Fahrradbesitzer lassen ihre nutzlosen Vehikel häufig am Straßenrand zurück. Einfach entsorgen kann man diese Fahrradleichen jedoch nicht. Auch die Stadt ist zurückhaltend beim Entfernen.
Stuttgart - Es sei wohl reine Bequemlichkeit. Peter Beckmann vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) in Stuttgart kann keinen Grund erkennen, warum Besitzer ihr Fahrrad mitunter einfach vor sich hinrosten lassen, wenn sie es nicht mehr benutzen können oder wollen. Er nennt die herrenlosen Fahrräder auch plastisch „Fahrradleichen“. Für sie gäbe es eigentlich genug Stellen in Stuttgart, an denen sie auch mit Nutzen weiterverwertet werden könnten.
Beckmann nennt als Beispiel die Fahrradselbsthilfewerkstatt des ADFC an der Rotebühlstraße. „Da kann jeder sein Rad abgeben. Wir versuchen es dann wieder fit zu machen. Dann können wir es billig an andere verkaufen, die sich sonst kein Fahrrad leisten können“, sagt Beckmann. Ein solches Fahrrad könne etwa ein Hartz-IV-Empfänger schon ab 30 Euro erwerben, sagt er. Der ADFC führt alte Räder außerdem der Initiative „Fahrräder für Afrika“ zu. „Die reparierten Räder werden mit Containern nach Afrika geschafft. Da können sich die Menschen ganz billig ein Rad kaufen. Das ist für die Menschen in Afrika ein wichtiges Fortbewegungsmittel“, sagt der Fahrradexperte Peter Beckmann
Informieren könne sich jeder über diese Möglichkeiten bei der Ortsgruppe des ADFC, sagt er. Doch es gibt Radbesitzer, denen das offenbar zu viel Aufwand ist. Genau wie die Möglichkeit, das alte Rad zum Sperrmüll zu geben oder zu einem Wertstoffhof zu bringen. Sie lassen vor allem am Hauptbahnhof, aber auch am Rotebühl- und Wilhelmsplatz ihr Rad gern stehen.
Eine Art sinnvoller Weiterverwertung
Für Peter Beckmann sind solche Fahrradleichen ein Problem, weil sie anderen die Parkplätze wegnehmen. Er würde sich wünschen, dass etwa die Bahn den Hauptbahnhof einmal im Jahr von alten und herumstehenden Fahrrädern säubert. „Aber die Bahn ist vorsichtig geworden, weil es in der Vergangenheit Schadensersatzforderungen von Besitzern gegeben hat, die ihr Rad nicht mehr vorgefunden haben“, sagt Peter Beckmann.
Auch die Stadt ist zurückhaltend beim Entfernen zurückgelassener Fahrräder. Oft seien dies in Stuttgart Dienstfahrräder, sagt Ralf Maier-Geißer, Sachgebietsleiter Straßenrecht beim Amt für öffentliche Ordnung. „Die Leute kommen am Bahnhof an und verwenden das Rad dann, um weiter zu ihrer Arbeit zu fahren“, sagt er. Deshalb sei die Stadt auch beim Abschleppen nicht gern allzu forsch. „Jemand kann ja auch mal vier oder fünf Wochen in Ferien sein“, sagt Maier-Geißer. Er vermutet, dass einige Fahrradbesitzer nach einem Urlaub nicht selten eine böse Überraschung erleben, weil Unbekannte ihr abgestelltes Fahrrad unbrauchbar gemacht haben. „Dann lassen sie es einfach stehen“, sagt er.
Ist das Fahrrad stark beschädigt und steht längere Zeit herum, versieht der Vollzugsdienst es mit dem Hinweis, der Besitzer möge es bitte rasch entfernen. Erst wenn dann mindestens zwei Wochen nichts passiert, werde eine Entsorgung ins Auge gefasst, sagt Maier-Geißer. „Wir bekommen auch keine Beschwerden von Bürgern, dass Schrotträder die Stadt verschandeln würden. Insofern ist das für uns bisher auch kein Problem“, sagt Maier-Geißer.
Für andere ist es dagegen offenbar eine Chance. Peter Beckmann weist darauf hin, dass offensichtlich verwaiste, aber doch noch fahrtaugliche Räder gern von Dritten verwendet werden, um ein Stück weit zu fahren. „Sie lassen es dann quasi für den Nächsten stehen, wenn sie am Ziel sind“, sagt er. Einer Art sinnvoller Weiterverwertung werden so also auch einige der Fahrradleichen zugeführt.