Stuttgart-Sonnenberg Eine ungewöhnliche WG auf Zeit

Von Caroline Holowiecki 

Elisabeth Schmitt hat die Bolivianerin Julia Dolores Mamani aufgenommen. Während die 27-Jährige ihr Freiwilliges Soziales Jahr auf der Jugendfarm im Elsental in Stuttgart macht. Ein Hausbesuch.

Elisabeth Schmitt (rechts) und Julia Dolores Mamani kennen sich seit September. Ende August trennen sich ihre Wege wieder. Foto: Holowiecki
Elisabeth Schmitt (rechts) und Julia Dolores Mamani kennen sich seit September. Ende August trennen sich ihre Wege wieder. Foto: Holowiecki

Sonnenberg - Am liebsten sitzen die zwei Frauen am Abend zusammen. Eine jede raucht eine Zigarette, ein Glas Rosé in der Hand. Dann reden sie gern über Kunst, Frida Kahlo und Antoni Gaudi, die bewundern beide. An diesen Abenden erzählt Elisabeth Schmitt von den vielen Reisen, die sie in ihrem Leben gemacht hat. Vom Häuschen im nordspanischen Asturien, vom Patenkind in Argentinien, vom Sohn der besten Freundin, der dieses tolle Landhaus außerhalb von Mexico City hat. Und Julia Dolores Mamani erzählt dann von ihrer Heimat. Es sind Abende, die beide genießen. Elisabeth Schmitt, 86 Jahre, Rentnerin aus Sonnenberg, und Julia Dolores Mamani, 27 Jahre, Psychologiestudentin aus dem bolivianischen Santa Cruz. Die zwei Frauen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten, leben seit September zusammen. Die junge Frau ist über das Bolivianische Kinderhilfswerk nach Stuttgart gekommen, um ihr Freiwilliges Soziales Jahr auf der Jugendfarm Elsental zu leisten, und die Seniorin hat ihr ein Obdach angeboten.

Den Anfang nahm die ungewöhnliche Wohngemeinschaft mit einer Anzeige: „Gastfamilien gesucht“ stand da, „als ich Bolivien gelesen habe, war ich gleich scharf“, sagt Elisabeth Schmitt und lächelt knitz. Spanien und Lateinamerika faszinieren sie seit jeher, wie sie sagt. Die Tochter ist mit einem Spanier verheiratet, im Obergeschoss wohnen Untermieter aus Costa Rica. Elisabeth Schmitt zeigt aus dem Fenster. Am Gartenzaun wehen die Flaggen von Spanien, Mallorca, Asturien, Madeira, Mexiko, Costa Rica, Brasilien und Argentinien. „Sie muss mir auch eine Fahne kaufen“, sagt die Ältere zur Jüngeren und zwinkert ihr zu. Stolz zeigt Elisabeth Schmitt die spanischen Möbel, das Bild vom Zuckerhut, die südamerikanische Karte an der Wand. Natürlich spricht sie fließend Spanisch.

Das Duo kocht und isst gemeinsam

Auch Julia Dolores Mamanis Deutsch wird immer besser. „Gut’s Nächtle“, das hat sie schnell gelernt, hört sie es doch jeden Abend. Manchmal blickt sie noch hilfesuchend zur Vermieterin, wenn ihr die Worte fehlen oder wenn sie etwas von daheim nicht kennt. Ans ÖPNV-Netz musste sich die junge Frau mit dem Tattoo hinterm Ohr und dem Piercing in der Augenbraue erst gewöhnen, ebenso an die deutsche Pünktlichkeit und daran, dass sich die Vegetation im Laufe der Jahreszeiten verändert. Und an Schnee. „Das war sehr schön“, schwärmt sie. Der Mutter daheim in Santa Cruz hat sie gleich Bilder über Whatsapp geschickt.

Für beide ist die Begegnung ein Abenteuer. Elisabeth Schmitt bekennt: Anfangs war sie skeptisch gewesen, wie das werden würde mit einer Fremden unter einem Dach. Die wichtigste Hürde hatte die Südamerikanerin aber genommen, als die ein Foto von sich und ihrem Hund geschickt hatte. „Da war’s geritzt“, sagt Elisabeth Schmitt, denn das Wichtigste sei ihr gewesen, dass der potenzielle Gast sich mit Basset-Mix-Hündin Flora versteht. Das klappt ebenso prächtig wie sonst alles. Das Duo kocht und isst gemeinsam, in ihrer Freizeit erkundet die Ausländerin mit den 14 anderen Bolivianern, die sich momentan über das Kinderhilfswerk in Stuttgart aufhalten, Europa. Berlin, Amsterdam, Paris. Elisabeth Schmitt erzählt von Europa und gibt Tipps.

Angst vor dem baldigen Abschied

Nicht nur die Bolivianerin profitiert von der Begegnung. „Ich bin nicht allein“, sagt die Rentnerin und strahlt. Der Ehemann ist seit zehn Jahren tot, die Töchter sind schon lang aus dem Haus, so sei jemand daheim. Das gebe ihr Sicherheit. „Sie ist wirklich sehr cool“, sagt Julia Dolores Mamani über ihre Gastgeberin, und beide müssen herzhaft lachen. Sie wissen: Ende August werden sich ihre Wege wieder trennen. Und ein bisschen macht beide das traurig. „Zuerst hatte ich Angst gehabt, dass sie kommt, jetzt habe ich Angst davor, dass sie wieder geht“, sagt Elisabeth Schmitt.

Info: Das Bolivianische Kinderhilfswerk sucht Gastfamilien, die bolivianische Freiwilligendienstleistende für möglichst ein Jahr bei sich aufnehmen. Die Gäste sind zwischen 20 und 28 Jahre alt und arbeiten ab September in einer gemeinnützigen Einrichtung im Großraum Stuttgart. Gastgeber sollten ein freies, möbliertes Zimmer und die Möglichkeit zur Verpflegung anbieten und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein. Infos über Kristina Austrup, Telefon (0711) 89 46 89 11 und per E-Mail an kristina.austrup@bkhw.org.

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