Der neue OB will die nächste Imagekampagne
Nun sorgt sich auch der neue OB Frank Nopper um die Darstellung der Stadt. Doch es endet selten gut, wenn man sich im Rathaus Gedanken über das Image macht. Am Anfang stritt man sogar, ob es Imitsch heiße oder Image. In diesem Geiste bastelte man Prospekte, schaltete zur Leichtathletik-WM 1993 überregionale Anzeigen, ohne allerdings die Telefonnummer von Stuttgarts Touristikern zu erwähnen. Nein, man hatte sie nicht vergessen. Das Telefon der städtischen Firma war wegen Personalmangels nur selten besetzt.
Ja ja, das Imitsch. Es weiß keiner so recht, was das sein soll. Deshalb bat man Anfang des Jahrtausends den Experten für Selbstdarstellung zu Hilfe. Wenn es ein Projekt werden solle, „wird es auf jeden Fall etwas Großes sein! Etwas sehr Großes!“ So sprach Donald Trump. Damals vor knapp 20 Jahren, als er kein US-Präsident war, sondern nur ein begnadeter Wichtigtuer, Baulöwe und Liebling des Boulevards. Weil man hier mal so richtig auf den Putz hauen wollte, fand die Trump Deutschland AG den Weg nach Stuttgart. Um auf dem Pragsattel einen 220 Meter hohen Trump Tower zu bauen, der „Exklusivität, Luxus, Glamour, Sicherheit und einen einzigartigen Lebensstil“ verspreche. Schuster und Wirtschaftsförderer Joachim Pfeiffer rollten den Investoren den roten Teppich aus. Doch die hatten weder ernste Absichten noch Geld. Stück für Stück wurde das Wolkenkuckucksheim abgetragen.
Von Leuchtturmprojekten und Slogans
Alle Jahre wieder will man hoch hinaus. Redet über Werbekampagnen, Slogans oder Leuchtturmprojekte, will das angeblich miese Bild der Stadt aufpolieren. Hin und wieder klappt das tatsächlich. So wie 2006, als ein guter Song zu rechten Zeit das Wesen der Stadt enthüllte. „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“, der Ohrwurm nahm das Land im Sturm. Eine Lobeshymne ergoss sich während der Fußball-WM über Stuttgart, die manch aufrechten Schwaben verdattert staunen ließ. „Schlecht isch’s ned hier“, das wissen wir seit Jahren, aber warum muss man’s jedem gleich erzählen? Doch die Republik samt Fernsehen war wild entschlossen, das Kesseltreiben hip zu finden.
Aber es waren nicht die von oben verordneten Imagekampagnen, die den Boden dafür bereitet hatten. Die rochen selbst nach dem Muff, den sie austreiben wollten. Es wirkte immer so, als schreie der Kleine in der Ecke da so laut, weil ihn die Großen nicht mitspielen lassen wollten. Doch ironischerweise legte all das, was man bei diesen Werbefeldzügen verleugnen wollte – Solidität, Vernunft, Sparsamkeit, Fleiß –, den Grundstein für die weltmeisterliche Erweckung.
Sogar Mel Brooks fand die Stadt „sehr hip“
Weil man einen Bürgermeister, der stolz darauf wäre, „arm, aber sexy“ zu sein, umgehend ins Bürgerhospital befördert hätte, war die Stadtkasse besser gefüllt als anderswo. Man konnte sich ein Kunstmuseum leisten, investierte aber auch schon seit Langem in die Integration der neuen Stuttgarter. So strömten deutsche Medien von „Geo“ über den „Spiegel“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“ in die Stadt und fragten, warum das Zusammenleben hier meist reibungsloser funktioniert als andernorts. Sie kamen zur Einweihung des Kunstmuseums, sie waren da, als das Mercedes-Museum eröffnet wurde. Hamburger und Berliner staunten. Die „Welt“ entdeckte uns als „eine hippe Ecke“, und auch die Reporterin der „Zeit“, die früher mit einem Kehrtrupp losgezogen wäre, ließ sich vom Balletttänzer Eric Gauthier auf der Theo herumführen. Allenthalben lobte man den Hexenkessel. „Sehr hip, sehr smart“, nannte Mel Brooks die Stadt.
Ein selbstironischer Song
So fiel das Lied auf fruchtbaren Boden. „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ konnten auch die Schwaben lauthals singen. Weil man wusste, es ist nicht so ernst gemeint, wie es klingt. Wäre das Spiel um Platz drei nicht in Stuttgart, sondern auf Schalke gewesen, hätten die Dortmunder Zuschauer nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien sogar „Gelsenkirchen ist viel schöner als Berlin“ geschmettert, um Klinsis Mannen zu trösten, dass sie das WM-Finale in Berlin verpasst hatten. So aber war „Stuttgart viel schöner als Berlin“. Das ließ sich singen, ohne dass man dicke Backen macht. Selbstironie passt zum schwäbischen Wesen, das die Villa in der Toskana ein Ferienhäusle nennt. Der Volksmund hatte den perfekten Hit geschaffen. Bald erschien der Slogan auf Stringtangas fürs Mineralbad Berg, die dort garantiert keiner trägt und aus denen sich nicht mal rechte Putzlappen gewinnen lassen. So tanzte man zur Melodie von „Yellow Submarine“, doch die Party endete, als die Politiker dem Volk aufs Maul schauten. Sie kaperten den WM-Hit und posaunten ihn bei jeder Rede hinaus. Ganz ernst gemeint. So war das Lied unsingbar geworden.
Alt-OB Manfred Rommel spottet
Das zeigte, ein guter Ruf wächst in Nischen, die man pflegen muss. Gleiches gilt für eine Atmosphäre, eine Stimmung in einer Stadt, die im besten Falle anziehend wirkt. Nun will also Frank Nopper Stuttgarts Image aufpolieren. Doch welches Image überhaupt? Stuttgart Marketing ließ vor einiger Zeit in einer Erhebung 2000 Menschen in Deutschland fragen, was ihnen zu Stuttgart einfiel. Die Antwort war: Nichts! Weder Fernsehturm noch Kehrwoche noch Mineralquellen. Damals war man sich einig, dass man keine Imagekampagnen mehr entwirft, die ein Image beseitigen sollen, das es gar nicht gibt. Alt-OB Manfred Rommel wusste es schon vor Jahrzehnten besser. Er spottete ob all der Image-Diskussionen: „Ach, armes Stuttgart, keiner kennt’s – zum Glück hilft uns da Daimler-Benz.“