Stuttgart West Ein Wirbelsturm der Fantasie

Von Christoph Kutzer 

Wer „Den wundervollen Zauberer von Oz“ kennen lernen will, sollte die Blumeninsel besuchen und die Magie von Angelika Gök kennenlernen.

Die diplomierte Figurenspielerin Angelika Gök setzt auf die Interaktion zwischen dem Spiel und den Zuschauern. Foto: Christoph Kutzer
Die diplomierte Figurenspielerin Angelika Gök setzt auf die Interaktion zwischen dem Spiel und den Zuschauern. Foto: Christoph Kutzer

S-West - Finstere Wälder, reißende Flüsse, ein Mohnfeld und eine Smaragdstadt: Das Land Oz, das der amerikanische Schriftsteller Lyman Frank Baum seinen Lesern im Jahre 1900 erstmals präsentierte, zeichnet sich durch atemberaubende Kulissen aus. Wer den Spielraum der Blumeninsel im Stuttgarter Westen betritt, wo Angelika Gök diese Welt in „Der wundervolle Zauberer von Oz“ zum Leben erweckt, wird erstaunt feststellen, dass es keine Kulissen gibt. Noch größer ist die Verblüffung hinterher: Es war alles da. Auch das vom Wirbelsturm davon getragene Haus und die fliegenden Affen. Zu danken ist das der Magie, die entsteht, wenn jemand unsere Fantasie auf Touren bringt.

In der Interaktion zwischen Spiel und Zuschauer werden sie zu Helden in Lebensgröße

„Nicht nur Kinder, auch wir Erwachsenen lieben Skizzen, die wir vor unserem inneren Auge ausfüllen können“, sagt Gök. „Alle Menschen haben diese Fähigkeit. Nur ist heute vieles in einer Weise fertig, dass es nur noch konsumiert werden kann.“ Dabei genügt es, wenn Dorothee und ihre Freunde, die Vogelscheuche, der Blechmann und der Löwe als größere Däumlinge auftreten. In der Interaktion zwischen Spiel und Zuschauer werden sie zu Helden in Lebensgröße. „Der Sinn des Raumes in der Blumeninsel ist das gemeinschaftliche Erlebnis“, sagt die diplomierte Figurenspielerin. „Das Licht etwa ist so gestaltet, dass ich alle sehen kann und die Kinder sich untereinander auch. Sie sind nicht außen vor. Das Stück basiert auf der Idee von einem gemeinsamen Spiel.“ Nicht nur deshalb empfiehlt sich der Besuch auch für Schulklassen. Die Gelegenheit, zusammen eine böse Hexe in die Knie zu zwingen, bietet sich nicht alle Tage. Begleitendes Unterrichtsmaterial gibt es ebenfalls.

Das hat nichts mit vordergründiger Pädagogik zu tun. „Ich spiele das Stück auch deswegen so gerne, weil es ein großer Quatsch ist“, gesteht die Schöpferin. „Mein Regisseur hat in den Proben oft gesagt, es habe etwas Anarchisches. Ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Ich glaube, dass Kinder gerade dann, wenn man einfach Kunst macht, die der Fantasie entspringt, vieles fürs Leben lernen.“ „Der wundervolle Zauberer von Oz“ ist eine Reise ins Abenteuer. Er thematisiert auch die Begegnung mit dem Fremden. „Mir hat sofort gefallen, wie Dorothy damit umgeht“, sagt Angelika Gök. „Sie geht auf jeden zu und nimmt jeden an, wie er ist. Sie interessiert sich für all die komischen Wesen, die ihr begegnen und lädt sie ein. Sie teilt mit ihnen Hoffnung. Ich finde, das ist eine wichtige innere Haltung, gerade heute, wo einem überall Angst gemacht wird.“

Es kam schon vor, dass während einer Aufführung das Telefon im Blumenladen klingelte

Obwohl Gelegenheit besteht, selbst aktiv zu werden, sollte man die Inszenierung nicht mit Mitmachtheater verwechseln. „Es geht um Kommunikation“, betont Gök. „Meine Aufgabe besteht darin, die Ideen, Gefühle und Gedanken der Kinder aufzugreifen und gleichzeitig den roten Faden im Auge zu behalten. Wenn das Gerüst der Dramaturgie stimmt und die Figuren eine Eigenständigkeit in ihrem Wesen haben, bleibt viel Platz für Improvisation. Das belebt auch mich als Spielerin immer wieder neu. Es kam schon vor, dass während einer Aufführung das Telefon im Blumenladen klingelte. Da hat der Zauberer dann ganz cool reagiert und verkündet: ,Ich bin gerade in der Sprechstunde‘.“

Sonderthemen