Stuttgart und die Umweltziele Nachts fließt kalte Luft in den Kessel

Blick auf die Kaltentaler Abfahrt: Entlang dieser Grünzone strömen kalte Luftmassen in die City. Der Wind ist noch in 100 Meter Höhe messbar. Foto: Rudel 4 Bilder
Blick auf die Kaltentaler Abfahrt: Entlang dieser Grünzone strömen kalte Luftmassen in die City. Der Wind ist noch in 100 Meter Höhe messbar. Foto: Rudel

Stuttgart hat viel getan, um die Luftqualität zu verbessern und der Erwärmung entgegenzuwirken. Doch manche Ziele waren zu ehrgeizig.    

Leben: Erik Raidt (era)
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Stuttgart - Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein, als eines Nachts mehrere Mitarbeiter des Stuttgarter Umweltamtes in den Wäldern unweit der Bärenseen ihre Fracht aus den Kofferräumen ihrer Autos ausluden. Darin befanden sich Metallflaschen, zuvor hatten die Klimaexperten im gesamten Stadtgebiet Messgeräte aufgestellt. Vorsichtig ließen sie ein unsichtbares und zugleich unschädliches Gas entweichen: Schwefelhexafluorid. Es war der Beginn einer Spurensuche.

Wenige Stunden später lieferten die Messstationen bereits die ersten Ergebnisse. "Das Gas wurde an mehreren Stellen nachgewiesen", erzählt Ulrich Reuter, der Leiter der Stadtklimatologie. Spuren des Gases erreichten sogar das Neckartal. "Seitdem ist es auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich von den Wäldern beim Schattenring hinab in die Stadt eine entscheidende Frischluftschneise erstreckt."

Wie bei einem gewaltigen Puzzle tragen zahllose Einzelfaktoren zum Klima einer Region bei - im Fall von Stuttgart spielen die Frischluftschneisen für das Stadtklima eine herausragende Rolle. Ulrich Reuter beschäftigt sich seit 1980 mit jenem komplexen Zusammenspiel aus Windströmungen, Niederschlägen, Temperaturen und der speziellen Topografie der Stadt: "Die Kessellage führt dazu, dass sich der Innenstadtbereich stark aufheizen kann. Es bilden sich Wärmeinseln, und infolge des Klimawandels wird sich dieser Effekt künftig weiter verstärken." Stuttgart könnte im Sommer noch öfter zum Backofen werden.

Die Problemzonen weiten sich aus

Einen Vorgeschmack auf künftige Hitzewellen erkennen Meteorologen und Klimaforscher im Sommer des Jahres 2003: Seinerzeit litt die Stadt im Juni unter einer extremen und lang anhaltenden Hitzeperiode - mit Folgen für Mensch und Natur: Viele ältere Menschen kamen mit den Temperaturen nur schwer zurecht, weil sie nicht genug tranken. Unter Stress standen auch manche Bäume, die die Trockenheit nicht vertrugen.

Schon heute lassen sich in manchen Waldgebieten jene "Problemzonen" besichtigen, die künftig noch deutlicher zu erkennen sein werden: Auf dem Feuerbacher Heukopf leidet unter anderem der deutsche Symbolbaum - die Eiche. An vielen Bäumen schält sich die Rinde, dürre Äste tragen kein frisches Laub. Im Totholz mancher umgestürzter Bäume krabbeln die Käfer und breiten sich Pilze aus.

Es gibt unter Wissenschaftlern kaum noch Zweifel daran, dass es künftig noch wärmer wird. In einer Statistik zeigten die Meteorologen der Uni Hohenheim die Entwicklung der Durchschnittstemperatur in Stuttgart über einen Zeitraum von 50 Jahren auf: Diese lag 1980 bei 9,5 Grad und im Jahr 2004 bei 10,5 Grad. Fall sich die Prognosen bestätigen, könnte sie bis zum Jahr 2030 auf ein Jahresmittel zwischen 12,5 und 13,5 Grad steigen.




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