Stuttgart-Rohr An der Thingstraße herrscht dicke Luft

Von Götz Schultheiss 

Im obersten Zipfel der Thingstraße auf der Rohrer Höhe sind die Anwohner, die schon Jahrzehnte dort wohnen, erbost. Die Straße wird erneuert, nun sollen sie zigtausend Euro Erschließungskosten zahlen.

Die Thingstraße auf der Rohrer Höhe: Rechts stehen die Neubauten der SWSG, die Anwohner am linken Straßenrand müssen Erschließungskosten zahlen. Foto: Götz Schultheiss
Die Thingstraße auf der Rohrer Höhe: Rechts stehen die Neubauten der SWSG, die Anwohner am linken Straßenrand müssen Erschließungskosten zahlen. Foto: Götz Schultheiss

Vaihingen - Das Projekt Rohrer Höhe der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) ist seit einem Dreivierteljahr fertig. Damit sind an der Steig- und an der Thingstraße in zwei Bauabschnitten für rund 24 Millionen Euro 75 neue Wohnungen entstanden. „Das Projekt steht sinnbildlich für unseren nachhaltigen Auftrag, Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen“, sagte Samir Sidgi, der Vorsitzende der SWSG-Geschäftsführung damals bei der offiziellen Fertigstellungsfeier.

Eigentlich könnte nach der Lobpreisung durch den SWSG-Oberen Glückseligkeit am obersten Zipfel der Thingstraße herrschen, aber dem ist nicht so. Bald rücken wieder Baufahrzeuge für Straßenarbeiten in der Thing- und in der Festwaldstraße an. Auf einige Anlieger an der Thingstraße kommen saftige Erschließungskosten zu.

Ohne richtigen Gehweg und geordnete Entwässerung

Die Thingstraße, teilt das städtische Tiefbauamt auf Anfrage unserer Zeitung mit, werde im Bereich der SWSG-Neubauten „zum ersten Mal bebauungsplanmäßig hergestellt. Bisher war sie ohne Gehweg und ohne geordnete Entwässerung“.

Mit der Umgestaltung werde wie auch vom Bezirksbeirat gewünscht, die Thing­straße beruhigt. Dadurch erhöhe sich die Verkehrssicherheit. „Durch den Bau eines Gehwegs erhalten die Fußgänger einen gesicherten Bereich“, teilt das Amt mit. Im Bereich der Kreuzung Thingstraße/Steigstraße richte man eine Gehwegüberfahrt ein. Letztere ermögliche das sichere Überqueren der Thingstraße. Außerdem helfe den Anliegern an der Steigstraße eine sogenannte Gehwegnase bei der Bushaltestelle beim Überqueren der Straße.

Beim Kassieren von Erschließungsbeiträgen sieht sich die Stadt in sicherer Rechtslage. „Bei einem erstmaligen bebauungsplanmäßigen Ausbau wie in der Thingstraße, ist die Stadt verpflichtet, Erschließungsbeiträge zu erheben. Mit dieser Abgabe finanziert die Kommune die Erschließung von Grundstücken“, heißt es im Schreiben des Tiefbauamts. Ein Mitarbeiter des Amts habe dies bereits im Oktober 2017 öffentlich im Bezirksbeirat berichtet.

Gute Nachrichten in finanzieller Hinsicht gibt es für die Anwohner an der Festwaldstraße. Dort wird laut Tiefbauamt nur der Straßenbelag erneuert. Es handelt sich also nicht um einen erstmaligen bebauungsplanmäßigen Ausbau. Deshalb fielen keine Erschließungsbeiträge an.

Wer ein Eckgrundstück besitzt, der hat ebenfalls Pech

Während die Anwohner an der Festwaldstraße beruhigt durchatmen können, steigt ihren Nachbarn an der Thingstraße der Blutdruck. Auch Anwohner der Steigstraße zählen dazu, wenn ihnen Eckgrundstücke gehören, die von der Steig- und von der Thingstraße erschlossen werden. „Dort werden anteilige Beträge fällig. Die Eigentümer werden beteiligt, aber nicht in vollem Umfang“, sagt eine Sprecherin der Stadt.

In einem Schreiben an unsere Zeitung äußert sich Harald Küchle von der Steigstraße 73. Ihm gehört solch ein Eckgrundstück. „Der kleinere Teil liegt an der Steigstraße, der größere an der Thing-straße“, sagt er. Angesichts der Erschließungskosten, die auf ihn zukommen, fließt ihm bittere Galle in die Feder. „Wir werden versuchen, gegen dieses Bauvorhaben rechtlich vorzugehen. Bei mir besteht jedoch der Eindruck, dass wir keinerlei Chancen gegen den Amtsschimmel der Stadt haben.“ Auch andere Anwohner suchten sich Rechtsbeistände.

Das Argument der Verwaltung, die Thingstraße sei bisher ohne Gehweg und ohne geordnete Bewässerung gewesen, will Harald Küchle nicht stehen lassen: „Unser Haus steht schon seit 55  Jahren. Selbstverständlich ist es entwässert worden. Es gibt Leitungen.“ Der Gehweg sei mit einer weißen Linie von der Straße abgegrenzt worden. „Auch ohne Bordstein hat der Gehweg so 55 Jahre lang funktioniert.“ Der Sündenbock steht für Harald Küchle fest: „Der große Teil der Anlieger kann dieses Bauvorhaben nicht nachvollziehen. Hier wird den Eigentümern, die mit ihren Grundstücken an die Thingstraße angrenzen, das Geld mit aller Gewalt aus der Tasche gezogen, nur weil die SWSG einen Neubau fertiggestellt hat.“

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