Stuttgart-Wangen Hausmeister im Bezirksrathaus statt arbeitslos
Seit eineinhalb Jahren ist Kemal Bayhan der Hausmeister im Bezirksrathaus Wangen. Der 57-Jährige hat sich schnell unverzichtbar gemacht.
Seit eineinhalb Jahren ist Kemal Bayhan der Hausmeister im Bezirksrathaus Wangen. Der 57-Jährige hat sich schnell unverzichtbar gemacht.
Wangen - Mit seinen schwarzen Locken, grauem Haaransatz und Schnauzbart ist er eine markante Erscheinung. Inzwischen kennen ihn die Menschen im Ortskern von Wangen. Seit eineinhalb Jahren ist Kemal Bayhan der Hausmeister des Bezirksrathauses. „Er ist unsere Perle“, sagt Wangens Bezirksvorsteherin Beate Dietrich. Schnell hat sich der 57-Jährige eingelebt und unverzichtbar gemacht. Nach langer Arbeitslosigkeit hat er seine Traumstelle gefunden. Ein Gewinn für beide Seiten.
Dabei hat es das Leben mit Bayhan nicht immer gut gemeint. 1967 in der Nähe von Izmir geboren, holten ihn seine Eltern nach zwei Jahren als Gastarbeiter 1969 nach Deutschland nach – gemeinsam mit den beiden Schwestern, eine weitere Schwester kam hinzu. Nach dem Abschluss der Hauptschule arbeitete er als Aushilfe bei Daimler, später brach er eine Lehre bei der Bundesbahn ab. „Ein Fehler“, wie der 57-Jährige weiß. Bayhan war in verschiedenen Firmen tätig, verdiente sich seinen Lebensunterhalt. Der Bruch kam 2006 mit der Scheidung von seiner Frau, mit der er vier Kinder hat. „Da bin ich in ein Loch gefallen, habe meinen Job verloren“, erklärt Bayhan. Es fehlte der Halt.
Die Wende kam erst im September 2020. Über das bundesweite Projekt zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen fand er über die Bundesagentur für Arbeit die Stelle als Hausmeister in Wangen. Das sogenannte „Teilhabechancengesetz“ nach Paragraf 16i SGB II sieht eine Förderung zu 100 Prozent durch den Staat in den ersten beiden Jahren vor. In den weiteren drei des auf fünf Jahre angelegten Programms werden zehn Prozent pro Jahr abgezogen. Diese muss dann der eigentliche Arbeitgeber übernehmen. Die Befürchtung, dass er seinen Job nach Ende der Frist wieder verlieren könnte, muss Bayhan indes nicht haben. „Ich habe längst einen Antrag gestellt, dass die Stelle unbefristet bei der Stadt eingerichtet wird“, betont Bezirksvorsteherin Dietrich.
Denn ihre Einschätzung, dass ein Hausmeister dringend vonnöten ist, hat sich mehr als bewahrheitet. Deshalb hatte sie sich auch gleich für das Programm beworben, als der Stuttgarter Gemeinderat entschied, am bundesweiten Förderprogramm teilzunehmen. „Und auch die Bundesagentur sieht das inzwischen genauso“, freut sich die Bezirksvorsteherin.
Die Aufgaben für Bayhan sind vielfältig. In und rund um das Bezirksrathaus sorgt der 57-Jährige für Sauberkeit. „Früher sah es hier nicht so schön aus, jetzt ist alles in Ordnung“, hat er von vielen Passanten gehört. Vor allem den Bereich hinter dem historischen Gebäude hat er total umgekrempelt. Der zum Rathaus gehörende Garten im Anschluss an die Parkplätze war völlig verwildert, „eine dunkle Ecke“. Inzwischen erstrahlt dieser in neuem Glanz, nutzen viele Wangener den Bereich auch als Abkürzung.
Ebenso kümmert sich Bayhan um weitere städtische Einrichtungen im Stadtbezirk. Dazu zählt das Jugendamt im ehemaligen „Gasthaus Lamm“ ebenso wie die Kelter, in der er die Sitzungen des Bezirksbeirats vorbereitet. „Die bis zu 30 Kilogramm schweren Tische wären für die Mitarbeiterinnen viel zu schwer“, sagt Bayhan. Ebenso hat er den Stadtbezirksgarten am Wangener Berg auf Vordermann gebracht, der von Kindern und Senioren genutzt wird. „Es macht mir großen Spaß. Ich arbeite gerne mit den Händen“, sagt der 57-Jährige.
Die Aufgaben sind so vielfältig, dass er inzwischen nicht mehr wie noch zu Beginn im Bezirksamt Hedelfingen aushelfen kann. „Dafür reicht die Zeit nicht mehr.“ Täglich von 6 bis 15 Uhr ist er im Einsatz, kommt von seinem Wohnort in Bad Cannstatt angefahren. Dennoch nimmt er sich darüber hinaus gerne die Zeit für die Hilfe bei Wahlen oder unterstützt die Aufgaben für den Taubenschlag im Dachgeschoss des Gebäudes.
Längst hat er sich eingelebt und fühlt sich im Bezirksrathaus sehr gut aufgenommen. „Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen.“ Die Wertschätzung beruht dabei auf Gegenseitigkeit. „Er ist unfassbar pflichtbewusst und hilfsbereit“, sieht sich Dietrich bestätigt. Man dürfe die Menschen nicht nur nach der Vergangenheit bewerten. Vielmehr sei das Programm für Langzeitarbeitslose oft mehr als ein reiner Job, „sondern gibt ein Stück Selbstbewusstsein, wieder gebraucht zu werden“. Und das ist bei Kemal Bayhan im Bezirksrathaus Wangen der Fall. „Wir könnten die Aufgaben nicht mehr alleine stemmen“, sagt Dietrich. „Es ist eine tolle Erfolgsgeschichte“ – für beide Seiten.