Stuttgart-Weilimdorf Die Fluglotsen vom Grünen Heiner

Von Heidi Knobloch 

Seit April gibt es einen Verein, der Modellsegelflieger am Windrad startet.

Martin Röttgen (vorne rechts) und andere Modellsegelflieger-Freunde der Interessengemeinschaft Grüner Heiner Foto: factum/Andreas Weise
Martin Röttgen (vorne rechts) und andere Modellsegelflieger-Freunde der Interessengemeinschaft Grüner Heiner Foto: factum/Andreas Weise

Stuttgart-Weilimdorf - Dass er einmal Mitglied in einem Verein wird, hätte sich Hans Hussak nicht träumen lassen: „Das wollte ich eigentlich nie. Aber fürs Fliegen geht das schon in Ordnung“, sagt der 71-Jährige. Seit April dieses Jahres gehört Hussak mit inzwischen knapp 30 anderen zum Modellsegelflugverein IG Grüner Heiner. Eine kleine Gruppe von Fliegern hat ihn im April nach mehrmonatigen Planungen gegründet. Vorrangiges Ziel: die Sicherheitsanforderungen von Landeshauptstadt und anliegenden Gemeinden zu erfüllen und den Flugbetrieb angemessen zu regeln. Drei Jahre lang war das Fliegen auf dem Grünen Heiner untersagt gewesen, nachdem 2016 ein Modellflugzeug nahe einer Schulklasse abgestürzt war. Ein sieben Jahre zurückliegender Unfall hatte tödlich geendet.

„Wir sind gut aufgestellt und haben klare Regeln und Vorschriften erarbeitet“, sagt Martin Röttgen, der erste Vorsitzende. Der Modellsegelflugverein IG Grüner Heiner ist nun Betreiber von zwei Startstellen auf der Kuppe der Erhebung. Wie Fluglotsen sorgen vor Ort ein Flugleiter und sein Stellvertreter dafür, dass der Betrieb ordnungsgemäß vonstatten geht: In einem Flugbuch dokumentieren sie Kommen und Gehen der Piloten. Auch Gastflieger müssen sich anmelden, für einen Tag eine Genehmigung beantragen und zuvor ihre Befähigung nachweisen. Aufgabe des Flugleiters ist es außerdem, Schilder zu stecken: „Achtung Modellsegelflugbetrieb“ heißt es darauf. So sind Spaziergänger und Freizeitsportler vorgewarnt. Sie nutzen das Naherholungsgebiet Grüner Heiner genauso gerne wie die Piloten.

Für diese ist das Tolle an der 395 Meter hohen Erhebung, dass das Fliegen auf mehreren Seiten möglich ist. So können sie rasch den Platz wechseln, wenn sich die Bedingungen ändern. Als sich nach einer längeren Flaute das Windrad auf der Spitze des Grünen Heiners langsam zu drehen beginnt, ruft einer aus der Gruppe: „Kommt, wir gehen auf die Ostseite.“ Rasch nehmen alle Flugzeuge und Fernbedienungen und wandern hinauf – Schild inklusive. An einer markierten Stelle wird es in den Boden gesteckt.

Um den Landeplatz ganz oben, unmittelbar neben der Aussichtsplattform, nutzen zu können, haben die Vereinsmitglieder kräftig angepackt. „Wir haben zu zehnt einen ganzen Tag lang Brombeergestrüpp gerodet“, berichtet Heiko Rapp-Wurm. Der 79-Jährige gehört zu den Senioren auf dem Grünen Heiner. Schon in den Siebzigerjahren, als noch die Lastwagen Schutt heranfuhren, hat Rapp-Wurm seinen Beruf zum Hobby gemacht: Er war als Werkstattleiter im Jugendhaus Heslach tätig. Dort hat er mit jungen Leuten Modelle gebaut: „Man lernt vieles, vor allem aber Ausdauer und Geschicklichkeit.“

Vögel zeigen die beste Thermik

Martin Röttgen hat seine Flugzeuge mit dem Fahrrad auf den Grünen Heiner gebracht. Sie stecken in einem eigens konstruierten Metallgestell, am Gepäckträger angebracht. Wie bei vielen anderen Vereinsmitgliedern fasziniert ihn der Modellsegelflug seit seiner Kindheit. Ein Bausatz stand am Anfang. „Das Basteln macht Spaß“, sagt der 42-jährige Chemiker. Das Fliegen habe aber auch andere Aspekte: „Wir sind an der frischen Luft und können uns austauschen. Außerdem ist es sehr ästhetisch, wenn das Flugzeug am Himmel seine Kreise zieht“, findet er.

Gerne halten die Piloten am Grünen Heiner Ausschau nach Greifvögeln, Raben oder Schwalben: Die Tiere zeigen ihnen, wo es die beste Thermik gibt. Die Flieger werfen die Flugzeuge hangabwärts, um den Aufwind dort zu nutzen. Ist das Modell erst einmal in der Luft, kann der Pilot es mithilfe von Höhen-, Seiten- und Querruder steuern, in der Luft halten und nach oben schrauben. Viele Modelle haben auch einen leichten Motor: Falls plötzlich Abwind aufkommt, kann der Pilot das Flugzeug am Berg halten und auf den dafür vorgesehenen Wiesenflächen landen. „Das will keiner, dass das Flugzeug auf die Felder oder in die Bäume segelt“, sagt Hans Hussak.

Er ist auf jeden Fall froh, dass er wieder an seinem Lieblingsberg fliegen kann. „Immer nach Kirchheim fahren, das ist doch nichts“, sagt er. Die meisten Männer auf dem Grünen Heiner kennen sich seit Jahren, manche schon seit Jahrzehnten. Seit Hussak Vereinsmitglied ist, hat sich vor allem eines geändert: Die Piloten verabreden sich per Messengerdienst – damit immer mindestens zwei auf dem Berg sind und dafür sorgen, dass die Vorschriften eingehalten werden. Kein Problem, findet Hussak, der eigentlich nie in einem Verein wollte: „Das Fliegen eint uns.“

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