Stuttgart und der Kapp-Putsch vor 100 Jahren Hauptstadt für vier Tage

Die Nationalversammlung in Stuttgart Foto: Ullstein Bild

Während des Kapp-Putsches vor 100 Jahren wurde Stuttgart zum Nabel der Weimarer Republik.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Es war eine Flucht in Etappen: Am 13. März 1920 verließ der damalige Reichspräsident Friedrich Ebert früh um 6.15 Uhr in aller Eile seinen Amtssitz in Berlin, um rebellierenden Soldaten zu entkommen. Das sozialdemokratische Staatsoberhaupt ließ sich nach Dresden chauffieren, hoffte dort auf Asyl. Doch das zerschlug sich rasch. Tags darauf brach Ebert gemeinsam mit den Ministern der Reichsregierung gen Südwesten auf. Sie fuhren mit Kraftwagen nach Chemnitz und Hof, wurden unterwegs immer wieder von streikenden Arbeitern aufgehalten. Am 16. März, genau vor 100 Jahren, trafen sie gegen halb zwölf mit einem Sonderzug in Stuttgart ein. Für vier Tage war dies dann die provisorische Hauptstadt der Weimarer Republik.

 

Mehr Posse als ernsthafte Geschichte?

Was war geschehen? Der liberale Diplomat Harry Graf Kessler schrieb in seinen Tagebüchern: „Das klingt mehr nach einer Posse als nach ernsthafter Geschichte.“ Doch die vermeintliche Posse hätte zur Tragödie der jungen Demokratie in Deutschland werden können.

Rechtsgerichtete Militärs hatten gegen die legitime Regierung geputscht. Sie wollten verhindern, dass die Reichswehr von 250 000 auf 100 000 Mann verkleinert wird, wie es der Versailler Friedensvertrag verlangte. Zudem sollten die Freikorps aufgelöst werden: Soldatenformationen, die sich der Entwaffnung widersetzten. Unmittelbarer Anlass der Revolte war das Ansinnen, die Marine-Brigade Ehrhardt aufzulösen, eine Truppe ehemals kaiserlicher Offiziere, die bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik eingesetzt war. Sie hatten sich Hakenkreuze auf ihre Stahlhelme gemalt.

Die Aufrührer marschierten in der Nacht zum 13. März in Berlin ein und erreichten zehn Minuten nach Eberts überhastetem Aufbruch das Regierungsviertel. Die meuternden Truppen proklamierten den preußischen Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp zum Reichskanzler, einen Nationalisten und Antisemiten. Teile der Reichswehr sympathisierten mit den Putschisten. Generaloberst Hans von Seekt, Chef der Heeresleitung, soll dazu erklärt haben: „Truppe schießt nicht auf Truppe.“ Loyal zur Republik verhielt sich hingegen dessen sein Kollege, der in Stuttgart geborene General Walther Reinhardt.

Der Südwesten gilt als Ort der Stabilität

„Hier ist Heer und Volk ruhig und treu“, so vermeldete der liberale Reichsinnenminister Erich Koch-Weser, der dem Präsidenten Ebert und seinen Kabinettskollegen in den Südwesten vorausgereist war. „In den stürmischen zwanziger Jahren wurde Württemberg im Reich vielfach als friedliche Insel gepriesen“, schreibt der Historiker Ernst Marquardt. In der Chronik der Stadt Stuttgart heißt es dazu: „Die Ansätze einzelner mit dem Putsch sympathisierender Kreise in Reichswehr und Studentenschaft vermochten nicht gegen die Autorität aufzukommen, mit der Oberpolizeidirektor Paul Hahn die Sicherheitsorganisation des Landes bei der Pflicht hielt.“ Am 16. März tagte die Reichsregierung erstmals im Alten Schloss. „Herr Reichspräsident Ebert dankt für die gastfreie Aufnahme in Stuttgart“, so ist es im Protokoll vermerkt. Am 17. März kommt die Nationalversammlung unter der Kuppel des Kunstgebäudes am Schlossplatz zusammen. Allerdings haben sich nur 165 der 423 Abgeordneten die Reise in die Provinz zugemutet.

Schon einen Tag später kapitulierten die Putschisten angesichts des Generalstreiks, zu dem die Gewerkschaften, aber auch Ebert und die sozialdemokratischen Minister aufgerufen hatten. Führende Rebellen setzten sich ins Ausland ab. Und die Reichsregierung samt Parlament zog am 20. März wieder nach Berlin um.

Der Generalstreik indes drohte außer Kontrolle zu geraten. Im Ruhrgebiet formierte sich eine Rote Ruhrarmee mit zeitweise 50 000 bewaffneten Anhängern. Der linke Aufstand gegen den Putsch forderte mehr als 1000 Menschenleben. Die Regierung setzte wiederum Freikorps ein, um die Aufrührer zu bekämpfen. Am Ende, so der Historiker Wolfgang Benz, „ging die parlamentarische Demokratie geschwächt aus der Krise hervor, weil nicht nur die Putschisten, sondern auch ihre Verteidiger, die Gewerkschaften, ihre Spielregeln missachteten“.

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