Stuttgart - Die Mehrheit der Deutschen, das zeigen Umfragen, trägt eindeutig die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung mit. Dazu gehört auch Steffi Schwarz vom Weingut Schwarz in Untertürkheim. Ihr geht es nur wie vielen Mitbürgern: Ungerechtigkeit ist ihr ein Graus. Und genau diese spielt sich gerade bei ihr selbst ab. Der Bund hat die Novemberhilfen unter anderem für Gastronomen versprochen, als Betreiber einer Besenwirtschaft fühlte sich die junge Frau mit ihrer Familie natürlich angesprochen. Ihr Steuerberater allerdings belehrte sie eines Besseren: Die Hilfe erhält nämlich nur, wer mit seiner Wirtschaft 80 Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Beim Weingut Schwarz, das nach dem Einstieg der jungen Garde im Betrieb preisgekrönt ist und folglich viel Umsatz mit dem Flaschenverkauf erzielt, ist dies nicht der Fall. Das heißt: Der Besen ist zu, Entschädigung gleich null.
„Viele sind viel schlechter dran als wir“
Angesichts solcher Ungerechtigkeiten mag Stefanie Schwarz nicht schweigen. „Ich will wirklich nicht rumjammern, es gibt viele, die sind viel schlechter dran als wir“, sagt die einstige Weinkönigin. Aber ein Skandal bleibe diese Entscheidung dennoch. Bei einem sogenannten Mischbetrieb, bei dem das Verhältnis mehr in Richtung Besenwirtschaft geht, schlägt eine solche Entscheidung nämlich gewaltig ins Kontor.
Das findet auch Fabian Rajtschan aus Feuerbach, bei dem die Situation nahezu vergleichbar ist. Der Jungwinzer bringt längst sehr gute Qualitäten auf die Flasche und macht aus diesem Grund auch den größeren Umsatz damit. Aber vor zehn Jahren sei dies noch anders gewesen, und er kann sich gut in die Situation derer reinversetzen. Diese Entscheidung sei einfach nicht fair, „das ist das Skandalöse daran“. Was ihn besonders stört: „Die Hilfen kommen wieder nicht bei allen an.“
Stefanie Schwarz hat deshalb auch einen Brandbrief einer Brauerei aus Tettnang veröffentlich, der das Dilemma verdeutlicht. Die kleine Brauerei lebt in erster Linie von ihrer Gaststätte, erzielt aber über den Flaschenverkauf mehr als 20 Prozent ihres Umsatzes und fällt somit bei den Novemberhilfen durch den Rost, obwohl dem Betrieb 50 Prozent der Einnahmen durch eine Zwangsschließung wegfallen. Wie auch bei den Besenwirtschaften in Stuttgart, wenngleich dort die Situation entspannter ist.
Mit den Veranstaltungen fehlt auch die Werbung
Härter treffen würde es andere Besenwirtschaften in der Stadt, die wohl aber aus dem Schneider sind. Zum Beispiel der Sonnen-Besen von der Familie Zaiß in Obertürkheim, der wiederum ein eigener Betrieb ist und nicht mit dem Weingut zusammenhängt. Oder das Drei-Mädel-Haus in Uhlbach, das von der Schwester von Weingutsleiterin Christel Currle betrieben wird. Und ein Besen wie der von Tilmann Ruoff steht exemplarisch für solche Betriebe, die mehr als 80 Prozent aus dem Geschäft im Besen und auf dem Weindorf erwirtschaften.
Problematisch ist im Übrigen noch ein ganz anderer Punkt: Denn die meisten Weingüter verzeichnen durch Corona allein deshalb Verluste, da die Gastronomie geschlossen ist und dieser Vertriebsweg wegfällt. „Beim ersten Lockdown war die Bestellfreudigkeit noch größer“, sagt Fabian Rajtschan. Inzwischen würden die Menschen vermutlich öfter mal im Supermarkt eine Flasche Wein einpacken, als sie beim regionalen Weingut einzukaufen. Was logisch sei, denn übers ganze Jahr sei durch den Wegfall der Feste ja auch die Werbung für das Weingut weggefallen. Wer in geselliger Runde am Lemberg unterwegs ist oder bei Weinwanderungen am Rotenberg, der lerne die Qualität der einheimischen Tropfen auch besser kennen und kaufe. Schon deshalb, sagt Fabian Rajtschan, „wäre eine kleine Spritze schon gut gewesen“.