Stuttgart-Vaihingen Existenzsorgen plagen die Hundesportler

Von Caroline Holowiecki 

Der Dressur-Verein für Schutz- und Begleit-Hunde, wie er anno 1920 hieß, feiert dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Der Verein mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen hat allerdings eher Grund zu klagen.

Ein Foto aus alten Tagen: Beim Kinderfestumzug im Jahre 1969 beteiligte sich  der Hundeverein mit einer Fußgruppe und einem Festwagen Foto: privat
Ein Foto aus alten Tagen: Beim Kinderfestumzug im Jahre 1969 beteiligte sich der Hundeverein mit einer Fußgruppe und einem Festwagen Foto: privat

Vaihingen - Das schwarze Buch mit den vergilbten Seiten ist so alt, man will es schier nicht anfassen, aus Sorge, es könnte zerfallen. Wer vorsichtig blättert, stößt auf das handschriftliche Protokoll einer Gründungsversammlung. Am 3. Dezember 1920 wurde im Gasthaus Löwen der „Dressur-Verein für Schutz- und Begleit-Hunde, Vaihingen auf den Fildern und Umgebung“ aus der Taufe gehoben.

Die Vitrine im Vereinsheim ist gut bestückt

100 Jahre später gibt es den Club immer noch, allerdings nach zwei Namenswechseln als Verein der Hundefreunde. „Schutzhunde, das ist nicht mehr zeitgemäß in der Stadt“, erklärt Sandra Vischer, die Vorsitzende. Die Begleithunde-Basisausbildung kann man hier absolvieren, zudem gibt es den Turnierhundesport mit Geländelauf in unterschiedlichen Distanzen sowie Drei- und Vierkampf mit Slalom, Hindernissen und mehr. Und das offensichtlich erfolgreich. Eine Vitrine im Vereinsheim ist bestückt mit zig Pokalen, Urkunden und anderen Preisen. „Wir waren immer überregional vertreten. Vaihingen war immer ein sehr angesehener Verein“, sagt Sandra Vischer (50).

Rennen Tierfans den Hundefreunden also die Bude ein? Immerhin wurden im vergangenen Jahr knapp 15 000 Hunde in Stuttgart gezählt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Mitgliederzahl ist stark rückläufig. 64 Hundefreunde gibt es – etliche davon passiv. Zum Vergleich: Als der Verein nach dem Krieg 1948 wieder ins Leben gerufen wurde, zählte er rasch mehr als 200 Personen. 2012 waren es immerhin noch rund 110. Viele Mitglieder sind heute alt. Nur vier Jugendliche machen aktuell mit, „im Moment sind wir ganz froh“, sagt Claudia Reyle (67), die Kassiererin. Yvonne Fischer (59), die stellvertretende Vorsitzende, berichtet von Existenzsorgen: „Wir stemmen das Sommerfest und den Weihnachtsmarkt. Wenn von uns einer wegfällt, wird es echt eng.“ Was sind die Gründe fürs Schwächeln? Laut der Schäferhund-Halterin Sandra Vischer sind heute Einzelstunden bei privaten Trainern beliebter. Binden wolle sich keiner. „Vereinsleben allgemein ist nicht mehr in“, sagt Claudia Reyle, eine Dackelbesitzerin. Sandra Vischer wirkt kraftlos. „Wir sind unheimlich stolz auf das Jubiläum, aber wir haben Angst, dass wir den Verein nicht halten können.“

Ihr Vereinsheim liegt ab vom Schuss

Es ist nicht die einzige Baustelle. Was den Vorstand auch zwickt, ist die Vereinsgaststätte. In der L’Osteria del Sud gibt es italienische Speisen, die bei schönem Wetter auf der Terrasse mit Blick auf den Hundeplatz serviert werden, doch das Ganze hat einen Haken. „Die Lage ist unser Problem, die meisten Vaihinger wissen nicht, dass es uns gibt“, sagt Sandra Vischer. Ihr Mann Ralf ergänzt: „Wir haben null Laufkundschaft.“ Claudia Reyle spricht gar vom „Ende der Welt“, und ein bisschen ist es so. Die Kurmärker Straße liegt am Ortsrand und endet in einer Einfahrt zum US-Militärgelände der Patch Barracks. Erst, wenn man schon umkehren möchte, um möglicherweise mit den Amerikanern keinen Ärger zu riskieren, sieht man hinten in der Straße das Vereinsheim. Oder auch nicht.

Einen Weg aus der Misere weiß im Verein niemand. „Natürlich machen wir uns immer wieder Gedanken, aber die knallende Idee hat noch keiner gehabt“, bekennt Sandra Vischer. Ein Ansatz ist das Sommerfest am 25. und 26. Juli auf dem Vereinsgelände. In diesem Rahmen soll auch das große Jubiläum gefeiert werden. Die konkreten Planungen sollen erst noch starten, doch Sandra Vischer spricht schon jetzt von einem Partywagen, vom Grillen und natürlich Vorführungen. Der Schriftführer Ulrich Reyle (68), seit 53 Jahren Mitglied bei den Hundefreunden, betont, dass das Vereinsleben viel Freude macht. Wie wertvoll eine Mitgliedschaft sein kann, dafür hat er wohl die besten Argumente. Hier hat er seine Frau Claudia kennengelernt. Seit 1983 ist das Paar verheiratet.

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