Stuttgarter Ärzte haben Studie gestartet Wen trifft das Virus tödlich?

Der Stuttgarter Radiologe Götz Martin Richter versucht anhand von Röntgenbildern ein Muster hinter den seltsam schweren Verläufen bei Covid-19-Patienten zu erkennen. Foto: Klinikum Stuttgart

Patienten mit der Lungenkrankheit Covid-19 geben viele Rätsel auf. Zum Beispiel verschlechtert sich der Zustand bei einem Teil von ihnen ganz plötzlich – trotz Hilfe im Krankenhaus. Stuttgarter Ärzte wollen diesem Phänomen nun durch eine Studie auf die Spur kommen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Stuttgart - Wenn Götz Martin Richter erklären will, wie rätselhaft das Coronavirus ist, dann zeigt er Röntgenbilder der Lungen von Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Milchig-weiße Wolken breiten sich darauf im Dunkelgrau der mit Sauerstoff gefüllten Lunge aus. „So sieht es am Anfang aus“, erklärt der Ärztliche Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Klinikum Stuttgart die Bilder aus dem Computertomografen (CT). Das Virus ist vom Nasen-Rachen-Raum in die Lunge gewandert und hat dort zu einer Entzündung geführt. „Im Lungengewebe lagert sich Flüssigkeit an“, sagt Richter. „Daher die weißen Wölkchen.“

 

Betroffene haben das Gefühl zu ersticken

Anfangs ist es nicht so viel Flüssigkeit, manche Patienten merken in diesem Stadium kaum, dass sie an einer Lungenentzündung erkrankt sind. Doch bei einem Teil ändert sich dies nach etwa einer Woche schlagartig: „Sie werden beinahe von einem Tag auf den anderen stark kurzatmig, haben dann eine drastisch reduzierte Sauerstoffkapazität, so dass die Sättigung im Blut um bis zu 30 Prozent abfallen kann“, sagt Richter. Die Betroffenen haben das Gefühl, als würden sie ersticken.

Die Bilder des Computertomografen zeigen genau, was den Betroffenen das Luftholen immer schwerer macht: Aus den vormals weißen Wölkchen sind weiße Flecken geworden. Von den grau-schwarzen Regionen, die eine gut belüftete Lunge signalisieren, ist nicht mehr viel zu sehen. „Die Entzündung ist auf die Lungenbläschen übergegangen, die für den Gasaustausch verantwortlich sind“, sagt Richter. Sie haben sich mit Wasser und Eiter gefüllt, der Sauerstoff kann aus der Atemluft nicht mehr ins Blut übergehen. In diesem Stadium müssen die Patienten unbedingt künstlich beatmet werden. „Doch wir stellen leider immer wieder fest: Einen kleinen Teil der Betroffenen können wir auch damit nicht mehr retten.“

Mithilfe von Röntgenbildern wollen Ärzte kritische Phasen besser vorhersehen

Nun versucht der Stuttgarter Radiologe, ein Muster hinter diesen seltsam schweren Verläufen zu erkennen. „Warum verschlechtert sich der Zustand mancher Covid-19-Patienten nach rund einer Woche so schlagartig – obwohl sie eigentlich frühzeitig in der Klinik vorstellig wurden?“ Das ist eine der Fragen, die sich Götz Martin Richter und seine Kollegen stellen. Welche Faktoren führen dazu, dass die Entzündung die Lungenbläschen erreicht? Und könnte man anhand medizinischer Daten und Röntgenbilder diese kritische Phase besser vorhersehen?

Um Antworten unter anderem auf diese Fragen zu finden, hat Götz Martin Richter eine Studie gestartet und baut eine Bilddatenbank zu den Veränderungen an den Lungen von Covid-19-Patienten auf. Er hat mit Kollegen dort bereits rund 150 schwere Verläufe mit CT-Aufnahmen dokumentiert. Vervollständigt wird die Datenbank durch Laborwerte und weitere Untersuchungsergebnisse. „Alle Abteilungen arbeiten hier interdisziplinär zusammen“, sagt Richter. So finden sich in der Datenbank Fälle wie die eines Stuttgarter Ehepaares, beide Ende 70, die Anfang März mit den typischen Symptomen – trockener Husten und Fieber – in die Klinik kamen. „Nach acht Tagen hatte sich die Frau beinahe wieder erholt, dem Mann dagegen ging es schlagartig schlechter“, so Richter. Er musste beatmet werden und verstarb wenig später.

Das Virus kennt kein Alter: Auch junge Patienten können schwer erkranken

Ähnlich erging es einem 52-Jährigen, der sich höchstwahrscheinlich im Skiurlaub mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt hatte: Der Mann versuchte zunächst, die Symptome der Lungenerkrankung selbst auszukurieren. „Als er bei uns aufgenommen wurde, arbeitete seine Lunge nur noch zu 70 Prozent“, sagt Richter. Auch dieser Mann, den der Radiologe als „sportlich und sonst kerngesund“ beschreibt, hat diese Lungenentzündung nicht überlebt.

In Deutschland löst das Virus bei rund zwei Prozent der nachgewiesen Infizierten einen solch schweren Verlauf aus. Aber die vergangenen sechs Wochen haben den Radiologen gelehrt: „Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass dieses Schicksal nur einem droht, der alt ist oder Vorerkrankungen hat.“ Zwar sind Raucher sowie Menschen mit chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes eher betroffen. „Aber der Fall des 52-jährigen Skifahrers zeigt doch deutlich: Ist das Virus erst einmal in die Lunge vorgedrungen, kann es dort auch bei ansonsten gesunden Menschen verheerende Schäden anrichten.“

Unikliniken in Tübingen, Freiburg und Ulm wollen unterstützen

Tatsächlich gibt es weltweit noch keine Erkenntnisse darüber, ob und inwieweit sich die Lunge von Covid-19-Patienten, die beatmet werden mussten, wieder von der Krankheit erholt. Auch darüber soll die Studie Auskunft geben können. „Möglich ist beispielsweise, dass ein Teil chronische Lungenkrankheiten entwickelt, wie etwa eine COPD“, sagt Richter. Dabei handelt es sich um eine dauerhafte Erkrankung, bei der die Bronchien ständig verengt sind. Andererseits hat Richter auch schon bei Patienten gesehen, wie das entzündete Lungengewebe sehr gut verheilt ist: „Wir hatten da den Fall einer 38-Jährigen, die von ihrer Lungenentzündung kaum etwas gespürt hat und diese zu Hause auskurieren konnte.“

Bislang ist die Studie auf eineinhalb Jahre angelegt. Um in dieser Zeit genügend Daten zusammenzubekommen, möchte Richter auch Radiologen von den Unikliniken Tübingen, Ulm und Freiburg einbeziehen: „Ich würde mir wünschen, dass wir mindestens 250 Fälle umfassend dokumentieren könnten.“ Er ist zuversichtlich, dass es schon in zwei, drei Monaten erste Erkenntnisse darüber gibt, wie Krankheitsverläufe besser vorhergesagt werden können. „Auf diesem Weg können wir die Behandlungsmethoden weiter entwickeln und verbessern.“

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