Vier junge Leute haben die Uhu-Bar übernommen
An der Fassade des Gebäudes hängt noch immer ein rotes Schild, auf dem steht „Eros No.1“, versehen mit einem Pfeil in Richtung Eingang. Das zweite Schild ist zugehängt, unter dem sich das neue Uhu-Logo verbirgt. An diesem Freitag, wenn das Comeback nach zweieinhalbjähriger Schließung tatsächlich wahr wird, wird es enthüllt. „Das Wort Eros werden wir vom Schild entfernen“, sagt einer der künftigen Betreiber. Doch das „No.1“ soll bleiben. Bekommt das Leonhardsviertel eine neue Nummer eins?
Nein, das neue Uhu-Team, das aus drei jungen Neustartern und einer jungen Neustarterin besteht, die ihren Hauptberuf (fern der Gastronomie) keineswegs aufgeben wollen, ist weit davon entfernt, angeben zu wollen. Sie wissen, dass sie in große Fußstapfen treten. Ein Uhu, die größte Eule der Welt, geht würdevoll auf Jagd, sobald es finster wird. Man nennt den Uhu den König der Nacht. Jetzt schwingt der Uhu des Stuttgarter Rotlichts wieder seine Flügel.
Oskar, ein Original der Altstadt, wird am Freitag 86 Jahre alt
An diesem Freitag, wenn der Uhu neu startet, wird Oskar Müller 86 Jahre alt. Die Terminwahl fürs Comeback könnte nicht besser passen. Der alte Chef lebt in einem Pflegeheim, manchmal sieht man ihn, wie er mit dem Rollator zum Essen in den Brunnenwirt kommt. Der 1,68 Meter große und zierliche Mann, der nach der Wahrscheinlichkeit eines langen Altstadt-Lebens längst hätte „erschossen“ oder „erstochen“ sein müssen, wie er stets zu sagen pflegte, sich aber „mit Grips“ gegen die „Schränke“ des Rotlichts in Frankfurt und in Stuttgart durchsetzen konnte, war so etwas wie ein König der Nacht.
Oskar bewies mit den Zwillingen Klaudia und Kornelia Kacijan, die im Lokal die Arbeit taten, während der Veteran des untergehenden Rotlichtmilieus mit Vorliebe auf dem Sofa am Eingang saß, dass Stuttgarts Altstadt nicht immer trostlos sein muss. Das Trio schuf mit seinem Team ein Biotop der Nacht, einen fast schon familiären Wohlfühlort, der besonders bei Kulturschaffenden beliebt war. Nur Freier mussten draußen bleiben.
Der Freund des Boxens hatte 2006 die frühere Animierbar im Hochparterre des gleichnamigen Bordells übernommen, eine bunte Vielfalt der Stadt quer durch die Generationen angelockt. Heute freut er sich bestimmt, dass es in seinem Sinn weitergeht. Seine jungen Nachfolger bitten darum, dass ihre Namen nicht in der Zeitung stehen. „Keiner von uns ist Oskar“, sagt der Student im Team, der ebenfalls boxt. Die Neuen wollen an die Tradition anknüpfen, aber nach dem Umbau auch neue Duftmarken setzen. Klar war ihnen, dass der alte Name bleiben muss. Auch sie wollen ein Publikum quer durch die Generationen. Bei ihnen mischen sich also Vergangenheit und Zukunft. „Wir wurden sehr gut im Viertel aufgenommen“, freut sich der Student, „das hier ist wie ein kleines Dorf.“
Dass sie in der Uhu-Bar gelandet sind, ist die Folge einer Kette von Zufällen. Der Hausbesitzer hatte ihnen das Gebäude zur Miete angeboten. Rasch sagten sie zu. Öffnen werden sie die kleine Kneipe im Erdgeschoss mit dem großen Uhu am Fenster donnerstags bis samstags von 18 Uhr bis open end. Es wird Fassbier geben, gute Drinks, coole Musik unter der Discokugel. Am Mittwochabend, als wir die alte Bar, die neu startet, besuchen, ist alles noch eine einzige Baustelle. Noch gibt es drinnen nichts zu fotografieren. Bis Freitagabend soll’s fertig sein. Steh- und Sitzplätze wird es geben und eine schöne Theke.
Da in dem seit über zwei Jahren geschlossenen Haus nun wieder Leben herrscht, die Handwerker eifrig bei der Arbeit sind, schneien immer wieder Männer herein, die nach oben ins Laufhaus wollen. Nein, den Uhu-Puff gibt es nicht mehr. Was in den oberen Stockwerken aus den ehemaligen Zimmern der Prostituierten wird, steht noch nicht fest, sagen die neuen Mieter. Wird es Zimmer für Studierende geben? Die Altstadt befindet sich im Wandel. Längst gibt es hier mehr Bars als Bordelle. Die Karten werden neu gemischt.