Stuttgart hat viel getan, um die Luftqualität zu verbessern und der Erwärmung entgegenzuwirken. Doch manche Ziele waren zu ehrgeizig.    

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein, als eines Nachts mehrere Mitarbeiter des Stuttgarter Umweltamtes in den Wäldern unweit der Bärenseen ihre Fracht aus den Kofferräumen ihrer Autos ausluden. Darin befanden sich Metallflaschen, zuvor hatten die Klimaexperten im gesamten Stadtgebiet Messgeräte aufgestellt. Vorsichtig ließen sie ein unsichtbares und zugleich unschädliches Gas entweichen: Schwefelhexafluorid. Es war der Beginn einer Spurensuche.

Wenige Stunden später lieferten die Messstationen bereits die ersten Ergebnisse. "Das Gas wurde an mehreren Stellen nachgewiesen", erzählt Ulrich Reuter, der Leiter der Stadtklimatologie. Spuren des Gases erreichten sogar das Neckartal. "Seitdem ist es auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich von den Wäldern beim Schattenring hinab in die Stadt eine entscheidende Frischluftschneise erstreckt."

Wie bei einem gewaltigen Puzzle tragen zahllose Einzelfaktoren zum Klima einer Region bei - im Fall von Stuttgart spielen die Frischluftschneisen für das Stadtklima eine herausragende Rolle. Ulrich Reuter beschäftigt sich seit 1980 mit jenem komplexen Zusammenspiel aus Windströmungen, Niederschlägen, Temperaturen und der speziellen Topografie der Stadt: "Die Kessellage führt dazu, dass sich der Innenstadtbereich stark aufheizen kann. Es bilden sich Wärmeinseln, und infolge des Klimawandels wird sich dieser Effekt künftig weiter verstärken." Stuttgart könnte im Sommer noch öfter zum Backofen werden.

Die Problemzonen weiten sich aus

Einen Vorgeschmack auf künftige Hitzewellen erkennen Meteorologen und Klimaforscher im Sommer des Jahres 2003: Seinerzeit litt die Stadt im Juni unter einer extremen und lang anhaltenden Hitzeperiode - mit Folgen für Mensch und Natur: Viele ältere Menschen kamen mit den Temperaturen nur schwer zurecht, weil sie nicht genug tranken. Unter Stress standen auch manche Bäume, die die Trockenheit nicht vertrugen.

Schon heute lassen sich in manchen Waldgebieten jene "Problemzonen" besichtigen, die künftig noch deutlicher zu erkennen sein werden: Auf dem Feuerbacher Heukopf leidet unter anderem der deutsche Symbolbaum - die Eiche. An vielen Bäumen schält sich die Rinde, dürre Äste tragen kein frisches Laub. Im Totholz mancher umgestürzter Bäume krabbeln die Käfer und breiten sich Pilze aus.

Es gibt unter Wissenschaftlern kaum noch Zweifel daran, dass es künftig noch wärmer wird. In einer Statistik zeigten die Meteorologen der Uni Hohenheim die Entwicklung der Durchschnittstemperatur in Stuttgart über einen Zeitraum von 50 Jahren auf: Diese lag 1980 bei 9,5 Grad und im Jahr 2004 bei 10,5 Grad. Fall sich die Prognosen bestätigen, könnte sie bis zum Jahr 2030 auf ein Jahresmittel zwischen 12,5 und 13,5 Grad steigen.

Die Stadt ist ihren Erwartungen nicht gerecht geworden

Stuttgart verfehlt die eigenen Ziele

Klimaforscher und Ökologen erwarten für Südwestdeutschland dann ein mediterranes Ökosystem. Den globalen Klimawandel kann die Politik vor Ort kaum beeinflussen - aber lokal versucht Stuttgart zumindest, auf das Stadtklima der Zukunft Einfluss zu nehmen. Im Jahr 1997 verabschiedete der Gemeinderat "Kliks" - das Klimaschutzkonzept Stuttgart. Nicht nur die Stadt, auch Unternehmen, Verkehrsteilnehmer und Hausbesitzer müssten umdenken, um den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 deutlich zu verringern. Angestoßen wurden unter anderem die Mobilitätszentrale, Modernisierungen von Heizungsanlagen und Schutzmaßnahmen für Grünzonen.

Knapp 15 Jahre später hat Stuttgart zwar in vielen Einzelpunkten einiges für sein Klima getan - aber die Stadt ist ihren hochgeschraubten Erwartungen dennoch nicht gerecht geworden: So hoffte der Gemeinderat, dass die CO2-Emissionen von 1990 an bis zum Jahr 2005 um 30 Prozent sinken würden. Für entsprechende Maßnahmen wurden mehr als 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Doch zur Jahrtausendwende betrugen die Einsparungen beim CO2-Ausstoß lediglich fünf Prozent. Auch Städte wie Freiburg oder Mannheim verfehlten ihre Klimaschutzziele deutlich.

Ebenso ernüchternd fällt die Zwischenbilanz der Stadt zum sogenannten Luftreinhalte-Aktionsplan aus, den das Regierungspräsidium Stuttgart im Dezember 2005 aufgestellt hatte. Die 36 Einzelmaßnahmen hätten, soweit sie überhaupt umgesetzt wurden, "keine nennenswerte Minderung der Schadstoffbelastung in der Luft erkennen lassen". Umso wichtiger ist es für den Stadtklimatologen Ulrich Reuter, dass Stuttgart seine grünen Lungen schützt: "Die Parkanlagen und vor allem die Wälder bilden das größte Kaltluftreservoir für die Stadt." Immer nachts fließt diese Frischluft von den grünen Hängen in den stickigen Kessel hinab.

Perspektiven und Probleme

Die Perspektiven

Grünflächen

Die Stadt hat mit mehreren Maßnahmen darauf eingewirkt, dass Gebiete nicht ungebremst bebaut wurden, die für das Stadtklima wichtig sind. Dazu zählen Grünzüge zwischen Vaihingen und Möhringen, zwischen Sillenbuch und Heumaden und auch Gebiete in Bad Cannstatt. Der Rahmenplan Halbhöhe regelt zudem, dass bestimmte Hanglagen nur locker bebaut werden dürfen.

Verkehr

Einst war Stuttgart als autogerechte Stadt geplant - nun beginnen überall Korrekturmaßnahmen: Die Verkehrsleitzentrale versucht, Staus zu vermeiden, für Lkws gilt ein Durchfahrtsverbot, im Rahmen der Umweltzone dürfen von Anfang 2012 an auch Autos der Schadstoffgruppe3 nicht mehr durch die Stadt fahren.

Die Probleme

Topografie

Das Höhenprofil macht die Stadt besonders anfällig für die von den Experten in Südwestdeutschland erwartete Erwärmung. Hügelketten schirmen die Stadt von drei Seiten ab und verhindern eine Abkühlung.

Vegetation

Förster und Bauern stehen angesichts des Klimawandels vor Herausforderungen. Flachwurzelnde Bäume bekommen schon heute Probleme, wenn es im Sommer über einen längeren Zeitraum hinweg nicht regnet. In der Landwirtschaft könnte die künstliche Bewässerung von Obst und Gemüse in einigen Jahren zum Standard gehören.

Tierwelt

Auch die Tierwelt verändert sich. Schon heute wandern Tiere - wie zum Beispiel die Gottesanbeterin - über die burgundische Pforte nach Süddeutschland ein.

Was jeder tun kann

Dachbegrünung

Wo die Stadt besonders dicht bebaut ist, gibt es kaum Freiflächen für grüne Oasen. Eine Dachbegrünung kommt für Gebäude mit Flachdächern oder einem geringen Neigungswinkel der Dächer infrage.

Mobilität

Vor allem kurze Autofahrten belasten das Stadtklima oft unnötig. Die Bahn bietet an verschiedenen Stellen in der Stadt zahlreiche Leihfahrräder an. Die meisten Wege in der Innenstadt können auch mit Bussen und Bahnen zurückgelegt werden. Das spart CO2.

Information

Welche Ziele verfolgt die Stadt beim Klimaschutz? Wie sind die langjährigen Erfolge und Misserfolge? Mehr Informationen stehen im Netz: www.stadtklima-stuttgart.de

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