Stuttgart-Plieningen/Möhringen/Vaihingen Ein Shitstorm stoppt den Tierfreund nicht

Von Caroline Holowiecki 

In unserer Serie „Mein 2017“ sprechen wir mit Menschen, die im vergangenen Jahr etwas Außergewöhnliches erlebt haben. Wir fragen nach, wie es ihnen geht, was sich inzwischen verändert hat und blicken auch ein wenig in die Zukunft. Heute: Thomas Porada, der im Januar 2017 erfolglos eine hilflose Taube retten wollte.

Die Mitarbeiter der Kelley Barracks ließen den 58-Jährigen  nicht auf ihr Gelände. Foto: Caroline Holowiecki
Die Mitarbeiter der Kelley Barracks ließen den 58-Jährigen nicht auf ihr Gelände. Foto: Caroline Holowiecki

Asemwald - Thomas Porada will nicht als einer gelten, der Streit sucht. „Ich habe auch gern meine Ruhe“, sagt er, und man nimmt es ihm ab, wenn er so unter seiner Wollmütze in die Sonne blinzelt, die Hände lässig in die Hosentaschen steckt und in seinen Gummischuhen über die Felder spaziert. Aber eines kann er nicht ab: „Wenn, ganz im Albert Schweitzerschen Sinn, die Ehrfurcht vor dem Leben fehlt.“ 2017 jedoch war ein Jahr, in dem der Umgang mancher Zeitgenossen mit Tieren den 58-Jährigen auf die Palme getrieben hat. Denn Thomas Porada setzt sich schon seit Jahren für eine Spezies ein, die alles andere als ein Sympathieträger ist: die Taube.

Bereits im Januar 2017 hat unsere Zeitung berichtet, dass Thomas Porada sich wegen eines notleidenden Vogels sowohl mit der amerikanischen Militärpolizei als auch der deutschen Landespolizei angelegt hat. Er hatte eine hilflose Taube entdeckt und wollte sie retten – leider war das Tier hinter einem hohen Sicherheitszaun auf dem Gelände der Kelley Barracks zu Boden gegangen. Weder der Securitydienst noch der Officer mit der schusssicheren Weste und die herbeigerufene deutsche und amerikanische Verstärkung ließen sich erweichen. „Ich habe in meinem Leben noch nie so oft ,No, Sir‘ gehört wie in dieser einen Stunde“, erinnert er sich. Letztlich musste der Tierfreund unverrichteter Dinge von dannen ziehen.

Am nächsten Tag war die Taube weg

Ob der Vogel den Vorfall überlebt hat, ist ungeklärt. Am nächsten Tag war er damals jedenfalls weg, auf eine von den Kelley Baracks angekündigte Aufarbeitung warte Porada bis heute. Immerhin: Ein Nachspiel hatte das Ganze nicht. Geblieben sei ein ungutes Gefühl, „dass das mächtigste Land der Welt nicht willens ist, einen hilflosen Vogel zu retten“. Thomas Porada glaubt, dass er mit seinem Anliegen schlichtweg lästig gewesen ist. Das hat den Asemwalder aber nicht davon abgehalten, im Herbst mit anderen Bürgern wieder für Tauben auf die Barrikaden zu gehen. Da waren im Rahmen von Reinigungsarbeiten Netze über die Kabelkanäle im Hengstäcker- und im Österfeldtunnel gespannt worden, um die Vögel dauerhaft fernzuhalten. Allerdings waren dabei einige Tiere eingeschlossen worden und verendet, andere hatten sich in den Schnüren stranguliert. Nach Bekanntwerden der Missstände war bei einer Ortsbegehung nachgebessert worden.

Porada setzt sich seit 15 Jahren für Tauben ein

2017 war für Thomas Porada ornithologisch gesehen zwar besonders arbeitsam, aber grundsätzlich nicht außergewöhnlich. Seit 15 Jahren, seit er seine erste Taube vor dem Kältetod gerettet hatte, setzt er sich für die Vögel ein. Den Vorwurf, ein fanatischer Tierschützer zu sein, will er nicht gelten lassen. Dass es zu viele Stadttauben gibt und dass dies auch Probleme macht, bestreitet er nicht. „Aber wenn ich Leid sehe, Mensch oder Tier, werde ich nicht wegsehen“, betont er. Thomas Porada weiß, dass Tauben keine Lobby haben und dass manche daher sagen, der Vogelfreund habe einen Vogel. „Mir wurde zugetragen, dass es im Internet einen Shitstorm gegen mich gab“, sagt er. Kalt lässt ihn das nicht.

Aber da flammt er wieder auf, Thomas Poradas Gerechtigkeitssinn. „Man muss nichts gut finden. Keinen Menschen und auch kein Tier. Aber man muss das Recht auf Leben akzeptieren“, wiederholt er.

Und wenn er 2018 wieder in so eine Situation kommt, wird er wieder genauso handeln, kündigt er an. Ein bisschen schwingt da wohl seine Vergangenheit als Sozialarbeiter mit. Sich für Schwächere einzusetzen, hat der heutige Büchereileiter da gelernt, ebenso, sich nicht abwimmeln zu lassen. „Und wenn mich was aufregt, ziehe ich es durch.“

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