Stuttgart Surge Kam der Insolvenzantrag zu früh?

Der Mann des Spiels: Louis Geyer, Wide Receiver von Stuttgart Surge, fängt in dieser Szene einen seiner drei Touchdown-Pässe im ELF-Finale gegen die Vienna Vikings. Foto: Imago/Zoonar

Die European League of Football einigt sich überraschend mit Rebellen-Clubs auf eine gemeinsame Liga – weshalb sich beim zahlungsunfähigen Meister Stuttgart Surge neue Fragen stellen.

Seit am Montag öffentlich wurde, dass Stuttgart Surge zahlungsunfähig ist und die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt hat, steht bei Louis Geyer (24) das Telefon nicht mehr still. Vereine und Berater melden sich bei dem Wide Receiver, der im September das Finale der European League of Football zwischen Stuttgart Surge und den Vienna Vikings (24:17) mit drei Touchdowns fast im Alleingang entschieden hat – und nun ein neues Team sucht. Noch ist völlig offen, wohin es ihn zieht. „Es gibt“, sagt Louis Geyer, „keinen Grund zur Eile.“ Auch weil sich hinter den Kulissen die Ereignisse weiter überschlagen.

 

Stuttgart Surge hat seine finanzielle Not auch damit begründet, dass keine Sicherheit existiert habe, in welcher Liga künftig Football auf europäischem Top-Niveau gespielt wird. Eine mögliche Antwort gab es am Mittwoch und damit nur zwei Tage, nachdem der amtierende Meister erst das Aus und dann den Abschied von Cheftrainer Jordan Neuman (geht als Offensive Coordinator zu den Vienna Vikings) verkündet hatte – denn es wurde eine Pressemitteilung mit überraschendem Inhalt verschickt.

Zeljko Karajica zieht sich angeblich aus dem operativen Geschäft zurück

Im Sommer hatten zehn von 16 Franchises, darunter Stuttgart Surge, die European League of Football (ELF) verlassen und deren Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter Zeljko Karajica finanzielle Misswirtschaft vorgeworfen. Das Ziel der Rebellen, die sich in der European Football-Alliance (EFA) versammelten, war die Gründung einer eigenen Liga. Kurz darauf spaltete sich die Allianz jedoch schon wieder auf, weil sich die Clubs nicht auf ein Finanzierungsmodell einigen konnten. Am Mittwoch erklärten die verbliebenen EFA-Mitglieder nun, sich doch wieder mit der ELF zu vereinigen. Es soll eine veränderte Organisationsstruktur und den Rückzug von Karajica aus dem operativen Geschäft geben, ein gemeinsamer Spielbetrieb gestartet werden. Die wichtigsten Fragen sind allerdings nicht beantwortet worden: Welche Teams spielen in dieser Liga? Und wird sie die einzige bleiben, oder gibt es doch noch eine Neugründung?

Meisterhaft: Louis Geyer beim Triumph von Stuttgart Surge in der MHP-Arena. Foto: Imago/Foot Bowl

Andere, aber nicht weniger interessante Fragen stellten sich nach der ELF/EFA-Mitteilung die Verantwortlichen in Stuttgart: Haben sie das Projekt Surge zu früh abgeschrieben? Hätte die Wiedervereinigung der EFA-Rebellen mit der ELF dem Club die Sicherheit gebracht, die nötig gewesen wäre, um bei Sponsoren und Gesellschaftern frisches Geld akquirieren zu können? Und gibt es nun doch wieder die Chance auf einen Neustart? Geschäftsführer Suni Musa, der am Dienstag den ersten Termin mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter hatte, wollte sich dazu nicht äußern: „Wir möchten keine Stellung beziehen.“

Louis Geyer: „Wir waren wie eine Familie“

Zu denen, die das Aus von Stuttgart Surge bewegt, gehören auch die Spieler. „Es ist unglaublich schade, dass es auf diese Art und Weise endet, wir waren wie eine Familie“, sagt Louis Geyer, „ich habe bei Surge mit einem Großteil meiner besten Freunde Football gespielt. Dass dies nun nicht mehr möglich ist, trifft uns richtig hart. Es ist traurig, dass dieses Projekt nach fünf Jahren kaputt gegangen ist, ohne dass Spieler und Trainer etwas dagegen tun konnten. Vor ein paar Wochen haben wir uns noch gefühlt wie die Könige der Welt, dann gab es den Absturz.“ Nun geht es darum, dessen Folgen abzumildern.

Geyer wird in den nächsten Wochen viele Gespräche führen. Bei der Wahl seines neuen Clubs werde ein Kriterium „an erster Stelle“ stehen: „Dass wir Stuttgarter Jungs versuchen, als Gruppe unterzukommen, versteht sich von selbst.“ Ob dies in Wien sein könnte? Dazu wollte sich Geyer nicht äußern, den neuen Offensive Coordinator der Vikings aber lobte er in höchsten Tönen: „Ich habe unter Jordan Neuman meinen besten Football gespielt, wir haben ein sehr enges Verhältnis. Er ist und bleibt der beste Coach in Europa.“

Auch für Jakob Johnson ein „bitteres Aus“

Das Schicksal von Stuttgart Surge tangiert neben den Spielern der Meistermannschaft übrigens auch einen NFL-Profi: „Es wäre nicht so bitter, wenn die Aussichten nicht so gut gewesen wären“, sagt Jakob Johnson (30). Der Fullback der Houston Texans ist seit Februar 2022 Gesellschafter des Stuttgarter Football-Projekts. „Zwar nur ein kleinerer“, erklärt er, am Herzblut mangelt es dennoch nicht. „Natürlich bin ich daran interessiert gewesen, dass das Projekt fortgesetzt werden kann.“ Es sei schließlich viel bewegt worden.

Jakob Johnson im Training der Houston Texans. Foto: Imago/Imagn Images

„Football bei der Surge wurde Jahr für Jahr professioneller, das Finale in der MHP-Arena haben fast 37 000 Fans besucht“, erklärt Jakob Johnson. Man habe Beziehungen zu großen Vereinen wie dem VfB geknüpft, Kontakte zu den Football-Clubs in der Region gehabt und den NFL-Fans eine tolle Möglichkeit geboten, Football auf gutem Niveau live zu sehen. Johnsons Fazit: „Die Surge im Vergleich von Jahr eins zu jetzt – das war ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

Der Rückschlag schmerzt den schwäbischen US-Profi auch für seine Kollegen und Nachfolger. „Man hat den Talenten hier aus der Region eine Plattform und eine Perspektive gegeben“, sagt er. Auch um „Jungs“ wie Nick Wenzelburger, Ben Wenzler oder Louis Geyer sei es ihm gegangen, als er sich für die Surge engagierte: „Das Geld hat bei meinem Engagement nie eine Rolle gespielt. Wichtig war mir, etwas von dem zurückzuzahlen, was mir der Sport gegeben hat.“ Deshalb hat er, gemeinsam mit der Surge, regelmäßig ein Jugendcamp in Stuttgart veranstaltet. Das, immerhin, soll es weiter geben.

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