Stuttgart Wie groß die Hochwassergefahr wirklich ist

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Das Wetter scheint immer verrückter zu werden. Auch auf der Filderebene hat es in den vergangenen Jahren immer wieder Meldungen von feuchten Kellern und überschwemmten Straßen gegeben. Reicht das Kanalnetz noch aus?

Im Sommer 2013 ist das Freibad Rosental nach einem Starkregen überschwemmt gewesen. Wetterereignisse und die damit verbundenen Probleme häufen sich. Foto: 7aktuell/Eyb
Im Sommer 2013 ist das Freibad Rosental nach einem Starkregen überschwemmt gewesen. Wetterereignisse und die damit verbundenen Probleme häufen sich. Foto: 7aktuell/Eyb

Vaihingen - Im Sommer 2013 gab es im Freibad im Rosental mehr Wasser, als dem besten Schwimmer lieb sein konnte. Damals war das gesamte Gelände ein großer See, die Feuerwehr war im Einsatz. Ursache war ein Jahrhundertregen, also ein Regen mit Wassermengen, wie es ihn statistisch nur alle 100 Jahre gibt. Die CDU im Vaihinger Bezirksbeirat hat in einem Antrag weitere Fälle gesammelt, welche die Zerstörungskraft der Wassermassen verdeutlichen. Ist Vaihingen ein Hochwasserrisikogebiet?

Wo im Stadtbezirk besteht Hochwassergefahr?

Das Geländemodell des Stadtmessungsamts weise für Vaihingen drei kritische Geländesenken aus, erklärt Ekkehardt Schäfer von der Stadtentwässerung Stuttgart (SES). Dies seien das Gebiet rund um das Bezirksrathaus, die B 14 im Bereich des Johannesgrabentunnels und die Bahnunterführung an der Liebknechtstraße.

Die Ostumfahrung Vaihingen gehöre nicht dazu. Zwar stand der Hengstäckertunnel im vergangenen Jahr am 1. Juni unter Wasser, als ein Starkregen über der Filderebene niederging. Die Straße musste vorübergehend gesperrt werden. Die Überflutung sei aber nicht auf eine Überlastung des Kanalnetzes zurückzuführen gewesen, sondern auf einen verstopften Straßeneinlauf, erklärt der Eigenbetrieb Stadtentwässerung Stuttgart in einer schriftlichen Stellungnahme dem Bezirksbeirat. Nach der Reinigung des Straßeneinlaufs sei das Problem gelöst gewesen.

Ist der Stadtteil Dürrlewang ein Problemgebiet?

Im Stadtteil Dürrlewang beschweren sich immer wieder Mieter und Häuslebesitzer über feuchte Keller. Ursache dafür sei der hohe Grundwasserstand durch die Nähe zum Stein- und Schwarzbach, sagt Ekkehardt Schäfer. Nach länger anhaltenden Regenfällen steige dieser weiter an, dann drücke das Wasser durch die Wände. Feuchte beziehungseise nasse Keller könnten nur mit einer entsprechenden Abdichtung der Hauswände vermieden werden. „Eine Kanal- und Bachreinigungsaktion in kürzeren Intervallen würde keine Verbesserung erzielen“, schreibt die SES in der Stellungnahme an die Lokalpolitiker. Dort steht auch, dass die Menschen im Wohngebiet Honigwiesen und im Rosental ihre Gebäude gegen hoch anstehendes Grundwasser schützen sollten.

Was tut die SES, um ein Hochwasser zu vermeiden?

Grundsätzlich sei das Kanalnetz in Vaihingen ausreichend, versichert die SES. In jüngerer Vergangenheit hat der Eigenbetrieb Kanäle im Zuge der Stadtbahnverlängerung auf der Linie U 12 saniert und ertüchtigt, und zwar an der Straße Am Wallgraben. Darüber hinaus wurden Kanäle in der Zürnstraße und in der Liebknechtstraße saniert. Bis 2020/2021 sind weitere Kanalbaumaßnahmen geplant, sagt Schäfer. Gebaut werde in den Bereichen Am Wallgraben/Höhenrandstraße, im Döffinger Weg, in der Vollmoellerstraße und im Brenntenhau. Diese Mischwasserkanäle dienten auch zur Ableitung des Regenwassers.

Wie leistungsfähig muss ein städtisches Kanalnetz sein?

Die Leistungsfähigkeit eines öffentlichen Kanalnetzes wird durch Regelwerke und Normen vorgegeben. Dabei gibt es Unterschiede, je nach dem, wie ein Gebiet genutzt wird, ob es also zum Beispiel ein Wohngebiet oder ein Gewerbegebiet ist.

Grundsätzlich muss die Stadt nachweisen, dass das bestehende Netz für einen Regen ausreicht, wie er statistisch alle zwei bis fünf Jahre auftritt. Bei Kanalneubauten wird die Leistungsfähigkeit erhöht. Sie müssen in Wohngebieten so groß sein, dass sie auch Wassermassen wie sie im Durchschnitt alle drei Jahre vorkommen, verarbeiten können. Für Unterführungen gilt, dass sie einem Regen standhalten müssen, wie er alle zehn bis 50 Jahre auftritt.

„Ein uneingeschränkter Überflutungsschutz ist sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus technischen Gründen nicht möglich. Starkregenereignisse können überall auftreten. Auch neue Kanalnetze können bei Starkregenereignissen das Überflutungsrisiko nicht ausschließen“, betont Ekkehardt Schäfer.

Was ist mit der Körsch und warum gibt es einen Zweckverband?

Im Stadtbezirk fließen der Steinbach, der Hagelsbrunnenbach, der Schwarzbach und der Sindelbach. Derzeit sei auf Vaihinger Gemarkung für keines dieser Gewässer ein Ausbau oder eine Renaturierung vorgesehen, schreibt die Stadtentwässerung in ihrer Stellungnahme. Anders ist das bei der Körsch, die vorzugsweise auf Möhringer Gemarkung fließt. Um sie und ihre Zuflüsse zu zähmen, gibt es seit 2008 den Zweckverband Hochwasser Körsch. Mitglieder sind die Anliegerkommunen Stuttgart, Filderstadt, Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern und Denkendorf. Der Zweckverband koordiniert und priorisiert Schutzbauten.

Wo sind auf der Filderebene neue Schutzbauten geplant?

In Möhringen sind zwei Hochwasserrückhaltebecken geplant – zum einen am Sindelbach, dieses soll Ende 2019 oder Anfang 2020 realisiert werden. Ein weiteres Hochwasserrückhaltebecken ist beim Klärwerk Möhringen im Körschtal vorgesehen. Dort soll ein beeindruckendes Bauwerk entstehen. Geplant ist eine Staumauer mit einer Länge von 110 Metern und einer maximalen Höhe von 5,70 Meter. Im Norden endet die Mauer an dem Weg Körschwiesen, im Süden am Waldrand. Der Wald selbst bleibt unangetastet, der Erdwall wird begrünt. Das dahinter liegende Staubecken soll 672 000 Kubikmeter Wasser fassen. Das Klärwerk selbst wird von einer 1,10 hohen und 375 Meter langen Wand geschützt. Der planmäßige Baubeginn hat sich mittlerweile auf 2020 und damit deutlich nach hinten verschoben. Derzeit befinden sich beide Projekte noch in der Genehmigungsphase.

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