Gerade in den Sommermonaten geht es in der Leonhardstraße auch mal lauter zu, wenn Feiernde die Straße vor den Bars bevölkern. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Das Leonhardsviertel befindet sich im Wandel: Bars und Kneipen haben längst das Monopol. Dort kommt es immer wieder zu Konflikten. Was steckt hinter dem Streit in der Altstadt?
Wie soll das Leonhardsviertel künftig aussehen? Etwa 800 Menschen wohnen dort, in Laufhäusern empfangen Sexarbeiterinnen ihre Freier, Zuhälter mischen sich mit Feiergästen. In ehemaligen Puffs machen Bars auf, statt Sex im Zimmer gibt es Sex on the Beach. Handwerker und Läden gibt es kaum noch, die Gastronomie hat das Viertel übernommen. Deshalb gibt es immer wieder Probleme – gerade in den Frühlings- und Sommermonaten, wenn das Partyvolk ins Freie drängt.
Ein fragiles Gleichgewicht, das durch die Übernahme der Uhu-Bar in der Leonhardstraße im Herbst 2023 durch neue Betreiber zuletzt aus der Balance geraten ist. Es ist was los, unter den Gästen sind auch viele junge Leute. Was dem Viertel eigentlich gut tun und frischen Wind in die Altstadt bringen soll, sorgt vielerorts für Kritik. Denn immer wieder sammeln sich Menschen in Massen vor der Bar, sitzen auf der Straße, oder gleich auf die Stühle anderer Lokale. Und sie sind laut. So laut, dass bei der Polizei und im Rathaus in der Vergangenheit zahlreiche Beschwerden eingingen.
Die Uhu-Bar zieht unter den neuen Betreibern ein neues junges Publikum an. Was dem Viertel gut tun soll, sorgt vielerorts für Kritik – wegen Lärm und Regelverstößen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Stuttgarter Leonhardsviertel: Zoff rund um die Uhu-Bar – was sagen die Beteiligten?
Die Nachbarn sind sauer, weil sie nicht schlafen können. Manche andere Gastronomen sind sauer, weil sie fürchten, dass die Uhu-Bar ihnen allen schadet, weil sie gegen geschriebene und ungeschriebene Regeln verstößt. Und die Stadt deshalb den Ausschank für alle einschränkt. Und bei der Uhu-Bar sind sie sauer, weil sie sich missverstanden fühlen.
So sauer sind sie, dass sie nicht mit der Presse sprechen wollen. Versuche seitens unserer Redaktion, mit ihm zu reden, blockt der Betreiber ab. Genannt werden will er nicht. Man würde gerne fragen warum, doch wie gesagt, er redet nicht.
Zum Hintergrund: Im Leonhardsviertel sind laut Angaben des Amts für öffentliche Ordnung ausschließlich Schank- und Speiselokale oder reine Schankbetriebe erlaubt. Diskotheken und Clubs nicht. Entsprechend gilt auch für die Musik: Sie darf laut sein, aber nur so laut, dass man sich noch unterhalten kann und die Nachbarn nicht aus dem Bett fallen.
Deniz Sever betreibt gemeinsam mit ihrer Partnerin Claudia Jais die Feinkostbar L’Hommage im Viertel. Die beiden wohnen auch privat seit 10 Jahren in der Leonhardstraße. Damit sind sie direkte Nachbarinnen der Uhu-Bar. Sever reibt sich an der Situation in der Leonhardstraße. Sie und andere Gastronomen fürchten Konsequenzen, etwa behördliche Lärmmessungen infolge von Anwohnerbeschwerden, die auch ihren Betrieb treffen könnten.
Uhu-Bar im Leonhardsviertel stößt bei anderen Gastronomen auf Kritik
Ihr Verhältnis zu den Machern der Uhu-Bar hat sich im Laufe der Zeit verändert. Anfangs hätte man sich noch gegenseitig geholfen, doch verschiedene Vorfälle im Barbetrieb hätten dieses Vertrauen verwirkt, so Sever. Auch bei der Weinstube Fröhlich gegenüber ist man irritiert. Gäste der Uhu-Bar hätten sich auf die Stühle der Weinstube gesetzt, gingen in der Weinstube auf die Toilette, wenn man sie anspreche, reagierten sie schnippisch und unverschämt. Man habe dies angesprochen, eine Resonanz habe man nicht bekommen.
Yusuf Oksaz betreibt in Stuttgart mehrere Clubs und Bars, unter anderem auch die Jackie-Brown-Bar in der Leonhardstraße, gleich gegenüber der Uhu-Bar. Auf Anfrage möchte er sich nicht zum Thema äußern. Es gebe jedoch Gespräche mit einigen der Gastronomen in der Straße, unter anderem mit den Uhu-Bar-Machern. Doch auch diese Runde möchte sich gegenüber unserer Zeitung nicht äußern.
Die Jackie-Brown-Bar liegt schräg gegenüber der Uhu-Bar. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Streit unter Gastronomen ist Teil eines grundlegenden Problems im Leonhardsviertel
Mit ihren Problemen fühlen sich viele der Wirte alleingelassen. Deniz Sever ihrerseits wirft Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle vor, sich einseitig für die Uhu-Bar einzusetzen. „Ich denke, dass die Beschwerden gegenüber der Uhu-Bar zum Teil berechtigt waren, zum Teil aber auch überzogen“, sagt die Bezirksvorsteherin dazu. „Oft stecken womöglich auch andere Gründe und Interessen dahinter.“
Letztlich spiegelt all das aber das grundsätzliche Problem des Leonhardsviertels. Die Stadt weiß nicht, was sie mit diesem Quartier will. Mit dem Abriss des Züblin-Parkhauses und dem Bau von Wohnungen wollte man das Viertel wieder mit dem Bohnenviertel verbinden und ein innerstädtisches Quartier entwickeln, in dem gewohnt und ausgegangen werden kann. In dem Nachbarn, Prostituierte, Wirte und deren Gäste miteinander leben – und leben können.
„Wir haben hier viel investiert“: Gastronomin Sever von der Feinkostbar L’Hommage hofft auf langfristige Lösungen für das Viertel. Foto: Scheffel/StZN
Gastronomin Sever: „Wo ist die Entwicklung, die uns versprochen wurde?“
Auch Gastronomin Sever hatte darauf gehofft. „Wir haben zum Start unserer Bar viel investiert“, sagt sie. „Entsprechend haben wir uns von diesem Standort etwas erhofft. Ich habe damals die Veränderungen beobachtet, dann kam die Bewerbung für die Internationale Bauausstellung. Da dachte ich mir: Ok, die Stadt hat mit dem Viertel was vor, also investiere ich hier in meine Zukunft.“
Diese Hoffnung schwindet mit der Zeit. „Wir sind unser eigenes kleines Dorf inmitten der Stadt und es ist so schön hier zu leben“, so Sever. „Natürlich wünsche ich mir, dass es auch lebenswert ist und bleibt. Aber wo ist die Entwicklung, die uns versprochen wurde?“
Auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle sieht alles nicht mehr ganz so rosig. Sie fürchtet eine Entwicklung wie am Hans-im-Glück-Brunnen. Die Partymacher übernehmen, und die Bewohner ziehen aus. Nur die tauben und ganz widerborstigen bleiben da. Dabei haben sich Gemeinderat und Stadt auf die Fahnen geschrieben, dass dort wieder gewohnt werden soll und Gewerbe einzieht, dass man das Milieu zurückdrängen will, dass die Stadt die ehemaligen Häuser kauft und saniert.
Bezirksvorsteherin Kienzle: Leonhardsviertel braucht tagsüber ein lebendiges Gesicht
„Uns ist nicht damit gedient, dass wir im Viertel viele Kneipen und Gewerbe haben, die von Sonntagnacht bis Mittwoch die Rollos unten haben und von Donnerstag bis Sonntagmorgen Rambo-Zambo veranstalten“, sagt Kienzle. „Wir brauchen Gastronomie, Gewerbe und Anwohner, die dem Viertel auch tagsüber ein lebendiges Gesicht verleihen.“
Deshalb steht sie einem Monopol der Gastronomie im Viertel skeptisch gegenüber. „Rock im Barock geht nicht!“ Eine klassische Kneipe sei kein Problem. „Aber heute haben sie alle einen DJ und schieben zu späterer Stunde die Tische zum Tanzen weg. Ein professioneller Diskotheken-Betrieb ist hier aber nicht möglich. Auch die bauliche Lage gibt das nicht her.“ Als Beispiel nennt sie den Brandschutz.
Lebenswertes Leonhardsviertel – quo vadis?
Die Stadt habe zu wenig Personal für Kontrollen zur Einhaltung der Regeln. Kienzle verweist auf das Amt für öffentliche Ordnung, mit dem sie im Austausch stehe. Sie wolle erreichen, dass man mit den Gastronomen eine Lösung finde und wieder Ruhe einziehe. „Wenn wir das Wohnen auf dem Züblin-Areal als IBA-Projekt gestärkt hätten, wäre das der richtige Impuls gewesen, um die beiden Herzkammern Leonhards- und Bohnenviertel zusammenzuschließen und aus der gesamten Leonhardsvorstadt ein lebenswertes Quartier der Innenstadt zu machen.“ Das sei der Plan gewesen: Wohnen, ergänzt um Gastronomie. Nun ist man planlos. Und der Antwort auf die Frage keinen Schritt näher gekommen: Wie soll das Leonhardsviertel künftig aussehen?