Stuttgart und die Fußball-EM Sommermärchen, Teil 2?

Momente, die für das Image einer Stadt unbezahlbar sind: Die Fans in Stuttgart feiern die deutsche Mannschaft 2006 bei der WM. Foto: /Achim Zweygarth

Die Spiele der Fußball-Europameisterschaft sind den Machern in Stuttgart lieb und teuer. Die Stadt kann viel gewinnen. Allerdings ist sie dafür mächtig in Vorleistung gegangen – und einiges ist anders als bei der WM 2006.

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Stuttgart ist viel schöner als Berlin.“ Wer erinnert sich nicht an das Lied, das sich kein Touristiker und keine teure Agentur je hätten ausdenken können. Gesungen haben es bei der WM 2006, mit augenzwinkerndem Unterton, die Fans in Dortmund. Dort hatte die deutsche Nationalmannschaft ihr Halbfinale gegen Italien verloren und fuhr nun nicht zum Endspiel in die Hauptstadt, sondern zum undankbaren Spiel um Platz drei an den Neckar. Entgegen aller Erwartungen bedeutete das nicht das Ende der Euphorie, sondern deren Höhepunkt. Die Feierlichkeiten rund um die Partie wird auch so mancher damalige Nationalspieler nie vergessen.

 

Die Episode zeigt, dass gerade bei einem sportlichen Großereignis vieles nicht planbar ist. So penibel sich die Beteiligten auch vorbereiten mögen – solche Entwicklungen wie 2006 lassen sich nicht vorhersehen. Das ist etwas Wunderbares, es steckt aber auch ein Risiko darin. Und für die EM in den nächsten Wochen bedeutet diese spezielle Vergangenheit eine Bürde. Nichts weniger als ein Sommermärchen, Teil 2, wird erwartet. Alles andere wäre wohl eine Enttäuschung. Auch für Stuttgart.

Die Stadt hat sich das Großereignis mit seinen fünf Spielen einiges kosten lassen. Allein die rechtzeitige Fertigstellung des Stadionumbaus bedeutete einen tiefen Griff in die Kasse. Aber wenn nicht zu diesem Anlass, zu welchem dann? Hunderttausende Gäste aus dem Ausland werden erwartet. Ihnen will man etwas bieten und sich von seiner besten Seite präsentieren. Im Idealfall bleiben beeindruckende Bilder hängen, die um die Welt gehen – und dazu führen, dass Menschen wiederkommen. Und weil sich die Zeiten ändern, kauft man sich dafür heutzutage auch Influencer ein, die auf ihren Online-Kanälen die schönsten Seiten der Stadt zeigen sollen. Ganz so, als seien sie rein zufällig an diesen Perlen vorbeigekommen.

Das offizielle Motto Stuttgarts lautet „Die ganze Stadt ein Stadion“. Allerdings könnte der Slogan auch nach hinten losgehen. „Die ganze Stadt eine Baustelle“ würde genauso passen. Wie hätte man sich präsentieren können, mit einem nagelneuen Hauptbahnhof etwa oder einem neuen Haus des Tourismus auf dem Marktplatz. Doch nichts davon ist fertig. Selbst die neue Anlaufstelle für Touristen hat den Zeitplan gerissen – und das angesichts der größten Besucherschar binnen Jahrzehnten. Eine gewaltige Blamage. Von den Straßen in der Innenstadt und drum herum gar nicht erst zu sprechen. Vieles wirkt provisorisch und dürfte bei den Gästen keinen guten Eindruck hinterlassen. Dass solche Bilder um die Welt gehen, wünscht sich sicher keiner.

Über Nacht kann alles anders sein

Auch die Rahmenbedingungen sind andere als noch 2006. Die Sicherheitslage stellt sich wesentlich komplizierter dar, die Vorkehrungen sind massiv. Das gilt auch für die Eingriffe in den Straßenverkehr oder die Parksituation in der Innenstadt. Für die Einheimischen bietet die EM einiges, sie verlangt ihnen aber auch Einschränkungen ab. Was davon letztlich überwiegen wird, muss sich zeigen. Zumal sich die allgemeine EM-Euphorie bisher noch in engen Grenzen hält.

Das Schöne aber ist: All diese Überlegungen können über Nacht Makulatur sein. Letztlich ist es eine banale Weisheit: Gewinnen die Kicker mit dem Bundesadler ihre Spiele, passt noch dazu das Wetter, dann kann sich auch diese EM zu einem großen Fest auswachsen. Es lässt sich schließlich nicht alles planen. Und wenn für die deutsche Mannschaft am Ende diesmal doch Berlin auf dem Programm steht, dann freut man sich ganz sicher auch in Stuttgart. Obwohl es hier natürlich viel schöner ist.

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