Städtisches Klinikum und Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart will Standort einer Universitätsmedizin werden

, aktualisiert am 21.02.2025 - 16:29 Uhr
Das Klinikum der Stadt (oben) und das Robert-Bosch-Krankenhaus wollen Teil eines Uniklinikums werden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig, Max Kovalenko

Der Mangel an Hausärzten belebt eine alte Forderung: Stuttgart brauche eine Universitätsmedizin. Den jüngsten Versuch unternimmt das Klinikum der Stadt gemeinsam mit Robert-Bosch-Krankenhaus und Ärztekammer.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Nicht nur auf dem Land, auch in Stuttgart und in der Region wächst der Mangel an Hausärzten. Das hat das Gesundheitsamt der Stadt einmal mehr dargelegt. Danach sind im sogenannten Mittelbereich Stuttgart, zu dem neben der Landeshauptstadt auch Ditzingen, Filderstadt, Gerlingen, Korntal-Münchingen und Leinfelden-Echterdingen zählen, derzeit 61 Hausarztsitze offen. In der Region mit den umliegenden Landkreisen seien sogar 284 Hausarztsitze nicht besetzt.

 

Und das Problem wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Von den rund 460 im Bereich Stuttgart derzeit tätigen Hausärztinnen und Hausärzte seien 40 Prozent schon 60 Jahre alt und älter, erklärt die städtische Gesundheitsplanerin Christina Cyppel. Mehr als 180 Mediziner werden deshalb „in den nächsten fünf bis zehn Jahren ihre Tätigkeit beenden“. Der Leiter des Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt, sieht deshalb „dringenden Handlungsbedarf“. Markus Klett, der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft, stellt fest: „Es ist schon eine Minute nach zwölf.“

Mehr niedergelassene Ärzte im Bereich von Unikliniken

Die Stadt will sich deshalb mit der Ärzteschaft und der Kassenärztlichen Vereinigung um bessere Bedingungen für die Niederlassung von Medizinern bemühen. Brisant ist vor allem ein Vorschlag zur Abhilfe gegen den Hausärztemangel: „Mehr Studienplätze sind nötig“, sagt Jan Steffen Jürgensen, der medizinische Vorstand des städtischen Klinikums. „Das ist der zentrale Hebel.“ Und vor allem: Ein Teil dieser zusätzlichen Studierenden sollten auch am Klinikum Stuttgart ausgebildet werden – an einer neu zu bildenden Universitätsmedizin.

Der einfache Grund: „Wo Uni-Standorte sind, da sind deutlich weniger Arztsitze frei“, hat Gesundheitsplanerin Christina Cyppel ermittelt. Während in der Region Stuttgart 284 Hausarztsitze unbesetzt sind, seien es in der Region Rhein-Neckar mit den Uniklinik-Standorten Heidelberg und Mannheim nur 45,5. Umgerechnet auf 100 000 Einwohner seien es in der Region Stuttgart 11,6 freie Sitze, in der Region Rhein-Neckar aber nur 4,5. Man spricht von einem „Klebeeffekt“, weil Ärzte gerne dort bleiben, wo sie auch studiert haben.

Es ist nicht der erste Versuch des städtischen Klinikums, den Titel eines Uniklinikums zu erlangen. Schon 2018, als das Land 150 zusätzliche Medizinstudienplätze in einem speziellen Landarztprogramm schuf, hatten die Stuttgarter ihren Hut in den Ring geworfen. Nach einer Anhörung entschied die Landesregierung jedoch, die zusätzlichen Plätze an den bestehenden Fakultäten in Freiburg, Ulm, Heidelberg, Mannheim und Tübingen zu schaffen.

Am Gefühl, mit dem eigenen Konzept nicht angemessen wahrgenommen worden zu sein, hat sich in Stuttgart seither nichts geändert. Dass das in Teilen schon neu erbaute und sehr leistungsfähige Großklinikum der Stadt als Maximalversorger alle Voraussetzungen hat, Uniklinikum zu werden, ist für Jan Steffen Jürgensen keine Frage. „Wir stehen bereit“, sagt der medizinische Vorstand und meint damit auch die rund 100 Professorinnen und Professoren unter den Klinikärzten.

Man habe überdies ein Konzept, das für das Land auch „finanziell sehr günstig“ wäre, sagt Jürgensen. Zumal die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung, die das Klinikum schon unterstützt, umfangreiche Finanzmittel bereitstellen würde. Vorstellbar sei auch, dass Stuttgart gar keine eigene medizinische Fakultät erhält, sondern über Kooperationsverträge etwa mit Tübingen Universitätsmedizin werden könnte.

Vor allem ist das städtische Klinikum mit dem Ansinnen dieses mal nicht alleine. Nicht nur die Ratsfraktionen unterstützen das Ziel. Die CDU fordert in einem Antrag OB Frank Nopper auf, sich auf Landesebene „für die dringliche Weiterentwicklung“ des städtischen Klinikums zu einem Universitätsklinikum einzusetzen. Und bereits im November hat die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg einstimmig „die Einrichtung einer Universitätsmedizin in der Metropolregion Stuttgart“ gefordert mit dem Ziel einer „Verbesserung der medizinischen Ausbildung und der Versorgungssituation“. Auch die Landesärztekammer hat sich mehrheitlich dafür ausgesprochen.

Das Thema habe in der Region heute „eine ganz andere Power“ als vor Jahren, sagt Jürgen de Laporte, Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg. Der Hausarzt aus Esslingen hält den Schritt hin zu einer Universitätsmedizin in der Region für unerlässlich, um hier künftig noch ausreichend viele Medizinabsolventen gewinnen zu können. Die Konkurrenz zwischen den Kliniken und von diesen mit den Praxen um Ärzte werde immer größer, vor allem letztere hätten das Nachsehen. „Die Arztzeit im ambulanten Bereich geht zurück“, sagt Jürgen de Laporte.

Neu ist auch, dass das Klinikum der Stadt den Weg zur Universitätsmedizin zusammen mit dem Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) anstrebt. „Wir brauchen eine bessere akademische Einbindung“, sagt auch Mark Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des zum Bosch Health Campus gehörenden RBK. Wie das städtische Klinikum ist auch das RBK zwar Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen. Diese sei in der Frage gegenüber den Stuttgarter Partnern aber „zu restriktiv“, so Alscher.

In das neue Konzept würde der Bosch Health Campus auch seinen Forschungsbereich einbringen, die Robert Bosch Gesellschaft für Medizinische Forschung (RBMF). Forschung wird auf dem Burgholzhof heute schon groß geschrieben in den Bereichen klinische Pharmakologie, Onkologie, Komplementärmedizin, Geschichte der Medizin und Digitale Medizin. „Mehr als 200 Mitarbeiter“ seien hier tätig, erklärt Alscher. Man bilde mit den Universitäten Tübingen und Ulm bereits „das zweite nationale Krebsforschungszentrum in Baden Württemberg“ neben Heidelberg. Alscher schwebt ein Modellstudiengang vor, „Medizin plus mit naturwissenschaftlichen Attributen und mit Unterstützung der bestehenden medizinischen Fakultäten“, betont der Mediziner.

Und Mark Dominik Alscher fände es sinnvoll, dass „Elemente dieser neuen, modernen Ärzteausbildung auch im Dialog mit der Universität Stuttgart entwickelt werden könnten“. Dieser Gedanke passt zur Vision, die der ehemalige Rektor der Universität Stuttgart, Wolfram Ressel, unlängst bei seinem Abschied skizziert hatte. Die Kombination von Medizin, Naturwissenschaft und Ingenieurwissenschaften würde ermöglichen, so Ressel, „in der diagnostischen Medizin völlig neue Wege zu gehen – ein Riesenforschungsfeld“.

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