bereits seit 2018 Erfahrungen mit der „MemoreBox“, einer Spielekonsole, die basierend auf Erkenntnissen aus Geriatrie, der Neuropsychologie sowie der Physio- und Musiktherapie speziell für ältere Menschen entwickelt wurde. „Es geht um motorische und kognitive Fähigkeiten“, erklärt van Geenen.

Mit Hilfe von sechs therapeutischen Videospielen sollen Senioren länger sicher gehen und stehen, ihre Motorik verbessern, ihr Gedächtnis sowie Ausdauer und Koordination trainieren. Motorrad fahren, Kegeln, Karaoke – damit will man Parkinson, Demenz und anderen typischen Alterskrankheiten vorbeugen.

Im Rahmen eines zweijährigen Modellprojekts hatte die Barmer-Krankenkasse den Einsatz der „MemoreBox“ zunächst in Hamburger und Berliner Pflegeeinrichtung erprobt und wissenschaftlich begleiten lassen. Untersucht wurde, ob sich die körperliche und geistige Fitness von Senioren tatsächlich auf diese Weise verbessern lassen. Die Erfahrungen waren so gut, dass das Pilotprojekt im April des Jahres auch in Baden-Württemberg eingeführt wurde und mittlerweile in zehn Einrichtungen zum Einsatz kommt. Bundesweit will die Barmer in diesem Jahr 100 Pflegeheime mit der „MemoreBox“ ausstatten. Im Haus am Weinberg leben 130 Seniorinnen und Senioren, darunter Pflegebedürftige, aber auch rüstige Rentner.

„Die ‚MemoreBox‘ kommt bei unseren Bewohnern sehr gut an, weil sie leicht zu bedienen ist“, berichtet van Geenen. Ein Knopfdruck reicht zum Einschalten, alles weitere wird mit Gesten gesteuert. „Wir kriegen das gut hin“, sagt Rosmarie Lang (79) und nimmt Haltung an: Jetzt wird Tischtennis gespielt. Mit der 82-jährigen Waltraud Marschall liefert sie sich ein packendes Duell mit Schmetterangriffen und Abwehrparaden – bis die freundliche Computerstimme die Aktion beendet: „Das war ein unglaubliches Spiel.“ Alle im Raum lachen zustimmend.

„Es macht unheimlich viel Spaß“, sagt Günter Lang. Er spielt am liebsten Briefträger: Auf dem Bildschirm fährt ein Postbote auf einem Fahrrad durch eine Wohnsiedlung. Links hat er eine gelbe Satteltasche, rechts eine blaue. Je nachdem, welche Farbe der Briefkasten am Straßenrand hat, muss er mal rechts, mal links nach hinten greifen und den Brief in Richtung Kasten werfen. Das gelinge ihm nicht immer, scherzt der 83-Jährige, als ein Brief hinter der Hecke landet. „Aber immer besser.“ Dana Devrnja, mit 71 Jahren die Jüngste in der Gruppe, ist trotz eines Handicaps beim Kegeln heute die Beste. Mehrfach räumt sie „alle Neune“ ab. „Der Vorteil gegenüber anderen Konsolen ist, dass sie sich individuell auf die Fähigkeiten der spielenden Person einstellt“, sagt van Geenen. Beim Kegeln ist zum Beispiel nur eine leichte Armbewegung notwendig. Dennoch seien sie mit Ehrgeiz dabei, merkt Rosmarie Lang an. „Der Wille, es beim nächsten Mal besser zu machen, treibt uns an.“

Zum Abschluss des gut anderthalbstündigen „Trainings“ wählen die Senioren noch eine Tanzübung zu „Atemlos“ von Helene Fischer. Mit Begeisterung bewegen sie Arme und Beine nach Anleitung einer Computerfigur zum Takt – fetzige Musik mögen sie. Auch beim Karaoke einigt sich die Gruppe schnell auf ein Lied: „Hoch auf dem gelben Wagen“ kennen alle. Beim nächsten Spieleabend werden die Senioren wieder dabei sein. „Man muss doch etwas für seine Fitness tun“, meint Marianne Gehrmann (87). Aber auch das gesellige Beisammensein tue ihnen einfach gut, fügt Günter Lang hinzu.

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