Stuttgart Verkehrsminister und Bahnvorstand stellen sich Pendler-Kritik

Von red/dpa/lsw 

Kommt der Zug, und wenn ja, wie spät und in welchem Zustand? Davon können Bahn-Pendler ein Lied singen. Verkehrsminister Hermann und Bahnvorstand Huber sind mitgefahren und haben es sich angehört.

Sven Hantel und Berthold Huber von der Deutschen Bahn AG hören sich gemeinsam mit Landesverkehrsminister Winfried Hermann die Kritik der Pendler an. Foto: dpa
Sven Hantel und Berthold Huber von der Deutschen Bahn AG hören sich gemeinsam mit Landesverkehrsminister Winfried Hermann die Kritik der Pendler an. Foto: dpa

Stuttgart - Auf diese Gelegenheit hat so manch ein Pendler gewartet: Einmal dem Verkehrsminister persönlich sagen, was er von der Qualität des Regionalbahn-Angebots hält. „Ach, das ist ja der Herr Hermann!“, ruft ein Fahrgast, als er den Minister am Freitagmorgen im Regionalzug aus Mosbach-Neckarelz Richtung Stuttgart entdeckt. „Ihnen habe ich auch schon mal eine Mail geschrieben!“

Die Beschwerdemails der Pendler im Postfach von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) machen deutlich, wie dringlich die Probleme auf den Regional-Strecken Frankenbahn, Filstalbahn und Remsbahn sind. „Wir erhalten tausende Mails, die Menschen tippen gleich am Bahnsteig, während sie auf den verspäteten Zug warten.“ Dabei, sagt Hermann, sei er doch gar nicht der Lokführer oder die Bahn!

Deshalb hat er Berthold Huber, den Bahnvorstand für Verkehr und Transport, eingeladen, sich gemeinsam auf Pendlerfahrt zu begeben. Freitagfrüh um 5.58 Uhr ging es von Stuttgart bis Bad Friedrichshall, um im Berufsverkehr auf der berüchtigten Strecke Frankenbahn zurück in die Landeshauptstadt zu „pendeln“. Eine weitere Gruppe um Uwe Lahl, den Amtschef im Verkehrsministerium, und Jörg Sandvoß, Vorstandschef der DB Regio, wagte sich auf die Filstalbahn-Strecke.

Bahn musste wegen schlechter Leistungen Strafe zahlen

Weil nach der Ausschreibung der Netze im kommenden Jahr zwei ausländische Anbieter den Zugverkehr übernehmen werden, lohnt es sich für die Bahn nicht, in neue Züge zu investieren. Außerdem gibt es Personalengpässe: Der künftige Betreiber Abellio zahlt weniger, die Mitarbeiter der Bahn wollen nicht für ihn arbeiten, wenn es losgeht. Stattdessen haben viele innerhalb des Bahnkonzerns die Stelle gewechselt, um auch in Zukunft bei der Bahn zu bleiben.

Im Juli 2017 vereinbarten Land und Bahn angesichts der Probleme einen Aktionsplan. Störungen wie defekte Türen, Beleuchtung und Toiletten um ein Drittel ab, die Pünktlichkeit verbesserte sich, die Quote der Zugausfälle ging leicht zurück. Gut 10 000 Fahrgäste wurden mit 2 Millionen Euro entschädigt. Dennoch musste die Bahn dem Land wegen schlechter Leistungen 11 Millionen Euro Strafe zahlen. Das Geld soll für zusätzliche Wagen und Zugbegleiter ausgegeben werden.

Viele Pendler interessieren diese Details reichlich wenig. „Seit 31 Jahren fahre ich auf dieser Strecke, seit 31 Jahren! Was ich hier erlebe, ist schlimm“, sagt ein älterer Herr erbost. „Ich habe keine Hoffnung, dass es besser wird.“ Plötzlich fragt er misstrausch bei Hermann und Huber nach: „Sind Sie zufällig da? Kommen wir deshalb heute pünktlich an, weil Sie mitfahren?“

Nein, versichert Bahnvorstand Huber, an seinem Besuch liege es nicht. So einfach lässt sich Pünktlichkeit nicht herstellen. „Wir arbeiten intensiv daran“, verspricht er, „und es ist ja auch schon besser geworden, obwohl wir noch viel tun müssen“. Das bestätigen übrigens auch viele der Pendler, sobald sie ihre Wut über kaputte Klimaanlagen, dreckige Waggons und Zugausfälle losgeworden sind.

Kritik an fehlenden Informationen

Besonders nervt es die Fahrgäste, wenn sie nicht informiert werden. Auf die App „Streckenagent“ könne man sich verlassen, man sollte es aber nicht tun, ist die einhellige Meinung. Auch hier verspricht Huber Abhilfe. Künftig soll die App rund um die Uhr aktualisiert werden, bisher war nur tagsüber Personal dafür abgestellt.

Das Personal übrigens kommt bei der Mini-Gästebefragung gut weg. Freundlich seien die Zugbegleiter und zuvorkommend, und an ihnen liege es ja schließlich auch nicht, finden die Kunden. Einer der Zugbegleiter sagt seinem Vorstand später auf dem Bahnsteig: „Wir tun, was wir können. Aber manches haben wir einfach nicht in der Hand.“

Für den ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD) ist die Bahnfahrt von Hermann und Huber eine „Goodwill-Aktion“, mit der gezeigt werden soll, dass man etwas unternimmt. Es habe sich zwar in den ersten Wochen des Jahres einiges verbessert, aber es fielen immer noch Züge aus, sagte der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb am Freitag.

Hermann und Huber jedenfalls erleben eine ganz normale Pendlerfahrt mit nur einer defekten Toilette. Pünktlich fährt der Zug ein, die Türen gehen auf, einer aus der Minister-Manager-Delegation fragt nach draußen: „Ist hier Heilbronn?“ - „Ja“, antwortet ein Fahrgast, der zusteigen will. „Heilbronn. Da wo die Frankenbahn so schlecht fährt.“