Stuttgart-West Das Waldhaus hat einen neuen Besitzer

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Für gut 850.0000 Euro hat eine Bruchbude den Besitzer gewechselt: Jüngst wurde am Amtsgericht das Waldhaus an der Hasenbergsteige zwangsversteigert. Einst war es eines der beliebtesten Ausflugslokale der Stadt gewesen.

Der leer stehende Gasthof an der Hasenbergsteige ist marode, gleichwohl aber zu einem Betrag weit über dem geschätzten Verkehrswert versteigert worden. Foto: Peter Petsch
Der leer stehende Gasthof an der Hasenbergsteige ist marode, gleichwohl aber zu einem Betrag weit über dem geschätzten Verkehrswert versteigert worden. Foto: Peter Petsch

S-West - Um die 60 Leute zwängen sich am Freitagvormittag in den Saal des Amtsgerichtes – darunter Anwohner der Hasenbergsteige, ehemalige Waldhaus-Stammgäste, Architekten, Immobilienhändler, Schaulustige und natürlich Kaufinteressenten. Unter den Hammer kommt das Waldhaus an der Hasenbergsteige. Den Verkehrswert der Immobilie samt zweier Grundstücke hatte ein Gutachter auf 558 000 Euro beziffert – wobei das kleinere der Grundstücke „Eidechsenland“ sei, wie einer der Erben einräumt: „Das ist so steil, gar nicht nutzbar, ein Biotop für Eidechsen seit 50 Jahren.“

Nach 30 Minuten noch immer kein Gebot

Als die Rechtspflegerin endlich die Versteigerung mit einem Mindestgebot von 29 059 Euro eröffnet, könnte man in dem vollgestopften Saal eine Stecknadel fallen hören – und zwar zehn Minuten lang. Allmählich regt sich Gemurmel in den Reihen. „Klo und Küche waren eine Katastrophe, aber die Oma hat immer einen Superkuchen gebacken“, erzählt ein ehemaliger Waldhaus-Gast seinem Nebensitzer – immer noch kein Gebot. Dann kommen ein paar Nachfragen von Interessenten, die offenbaren, dass sie keinen Schimmer von dem Objekt haben, für das sie sich herbemüht haben. Jetzt wird geklärt, dass es baurechtlich nicht möglich ist, es abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Es gibt Bestandschutz, aber kein neues Baurecht. Der Besitzer darf im alten Gebäude bloß ein Lokal einrichten und darüber einen Wohnbereich. Und nein, so die Rechtspflegerin, es gebe keine Gewährleistungsansprüche bei Mängeln am Objekt. Der Bietfreudigkeit des Publikums sind diese Informationen eher abträglich. Keiner will eine teure Katze im Sack, und so hat nach 30 Minuten immer noch keiner ein Gebot abgegeben.

Endlich bricht eine Dame das Eis: 234 000 Euro lautet ihr Gebot. Jetzt kommt Dynamik in die Sache. Rasch sind drei weitere Bieter im Spiel, der Preis wird in 5000er-Schritten zügig auf eine halbe Million Euro getrieben. Die Dame steigt aus, drei Männer bieten weiter. Ab 700 000 Euro geht fast bloß noch in Eintausender-Schritten weiter. Die Rechtspflegerin, die die Zahlenkolonnen zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten wiederholen muss, bis das nächste Gebot folgt, freut sich über jeden, der mal ein paar Tausender überspringt. Zum Schluss liefern sich zwei Herren ein zähes Duell, das nach knapp zwei Stunden bei 806 000 Euro endet. Der Saal applaudiert dem stolzen Besitzer der wohl legendärsten Bruchbude der Stadt, die mit zusätzlichen 47 000 Euro belastet ist. Die kommen noch oben drauf.

850 000 Euro für eine Bruchbude

Für gut 850 000 Euro also hat eine Bruchbude den Besitzer gewechselt. Anders lässt sich die Immobilie kaum bezeichnen. Interessant an diesem Haus ist allerdings seine Lage weit oben an der Hasenbergsteige mit Panoramablick. Die herrliche Aussicht dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb der Apotheker Robert Xander hier im Jahr 1900 eine Gaststätte eröffnete. Über etliche Jahrzehnte erfreute sich das Waldhaus mit seiner Terrasse ungebrochener Beliebtheit. 2008 lief der Vertrag mit dem letzten Pächter der Gaststätte aus. Die Erbengemeinschaft, der sie gehörte, mochte den Vertrag nicht verlängern. Dem Vernehmen nach hegte sie Pläne mit der Immobilie, die aber am Baurecht abprallten. Hinzu kamen Unstimmigkeiten unter den Erben, und so stand das Lokal seit 2008 leer, obwohl es an Interessenten, die das Waldhaus gerne weitergeführt hätten, nicht mangelte. Die Erbengemeinschaft war derart zerstritten, dass nur ein Hieb den Gordischen Knoten zu lösen vermochte: die Teilungsversteigerung – eine Form der Zwangsversteigerung, bei der es nicht darum geht, Gläubiger zu befriedigen, sondern eine unteilbare Sache wie ein Haus gewissermaßen zu Geld zu verflüssigen. Das ist mit dem erfolgreichen Ende Auktion nun geschehen.

Dem Vernehmen nach ist der siegreiche Bieter der Anwalt eines höchst erfolgreichen Stuttgarter Unternehmers aus der Unterhaltungsbranche. Im weitesten Sinne ist er als neuer Betreiber des Waldhaus-Lokals also vom Fach. Bleibt zu hoffen, dass er den durstigen Ausflüglern, Spaziergängen und Sommerfrischlern auf dem Hasenberg im nächsten Jahr kühl einschenkt.




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