Die Kinderkrankenschwester Regine Frischknecht kümmert sich donnerstags vier Stunden um Noemi Lieb, die mit einem Gendefekt auf die Welt kam. Foto: Lisa
Serie „So leben wir“ Teil 4 – Die Betreuungskrise ist überall. Ohne fremde Hilfe kommen viele Familien nicht durch den Alltag. Aber was tun, wenn Oma und Opa keine Option sind? Sechs Familien erzählen, wer ihnen beim Organisationsspagat Hilfestellung leistet.
Unserer Redaktion
17.07.2023 - 18:00 Uhr
Zu wenig Kitaplätze, regelmäßig ausfallender Unterricht und pflegebedürftige Angehörige. Viele Familien können Beruf und Privatleben nur stemmen, wenn sie Unterstützung von außen bekommen. Aber nicht alle haben Oma oder Opa vor Ort – im vierten Teil unserer Serie, schildern Familien, wer sie unterstützt.
Familie Lieb – donnerstags nutzt Mutter Lisa freie Stunden intensiv für die Jungs
Familie Lieb (hinten Vater Jannik, und Mutter Lisa, vorne von links Noemi, David und Jonah) aus Echterdingen Foto: privat
Lisa Lieb ist eine gute Netzwerkerin. Das hilft der Familie, die in Echterdingen lebt, im Alltag. Es gibt viele Menschen, auf die sie zählen können. Wie die Mutter von Jonahs Freund, zu dem der Neunjährige dienstags mit nach Hause geht. Die Stuttgarter Familie sei wie ein zweites Zuhause für Jonah, erzählt seine Mutter.
Seit rund einem Jahr kommt donnerstagnachmittags die Hilfe eines Metzinger Kinderkrankenpflegediensts dazu. Die Kraft kümmert sich bei Liebs Hause für vier Stunden um Noemi, die mit einem Gendefekt auf die Welt kam. Die Krankenkasse hatte sogar 35 Stunden pro Woche zur Entlastung genehmigt. Aber die Dienste leiden unter Fachkräftemangel. Die vier Stunden nutzt Lisa Lieb intensiv. Sie bringt Jonah zum Training, fährt mit David Fahrrad, geht mit dem Vierjährigen in die Bücherei.
Im Verein „Mein Herz lacht“ können sich die Eltern austauschen
Einmal die Woche kommt Lisa Liebs Mutter Sara aus Metzingen. „Meine Eltern sind sehr aktiv, vor allem mit David und mit Jonah haben sie viel Zeit verbracht“, sagt die 36- Jährige, die als erste von fünf Geschwistern Kinder bekommen hat. Auch Jannik Lieb ist mit vielen Geschwistern groß geworden. In seinem Teil der Familie ist bereits das zehnte Enkelkind unterwegs.
Die Liebs haben auch eine Babysitterin für Noemi. Die macht gerade ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin und traut sich das zu. Noemi fremdele zum Glück nicht. Das ermögliche, sie auch mal ins Kinderhospiz zu geben. Allerdings geht das nie spontan, sondern muss lange im Voraus organisiert werden, so die Eltern. Der Verein „Mein Herz lacht“ gehört ebenfalls zum Netzwerk der Familie. In dem haben sich Eltern von Kindern mit Behinderung zusammengeschlossen, um sich auszutauschen. (Viola Volland)
Familie Jux – Oma und Hündin Suma gehören fest zur Familie
Einmal in der Woche kommt die Mutter von Colline Jux über Nacht. Foto: privat
„Mein Sohn, meine Mutter und ich, das ist der feste Kern unserer Familie“, sagt Colline Jux, die vor zwei Jahren nach Stuttgart gezogen ist und mit ihrem 18 Monate alten Sohn im Westen der Stadt lebt. Auch ihre Hündin Suma gehört zur Familie. Als ihr Sohn drei Monate alt war, hat Colline Jux den Hund auf Ebay Kleinanzeigen gekauft, für ihren Sohn ist Suma fast wie ein Geschwisterchen.
Die vielen Angebote, die es laut Jux für Familien in der Stuttgarter Innenstadt gibt, haben ihr den Start als Mutter erleichtert. Regelmäßig verabredet sie sich mit befreundeten Eltern im Eltern-Kind-Zentrum im Generationenhaus West oder dem Müze, einem Familienzentrum im Stuttgarter Süden.
Krabbelgruppen sind zu Netzwerken geworden
Durch Krabbelgruppen, Kindersingen und Nachmittage in den Spielcafés der Einrichtungen hat sie sich ein Netzwerk aufbauen können, „der Austausch tut mir gut, über WhatsApp Gruppen bleiben wir in Kontakt und verabreden uns an den Nachmittagen und Wochenenden“, sagt sie.
Einmal in der Woche kommt Colline Jux‘ Mutter aus Baden-Baden für ein oder zwei Nächte zu Besuch und unterstützt die Familie im Alltag. Manchmal nutzt die 39-Jährige die freie Zeit für berufliche oder private Termine. An anderen Tagen trifft sie sich mit Freunden. Mindestens einen Nachmittag aber verbringen die drei gemeinsam. Größer müsse das Familiennetzwerk für Jux gar nicht sein: „Mein Sohn hat mit seiner Oma und mir feste Bezugspersonen und weiß, dass wir immer für ihn da sind.“ (Susan Jörges)
Familie Rieger – Patchwork ohne Probleme
Halbbruder Florian (Mitte) schaut gerne bei den Riegers vorbei. Foto: Jürgen Bach
„Ich habe vier Kinder“, sagt Vater Steffen Rieger. Neben Collin (16) und Jayden (13) haben er und seine Frau jeweils ein Kind aus vorherigen Beziehungen. Steffen Riegers Sohn Florian (27) wohnt in Stuttgart Zuffenhausen, ihn sieht Steffen Rieger auf der Arbeit. Nadine Riegers Sohn Romario (28) hat viele Jahre bei den Riegers gelebt, mit ihm sind Collin und Jayden aufgewachsen. Heute wohnt er allerdings mit Freundin und Hund in Heilbronn.
„Dass wir bei Familientreffen tatsächlich vollständig sind, passiert zwei bis drei Mal im Jahr“, sagt Steffen Rieger. Für Collin und Jayden sind Florian und Romario wie Brüder. „Probleme gab es in unserer Familie nie, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Nadine Rieger. Steffen Riegers Eltern wohnen in der Nähe und sind noch fit. Sollte es ihnen im hohen Alter schlechter gehen, haben sie vor, in eine Einrichtung mit betreutem Wohnen zu ziehen.
Nadine Rieger hat den 86-jährigen Armin „adoptiert“
Als Nadine Rieger neu nach Weissach und zu Steffen Rieger zog, lernte sie in ihrer ersten Anstellung den heute 86-jährigen Armin kennen. Er war Kunde an der Tankstelle, wo Nadine Rieger arbeitete. „Armin hat keine Familie, dafür aber uns“, sagt sie. Jeden Morgen nach der großen Gassi-Runde mit Schäferhündin Jacky bringt Nadine Rieger ihm Brötchen und die Tageszeitung vorbei. Einmal in der Woche laden sie ihn zum Abendessen ein. (Susan Jörges)
Familie Grammel – wenn gar nichts mehr geht, kommt die Oma
Max, Julian, Steffi und Basti Grammel haben in Fürnsal viel Familie in der Nähe. Foto: Achim Zweygarth
„Familie ist überall“, sagt Steffi Grammel, lacht und deutet auf alle benachbarten Häuser in ihrer Straße in dem kleinen Dorf Fürnsal im Schwarzwald. Die Familie ist im Flecken bekannt und integriert. „Es ist schon toll, wenn jeder jeden kennt. Unsere Jungs sind allen bekannt. Bei der einen Nachbarin bekommen sie Schokolade, bei der anderen schauen sie einen Weihnachtsfilm . . .“, erzählt Steffi Grammel. Die Jungs, das sind Max (13) und Julian (12). Wenn Max aufzählt, wer für ihn Familie ist, dann landet er bei seinem Freund Lukas, seinen Eltern, der Oma, dem Opa und seinen beiden Cousins, mit denen er jeden Sommer in den Urlaub fährt.
Auf insgesamt zwölf Cousins und Cousinen kommen Max und Julian. Ihre Mutter Steffi hat zwei Brüder und eine Schwester, ihr Vater Basti eine Halbschwester und einen Stiefbruder. „Vor allem im Mai“ erzählen Julian und Max „sind wir jedes Wochenende auf irgendeinem Fest“ – Geburtstag, Taufe, Kommunion, Hochzeit, irgendetwas ist immer in der Großfamilie.
Bei Oma gibt es montags den vollen Service
Doch obwohl die Familie so groß ist und die meisten Mitglieder nicht besonders weit voneinander entfernt wohnen, teilen sich Steffi und Basti die Betreuung ihrer Jungs in erster Linie untereinander auf. Nur montags ist die Oma, Steffis Mutter, regelmäßig im Einsatz. Da hat Max, der auf die Realschule in Dornhan geht, Nachmittagsunterricht und verbringt seine Mittagspause bei der Oma. Er liebt Montage, „denn bei Oma gibt es immer den vollen Service“, konkret bedeutet das: Braten mit Kartoffelbrei, Pfannkuchen, Teller stehen lassen dürfen und zocken ohne Limit.
Daheim müssen Max und Julian viel im Haushalt mithelfen, das ist ihrem Vater Basti sehr wichtig. Auch direkt nach der Schule kennt er kein Pardon, herumliegende Schulranzen oder Schuhe sind ein Tabu und Tisch decken, abräumen, Spülmaschine einräumen ist für die beiden sehr höflichen Teenager eine Selbstverständlichkeit. Obwohl beide Eltern viel arbeiten, leisten sie sich im Haushalt keine Hilfe. Das Geld für eine Putzfrau sparen die Grammels lieber für Urlaube oder schöne Ausflüge. Sie erledigen alles selbst, das Waschbecken im Bad etwa, wischt Steffi Grammel jeden Morgen nach Gebrauch einmal kurz durch. „Die Coolness, den Zustand des Hauses so hinzunehmen wie er eben ist, wenn wir beide voll arbeiten, mussten wir uns schon ein bisschen antrainieren“, sagt Steffi Grammel, „wenn es gar nicht mehr geht, dann kommt meine Mutter.“ Ironischerweise ist das fast immer rund um den Muttertag der Fall, denn da ist in Steffis Blumenladen in Loßburg absolute Hochsaison.
Familie Stöveken-Schaffhauser – Liam hat viele Anlaufstationen
Marius Schaffhäuser und Carina Stöveken leben mit Liam in Stuttgart-Ost. Foto: Lichtgut//Julian Rettig
Einer der Vorteile, wenn man jung Kinder bekommt? Die Großeltern sind auch noch jung! Bei Carina Stöveken und Marius Schaffhauser ist das so. 25 und 26 waren sie bei der Geburt ihres Sohnes Liam. Vier fitte Großeltern zwischen Mitte 50 und Mitte 60 können sie seither bei der Betreuung unterstützen. Sogar eine Urgroßmutter gibt es noch in der Familie. Bei der machen sie gern Urlaub am Chiemsee.
Liam hat schon als Baby bei den Großeltern übernachtet
Bei Oma und Opa zu sein, ist Liam von klein an gewohnt. Weil Carina noch studierte, betreute Marius’ Mutter in Remshalden ihn regelmäßig tagsüber, seit er drei Monate alt war. Auch bei Carinas Eltern, die bei Biberach wohnen, übernachtete Liam schon als Baby. Heute holt ihn die Remshaldener Großmutter einmal die Woche vom Kindergarten ab, manchmal auch der Opa.
Mit befreundeten Familien haben sie außerdem ein Netz geknüpft, nehmen die Kinder gegenseitig zum Spielen nach Hause mit oder mal zum Kinderturnen. Außerdem gibt es noch Marius’ Schwester, Liams Patin, und Freunde, die ab und zu etwas mit ihm unternehmen. Wenn er an Familie denkt, dann aber „erst mal an uns drei“, sagt Marius Schaffhauser. (Lisa Welzhofer)