Stuttgart/Renningen Die S-Bahn darf gar nicht bevorzugt fahren

Von Florian Mader 

Doch für die regionalen Verkehrspolitiker ist dies die Basis für eine Hesse-Bahn von Calw bis Renningen. Das wäre laut Bundesnetzagentur aber illegal.

Kommunalpolitiker aus Renningen und Weil der Stadt sehen die Hesse-Bahn schon lange skeptisch. Foto:  
Kommunalpolitiker aus Renningen und Weil der Stadt sehen die Hesse-Bahn schon lange skeptisch. Foto:  

Stuttgart/Renningen - Norman Polensky ist ein umtriebiger Mann. Seit Beginn der Pläne zur Reaktivierung der alten Schwarzwaldbahn bis nach Calw unter dem Namen „Hermann-Hesse-Bahn“ begleitet er das Projekt äußerst kritisch. In allen Zetteln und Dokumenten, die ihm unter die Finger kommen, stöbert der Renninger nach Argumenten gegen die Verlängerung der Bahn bis nach Renningen.

Dabei ist ihm das Jahrbuch der Bundesnetzagentur 2014 unter die Finger gekommen. Das ist eine Bundesbehörde, die unter anderem die Aufsicht über den Wettbewerb auf der Schiene führt – also auch über die zukünftige Hermann-Hesse-Bahn, die vom Dezember 2018 an zwischen Calw und Renningen rollen soll. Deshalb hat die Hesse-Bahn die Aufnahme in das Jahrbuch der Bundesnetzagentur gefunden.

Ein Brief vom Präsidenten der Bundesnetzagentur persönlich

Moment mal, dachte sich Norman Polensky, da müsse er mal genauer nachfragen. Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur, hat ihm persönlich geschrieben – und nicht nur bei Norman Polensky, sondern auch bei den Verkehrspolitikern im Land ganz schön Staub aufgewirbelt.

„Es kann durchaus dazu kommen, dass künftig die Verkehrsleistung insgesamt umverteilt und der Umfang der Verkehrsleistung zwischen Weil der Stadt und Stuttgart reduziert wird“, schreibt Jochen Homann nämlich. Sein Argument trägt den komplizierten Namen „diskriminierungsfreier Zugang zur Eisenbahninfrastruktur“. Konkret soll das heißen: Alle Eisenbahnunternehmen müssen den gleichen Zugang zu den Schienen haben. Das Pro­blem: Damit wäre ein Vorrang der S-Bahn vor der Hesse-Bahn vom Tisch.

Diesen Vorrang hatten die Politiker im Kreis Böblingen und der Verband Region Stuttgart immer gefordert. „Das ist ein Vorgang höchster Brisanz und bestätigt die Befürchtungen in Weil der Stadt und Renningen“, sagt Bernhard Maier, der verkehrspolitische Sprecher der Freien Wähler in der Versammlung des Verbands Region Stuttgart (VRS). Der VRS ist für das Stuttgarter S-Bahn-Netz zuständig. Im Vorrang für die S-Bahn zwischen Renningen und Weil der Stadt sieht Alt-Landrat Maier nämlich die Geschäftsgrundlage der Hermann-Hesse-Bahn.

„Unsere Befürchtungen sind bestätigt!“

Auch in den Rathäusern in Renningen und Weil der Stadt ist man sauer. „Mit dieser Aussage der Bundesnetzagentur sind unsere seit Langem geäußerten Befürchtungen bestätigt, dass es zu einer Verkürzung der S-Bahn kommen wird“, schimpft etwa der Renninger Bürgermeister Wolfgang Faißt.

Er weist auf noch einen anderen brisanten Absatz in dem Brief der Bundesnetzagentur hin. „Zutreffend ist, dass die Bundesnetzagentur in Gesprächen mit den Landkreisen Calw und Böblingen, mit dem VRS und dem Verkehrsministerium die verkehrliche Situation im Zusammenhang mit der Hermann-Hesse-Bahn erörtert hat“, schreibt der Netzagentur-Präsident Jochen Homann nämlich.

Wolfgang Faißt wirft dem Landkreis Calw deshalb ein Versteckspiel vor. „Diese Gesprächsteilnehmer wussten also, dass der uns versprochene Vorrang der S-Bahn gar nicht möglich ist“, sagt der Renninger Bürgermeister.

Er will sich jetzt mit seinem Weil der Städter Kollegen Thilo Schreiber, dem Landkreis Böblingen und dem VRS zusammentun und gegen die Hermann-Hesse-Bahn „weiter Sturm laufen“.

Auch im Verband Region Stuttgart prüft man derzeit, was die Aussage der Bundesnetzagentur konkret bedeutet. „Im Gespräch beim Verkehrsministerium im Juni 2015 waren sich alle Beteiligten schließlich einig, dass bei Konflikten die S-Bahn Vorrang gegenüber der Hesse-Bahn haben soll“, sagt die VRS-Sprecherin Dorothee Lang. Ohnehin halte der Regionalverband eine Verlängerung der S-Bahn bis nach Calw für sinnvoller, weil es dann zu solchen Konflikten überhaupt nicht kommen könne. „Wir wollen die S-Bahnlösung weiter vorantreiben“, sagt Dorothee Lang.




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