Stuttgart von oben: Ostendplatz Als es im Arbeiterviertel noch viel Arbeit gab

Von Amelie Englert 

Auf dem Depot-Areal mitten im Stuttgarter Osten ist der Wandel am deutlichsten sichtbar.

Zwischen Ostendstraße (links) und Landhausstraße: das Depot-Areal  im Jahr 1955. Foto: Stadtmessungsamt 11 Bilder
Zwischen Ostendstraße (links) und Landhausstraße: das Depot-Areal im Jahr 1955. Foto: Stadtmessungsamt

S-Ost - Ostendplatz, Freitagnachmittag. Die Sonne kommt immer öfter zwischen den Wolken durch, 25 Grad im Schatten machen es leicht, draußen zu sein. Zwischen Rewe und BW-Bank am Anfang der Jakob-Holzinger-Gasse herrscht unter den großen Bäumen dort leicht südländisches Flair, verstärkt durch das vielfältige Sprachengewirr. Hier, mitten im Einkaufszentrum des Stuttgarter Ostens, war und ist nicht immer alles Idylle, aber das Zusammenleben funktioniert.

Ostend 1955: Von Einkaufszentrum kann keine Rede sein, der Name Ostendplatz wird erst zwei Jahre später offiziell. Auch die Geräuschkulisse wird beherrscht von etwas anderem: „Aus dem Straßenbahndepot am Ostendplatz scheppern die Linien 4 und 8“, hat Manfred Esser in seinem Ende der 1970er Jahre erschienenen „Ostend Roman“ die Szenerie beschrieben. „Die Gleise kreischen.“ Dazu die Textilfabrik Kübler, Chocolat Tobler und das qualmende Gaswerk in Sichtweite – der Arbeiterstadtbezirk Ost machte seinem Namen alle Ehre.

Die Bahnen ratterten über die Scheibe

Die Luftbilder von 1955 und heute zeigen die Entwicklung auf dem Depot-Areal deutlich. Das Straßenbahndepot rechts der Ost­end- und unterhalb der Landhausstraße dominiert das Bild aus dem Jahr 1955. In den großen Hallen wurden die Waggons der Stuttgarter Straßenbahnen noch bis 1977 untergestellt. Auch die SSB-Hauptwerk­statt und der Straßenbahnbetriebshof hatten dort ihren Platz. Über den Ostendplatz, die „Scheibe“, ratterten damals die Straßenbahnen.

Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen: Der Ostendplatz ist Kreisverkehr, der „Scheibenwirt“ erinnert noch an alte Zeiten, nur ein kleiner Teil des einstigen SSB-Depots steht noch, und das vermutlich auch nicht mehr lange. Der Rest ist längst abgerissen, die Werkstatt in einen Neubau nach Stuttgart-Möhringen gezogen. 1981 wurde auf dem ehemaligen Depotgelände das Ostend-Zentrum mit der Ostendpassage errichtet.

Im Überbleibsel vom alten SSB-Depot tobt noch regelmäßig das Leben: Das Kinder- und Jugendhaus Ostend ist hier provisorisch eingezogen – vor mittlerweile 35 Jahren. Die alte Werkstatthalle ist zwar super zum Klettern, Toben und Proben von Zirkus-Kunststücken, allerdings passen sich die Temperaturen in der Halle auch der jeweiligen Jahreszeit und Witterung draußen an. Soll heißen: im Winter ist es eiskalt, im Sommer drückend schwül und unfassbar heiß. Jetzt haben endlich die Renovierungsarbeiten am benachbarten, wie auf den Bildern zu erkennen ist etwas „jüngeren“ ehemaligen Depot-Gebäude begonnen, in welches das Jugendhaus schon seit Jahren umziehen möchte. Dann wird auch die alte Halle verschwinden.

Das „junge“ Depot-Gebäude dagegen wird ab 2019 zu einem neuen Treffpunkt im Bezirk: Die Fahrbücherei, die Kulissenmalerwerkstatt und die Schreinerei des Alten Schauspielhauses sind schon lange hier und im Erdgeschoss nutzen zahlreiche Vereine die dortigen Räume. Nach der Renovierung sollen aber zusätzlich eben das Kinder- und Jugendhaus, eine Außenstelle der Musikschule und eine Kita als neue Mieter hinzukommen.

Das „Leo“ wurde 1962 wieder eröffnet

Auch um das Depot herum hat sich das Quartier verändert. Rechts davon steht noch heute das Leo-Vetter-Bad. Das Hallenbad wurde zwar schon 1910 auf dem von Geheimrat Leo Vetter erworbenen Gelände erbaut, allerdings nach seiner massiven Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erst 1962 wiedereröffnet. 1955, also im Jahr unseres Luftbildes, beschloss man, aus dem „Ostheimer Schwimmbad“ das „Leo-Vetter-Bad“ zu machen. Ein Hallenbad mit Außenbereich, das noch heute – und nach seiner umfangreichen Sanierung vor acht Jahren – sehr beliebt ist.

Erhalten geblieben – oder nach dem Krieg wieder aufgebaut – wurden die den Osten prägenden Arbeitersiedlungen, wie die Siedlung Ostenau nördlich des gezeigten Bereiches. Auch die Häuserreihe entlang der Landhausstraße ist fast unverändert, mit einem Unterschied: Badezimmer gibt es inzwischen in jeder Wohnung.

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