Stuttgart-Rot Schreckliche Zustände auf der Schlotwiese

Von Bernd Zeyer 

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren auf der Zuffenhäuser Schlotwiese viele Heimatvertriebene untergebracht. Wolfgang Meyle hat beim Altenclub über die damaligen Verhältnisse gesprochen.

Alltag in einem Gemeinschaftsraum im Flüchtlingslager auf der Schlotwiese Foto: Sammlung Weishaupt/Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Alltag in einem Gemeinschaftsraum im Flüchtlingslager auf der Schlotwiese Foto: Sammlung Weishaupt/Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Stuttgart-Rot - Die Flüchtlingskrise ist in aller Munde. Ob und wie Deutschland es schaffen kann, Hunderttausenden fremder Menschen Unterschlupf zu gewähren und sie zu integrieren, wird seit Monaten leidenschaftlich diskutiert. Vor diesem aktuellen Hintergrund hat Wolfgang Meyle einen Blick zurück in die Vergangenheit geworfen. „Kriegsende vor 70 Jahren – Heimatvertriebene und Flüchtlinge in Zuffenhausen“, so lautete der Titel des Vortrags, den der ehemalige Zuffenhäuser Bezirksvorsteher am Mittwochnachmittag beim Altenclub Rot im Bürgerhaus gehalten hat.

„Ich weiß nicht, ob wir das schaffen“, griff Meyle am Ende seines Referats die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf. Zuvor hatte er von seinen eigenen Erfahrungen aus der Nachkriegszeit berichtet. „Wir mussten zusammenrücken“, erinnerte sich der ehemalige Bezirksvorsteher an seine Zeit als Schüler. Damals, im Jahr 1949, seien an der Rosenschule plötzlich unbekannte Buben aufgetaucht, barfuß und in kurzen Hosen. Sie stammten aus dem Lager auf der Schlotwiese, wo nach dem Zweiten Weltkrieg 1200 aus ihrer Heimat vertriebene Donauschwaben untergebracht waren. Und zwar, so erzählte Meyle, unter „entsetzlichen Zuständen“. Zuvor hatten in den Baracken aus ihrer Heimat verschleppte russische Fremdarbeiter hausen müssen. Insgesamt 20 000 Russen waren nach Worten Meyles während des Krieges in Stuttgart untergebracht, 13 000 davon allein in Zuffenhausen. Als sie ihre Unterkünfte verließen, so erzählte Meyle, hätten sie diese nicht unbedingt in gutem Zustand hinterlassen: Die Baracken waren abgewohnt, in den Töpfen verschimmelten die Essensreste.

Verpflegt worden waren die Heimatvertriebenen, im offiziellen Sprachjargon „Displaced Persons“ (entwurzelte Personen) genannt, zunächst von der UNRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), einer Hilfsorganisation der Vereinten Nationen. Im Vergleich zur deutschen Bevölkerung war das Essen deshalb deutlich besser – was sich aber änderte, als die amerikanische Militärregierung im November 1945 den Schlotwiesen-Bewohnern ihren Status aberkannte und das Lager in die Zuständigkeit der Stuttgarter Verwaltung überging. Vor dem Krieg, so berichtete Meyle, hätten in Zuffenhausen 17 000 Menschen gelebt, direkt nach dem Krieg wären es 26 000 gewesen, 20 Prozent davon seien Heimatvertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte gewesen.

Anfängliches Misstrauen erwies sich als unbegründet

„Nicht gerade mit offenen Armen“ seien die fremden Menschen in Zuffenhausen empfangen worden, es sei ihnen viel Misstrauen entgegengebracht worden, berichtete Meyle. Dieses Misstrauen habe sich aber bald als unbegründet erwiesen. Die Bewohner seien schnell ans Werk gegangen. Im Laufe der Zeit wären auf der Schlotwiese eine Krankenstation, eine der Rosenschule zugeordnete Lagerschule und ein Kindergarten eingerichtet worden. Es entstanden eine Theatergruppe, ein Chor, eine Musikkappelle, auch der Fußballclub FC Batschka ist damals ins Leben gerufen worden. Um das Seelenheil der Bewohner kümmerte sich Pfarrer Friedrich Milla. So entstand auf der Schlotwiese in den kommenden Jahren praktisch ein neuer Stadtteil von Zuffenhausen. „Alle Achtung, was dort geschaffen wurde“, beschrieb Meyle die Entwicklung. Dass dies alles relativ reibungslos gelingen konnte, schreibt er dem Leistungswillen, aber auch der Mentalität der Vertriebenen zu, die derjenigen der Zuffenhäuser geähnelt habe.

Kritisch ging Meyle in seinem Vortrag auf die Einwanderungspolitik der Bundesregierung ein. Mit ihrer problematischen „Einladung an alle“ locke Kanzlerin Merkel auch viele Wirtschaftsflüchtlinge an, die teilweise paradiesische Vorstellungen hätten. Wichtiger sei es, Hilfe vor Ort in den betroffenen Ländern zu geben. Die dortigen Probleme hätte die europäische Politik lange Zeit übersehen.

Sonderthemen