Stuttgart von oben – Fanny-Leicht-Gymnasium Alte Gemäuer und eine saubere Vergangenheit

Von Rebecca Beiter 

Das Fanny-Leicht-Gymnasium wurde mitten im Nationalsozialismus eingeweiht. Die Lehrerin Birgit Anschütz hat die Geschichte der Schule untersucht.

Die Lehrerin Birgit Anschütz hat die Geschichte des Fanny-Leicht-Gymnasiums zur NS-Zeit aufgearbeitet. Foto: Rebecca Beiter
Die Lehrerin Birgit Anschütz hat die Geschichte des Fanny-Leicht-Gymnasiums zur NS-Zeit aufgearbeitet. Foto: Rebecca Beiter

Vaihingen - Die Lehrerin Birgit Anschütz sitzt in der Lehrerbibliothek, die im obersten Stock der ehemaligen Villa der Familie Leicht untergebracht ist. Heute dient das Gebäude als Schule, es ist Teil des Fanny-Leicht-Gymnasiums. Vor ihr liegen alte Fotos in Schwarz-weiß, die von der Anfangszeit der Schule erzählen. Sie zeigen eine prachtvolle Villa in einem gepflegten Park mit Blumenbeeten, Mädchen im Park bei Sportübungen, Schulfesten. Sie zeigen eine vergangene Zeit, als das Gymnasium noch den Vaihinger Mädchen vorbehalten war, als Sportunterricht noch „Leibesübungen“ genannt wurde.

Der Blick hinaus auf den Pausenhof offenbart heute ein anderes Bild: Die imposante Parkanlage ist ein normaler Stadtpark geworden. Einige Schüler stehen sich mit Smartphones in der Hand gegenüber, niemand redet dort miteinander. Doch um sie herum wird wild gerannt und getobt. Jungen und Mädchen spielen miteinander, die kurzen Hosen mancher Schülerinnen hätten sie zur Gründerzeit sicherlich einen Besuch bei der Schulleiterin gekostet. Ja, das Fanny-Leicht hat sich verändert.

Inwieweit waren die Lehrer am Nationalsozialismus beteiligt?

„Vielleicht feiern wir etwas, was historisch schwierig ist – das war der ausschlaggebende Gedanke“ beginnt Anschütz das Gespräch. „Historisch schwierig“ – damit bezieht sich die Lehrerin für Geschichte, Deutsch und Englisch auf die Anfangszeit der Schule, die während der NS-Zeit eröffnet wurde. Sie erforschte mit ihrem Geschichtsleistungskurs anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Schule im Jahr 2015, inwieweit die Lehrer des Gymnasiums am Nationalsozialismus beteiligt waren. Die Ergebnisse des „Entnazifizierung“-Projekts lassen die Vergangenheit der Schule in gutem Licht erscheinen. „Keine der sogenannten Fräuleins hatte eine NS-Vergangenheit oder war in der Partei, was auch unsere Zeitzeugen bestätigten“, zieht Anschütz ihr Fazit. Die erste Schulleiterin Hilde Dietrich sei sogar gerügt worden, berichtet Anschütz, sie hätte stärker nationalsozialistisch in der Schule wirken sollen.

Das historische Erbe der Schule lässt die Geschichtslehrerin nicht kalt: „Hier ist heute die Lehrerbücherei, doch der Gedanke, dass hier einst Fanny Leicht durch ihre Villa lief, kommt mir trotzdem regelmäßig.“ Imposanter sei die Anlage damals gewesen, weniger pragmatisch gestaltet, das zeigten die Bilder. „Wobei mir schleierhaft ist, wie in diesem, für eine Schule kleinem Gebäude, so viele Klassen untergekommen sind.“ Ein altes Foto zeigt eine Klasse eingequetscht in ein winziges Zimmer. „Das würde heute nicht mehr zugelassen werden“, sagt Anschütz.

Die Jugend heute ist politisch interessiert, engagiert und kritisch

Für die Lehrerin besteht eine der größten Änderungen darin, dass 1971 Jungen zugelassen wurden: „Wenn man bedenkt, dass dieser gesellschaftliche Wandel noch gar nicht so lange her ist, war das eine große Neuerung. Und Tanzstunden für Mädchen gibt es auch keine mehr.“ Der Fokus der Schule auf die musikalische Erziehung sei aber seit damals erhalten geblieben. Einem Vorurteil tritt Anschütz entschieden entgegen: „Die Schüler heute sind nicht unpolitischer als frühere Generationen.“ Im Gegenteil seien viele heute engagierter, kritischer und verstünden früher, dass Noten nicht alles seien, so Anschütz.

Sie denkt nicht, dass sich die Schule auf Luftbildaufnahmen 62 Jahre in der Zukunft sichtbar verändern wird. „Wir werden sicherlich digitaler unterrichten, aber die Schule wird trotzdem bestehen bleiben.“ Digitaler Unterricht zu Hause als Schulform der Zukunft schließt sie aus. „Das Miteinander in der Schule bleibt ein wichtiger Bestandteil im Leben der Schüler, da bin ich mir sicher.“

In naher Zukunft allerdings steht eine größere Veränderung bevor: Guntram Haag zieht in das Schulleiterbüro der Schule und besetzt die lange Zeit unbesetzte Stelle.

Die Schulglocke klingelt. Birgit Anschütz schließt das Fotoalbum mit einem letzten Blick auf die alte Villa. „Ja, das war eine andere Zeit.“

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