Sara ist 18. Sie geht gerne aus. „Aber es ist anders geworden in den zurückliegenden Jahren“, sagt die Schülerin aus Möhringen. Sie sieht zu, dass sie in einer Gruppe unterwegs ist – und möglichst nicht nur mit anderen jungen Frauen, sondern auch Jungs. Ihr sei zwar nie was passiert. Und das Gerede, man könne in Stuttgart „ja gar nirgends mehr hin“, das Schwarzmaler in Wahlkampfzeiten verbreiten, hält sie für falsch. Aber sie hat beobachtet, dass in der Stadt relativ häufig die Fäuste fliegen, unter jungen Männern. „Im Club muss man dann auch als Frau aufpassen, dass man nicht dazwischen gerät“, sagt sie – auch wenn man nicht das Ziel der Attacke sei.
Auch in den Clubs drinnen bleibt es nicht immer friedlich
Sara argumentiert anders als die meisten, die über nächtliche Gefahren in der Innenstadt sprechen. Die meisten reden vom öffentlichen Raum, sie mehr vom Aufeinandertreffen aggressiver Grüppchen in den Clubs. Aber auch im öffentlichen Raum haben viele Angst, auch wenn Stuttgart eine der sichersten Großstädte ist.
„Abends gehe ich nicht mehr in die Innenstadt.“ Ein Satz, den Renate Krausnick-Horst, die Vorsitzende des Stadtseniorenrats, oft hört. „Auf der Königstraße und in angrenzenden Gassen fühlt man sich nicht mehr sicher“, sagt die 93-Jährige. Sie wünscht sich dort mehr Polizeipräsenz. Aus den Wohngebieten gebe es solche Beschwerden nicht. Unter anderem würden die Polizeimeldungen über Taschenräuber, Diebe, die auf Rolltreppen zuschlagen, und Messerstechereien ältere Menschen verunsichern.
Eine 74-jährige Stuttgarterin kann die Einschätzung der Vorsitzenden des Stadtseniorenrats bestätigen. „Ich fühle mich unwohler als früher, was aber auch mit dem Alter zu tun haben könnte.“ Sie wird sich den Opernbesuch aber nicht nehmen lassen. „Direkt nach Vorstellungen ist es kein Problem, da sind massenhaft Leute im Park unterwegs.“ Unangenehm sei es meist an Haltestellen, etwa dem Charlottenplatz. In Stadtbahnen würde sie sich immer einen Sitzplatz in der Nähe des Fahrers suchen. Sie selbst sei noch nie Opfer eines Verbrechens gewesen. „Die ganzen Gewalttaten lassen einen dennoch nicht kalt.“
Die Polizei unterscheidet in der Betrachtung der Lage zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit. Objektiv haben sich die Zahlen etwas verschlechtert. In der Landeshauptstadt ist die Gewaltkriminalität 2023 im Vergleich zu 2022 um acht Prozent auf 1518 Straftaten angestiegen. Gut zwei Drittel davon sind als gefährliche und schwere Körperverletzung registriert, knapp ein Drittel sind Raubdelikte. Der Stadtbezirk Stuttgart-Mitte stellt laut Innenministerium mit einem Anteil von 44,5 Prozent der insgesamt 1518 Fälle von Gewaltkriminalität einen Kriminalitätsschwerpunkt dar. Eine Erklärung ist, dass hier besonders viele Menschen unterwegs sind. Im City-Ring liegen viele Gaststätten und Clubs, aber auch Freiflächen und Parks, wo man sich trifft. Wo viele Menschen sind, gibt es für Tatpersonen mehr Möglichkeiten, zuzuschlagen. Subjektiv haben die Menschen mehr Angst, als sie haben müssten. Die Gewalttaten spielen sich häufig innerhalb gewisser Milieus ab. Die Raubdelikte geschehen überwiegend spät in der Nacht an dunklen Ecken – kaum um 17 Uhr mitten auf dem Schlossplatz.
Doch wer einmal so eine Tat erlebt hat, ist für Jahre davon beeinträchtigt – unabhängig vom Alter. Das zeigt das Beispiel eines 28-Jährigen. Er ist im Jahr 2019 in den frühen Morgenstunden auf dem Heimweg nach Stuttgart-Ost im Schlossgarten angegriffen und ausgeraubt worden. „Mir wurde im Bereich der Stuttgart-21-Baustelle ein Zahn rausgehauen, ein weiterer ist mittlerweile abgestorben.“ Neben seiner Uhr, dem Smartphone und dem Geldbeutel wurde ihm auch seine Unbekümmertheit genommen. „Seit damals fahre ich eigentlich nur noch mit dem Taxi heim, wenn ich abends unterwegs bin.“ Die Angst vorm Heimweg alleine, das hört man sonst oft von jungen Frauen. Eine 17-Jährige aus Zuffenhausen teilt dann ihren Whatsapp-Standort, damit man weiß, wo sie ist. Sie würde sich die Einführung der „Safe Now“-App wünschen.
Zum subjektiven Empfinden trägt auch bei, wie sauber und ordentlich es in der Stadt ist. Auch darüber wird viel geklagt. Und es gibt viel Müll, wie eine Sprecherin der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) bestätigt: Im Herzen der Stadt, entlang der Königstraße, sind 176 Papierkörbe und 80 Unterflurbehälter – Mülleimer mit unterirdischem Auffangbehälter – angebracht. Die Papierkörbe würden sechs mal am Tag geleert, die Unterflurbehälter einmal. Rund 2,5 Tonnen Müll kämen dabei zusammen. Probleme gebe es jedoch aufgrund der vielen Fastfoodverpackungen, die wild herumfliegen.
Mithilfe eines Fragebogens die Stimmung in der Stadt dokumentiert
Simon Fregin von der gemeinsamen Mobilen Jugendarbeit der Evangelischen Gesellschaft (Eva) und der Caritas versucht es mit einer Synthese der Sichtweisen. Weder die nackten Zahlen der Polizei, noch das ungute Gefühl mancher Nachtschwärmer, noch die Beobachtungen seines Teams seien – einzeln für sich genommen – ein vollständiges Bild. Sein Team hat voriges Jahr an 180 Tagen anhand eines Fragebogens die Stimmung in der Stadt dokumentiert. „An 130 Tagen kam heraus, dass die Stimmung ‚ohne jegliche Aggression’ gewesen ist“, sagt der Sozialarbeiter. An acht Tagen sei die Stimmung aufgeheizt gewesen, an fünf kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen bei aggressiver Stimmung. „Das nehmen sicher nicht alle gleich wahr. Wenn 100 junge Leute auf dem Schlossplatz tanzen, dann sehen da die einen ein friedliches Treiben, andere eine schreiende Menge“, sagt er.
Einen Wunsch hat er auch: „Ich wünsche mir, dass man auch über die positiven Seiten der Stadt spricht“, sagt Fregin. Diese würden klar überwiegen. Man könne flanieren und Kultur erleben – und je mehr Durchmischung stattfinde, desto besser fürs Klima.