Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau „Es ist Zeit, die Gas-Lobby einmal in ihrem lächerlichen Eigennnutz vorzuführen“

Vom Schreibtisch aus die Welt verändern: Mit dem heiteren Fach hat man Wolfgang Schorlau bisher eher nicht in Verbindung gebracht – bis jetzt. Foto: Stefan Kister

In seinem neuen Roman „Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ wagt sich der Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau auf das Gebiet der Satire: Kann das gut gehen?

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es gibt gerade politisch gesehen wenig Grund zur Heiterkeit. Aber vielleicht ändert sich das ja mit Wolfgang Schorlaus neuestem Streich. Darin wird ein Bock zum Gärtner, beziehungsweise ein ehemaliger Gas-Lobbyist zum Wirtschaftsminister, der alles daransetzt, die Energiewende abzuwickeln. Um dessen Machenschaften zu entlarven, setzt der Stuttgarter Autor dieses Mal nicht auf seinen erfolgreichen Privat-Ermittler Georg Dengler, sondern auf die befreiende Kraft des Humors. Was es da zu lachen gibt, fragen wir Wolfgang Schorlau doch am besten selbst.

 

Herr Schorlau, um die dunklen Flecken in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ans Licht zu bringen, haben Sie das Instrument des investigativen Krimis entwickelt. Warum greifen Sie jetzt zur Satire?

Der Ursprung dieses kleinen Büchleins war eine Moderation, die ich im Literaturhaus Stuttgart gemacht habe, zu Susanne Goetze und ihrem Buch „Die Milliardenlobby“. Darin zählt sie die schmutzigen Tricks derer auf, die uns aus Profitgier weiterhin von Öl und Gas abhängig machen wollen. Nach dem Abend fand ich, es genügt nicht, diese Leute Punkt für Punkt zu widerlegen, man sollte sie auch in ihrem ganzen lächerlichen Eigennutz darstellen. Deshalb: Nun eine Komödie.

Die Machenschaften der Gas-Lobby wären doch auch ein schönes Thema für Ihren Privatermittler Dengler gewesen.

Das stimmt, aber der hat gerade anderes zu tun.

Hat die Satire nicht einen schweren Stand in Zeiten, in denen die Wirklichkeit in bisher kaum für möglich gehaltener Form zur Realsatire wird?

Tatsächlich ist es schwierig, eine Satire über etwas zu schreiben, das schon eine Satire ist. Natürlich übertreibe ich in meinem Buch – etwas. Aber der Bau neuer Gaskraftwerke, die Rückabwicklung der Energiewende, die Streichung der Einspeisevergütung für private Solaranlagen, die Zweckentfremdung für den Klimaschutz bestimmter Gelder – all das passiert ja wirklich, direkt vor unseren Augen. Vielleicht ermögliche ich mit meinem Buch einen anderen Blick darauf.

Die Agenda, die Ihr aus der Energiebranche an die Spitze des Wirtschaftsministeriums aufgestiegener Protagonist verfolgt, kommt einem in der Tat bekannt vor: Bleibt einem da das Lachen nicht im Hals stecken?

Ich finde, über die Dummheit und Eitelkeit von Herrschenden zu lachen, hat etwas Befreiendes. Und wenn es gut läuft, bringt es zusätzlich noch einen Erkenntnisgewinn.

Sie scheinen keine allzu hohe Meinung zu haben vom Stand des Berufspolitikers.

Stopp! Ich bin nicht gegen Politiker und Politik als solches. Es kommt darauf an, für wen man Politik macht. Und wie man es tut. Dass es der Gas-Lobby gelingt, eine der ihren zur Energieministerin zu machen – das hat deutlich mehr als ein Geschmäckle.

Ist das Erscheinungsdatum Zufall? Im März sind Wahlen in Baden-Württemberg.

Reiner Zufall. Noch am selben Abend nach der erwähnten Veranstaltung habe ich ein Exposé in die Tasten gehauen und meinem Lektor geschickt, noch nicht einmal in der Absicht, dass ein Buch daraus wird. Ich habe nur gefragt: „Findest du das witzig?“ Und er schrieb zurück: „Ja, ich habe sehr gelacht. Wir drucken es.“

Wolfgang Schorlau: Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter. Kiepenheuer&Witsch. 160 Seiten, 16 Euro.

Gerade arbeitet man von rechts nach Kräften an der Verächtlichmachung der Politik. Ist es nicht gefährlich, dieses Zerrbild von der anderen Seite zu bestätigen?

Man darf wegen der rechten Fanatiker die Kritik an Zuständen, die ungerecht sind, nicht einstellen. Die Angriffe von rechts richten sich hauptsächlich gegen jene, die Kritik an ungerechten Zuständen üben. Man könnte ihnen keinen größeren Gefallen tun, wenn man damit aufhören würde.

Aber trägt das satirische Schwarz-Weiß nicht auch zur Polarisierung der Gesellschaft bei?

Ich diskreditiere Politik nicht als solche. Ganz im Gegenteil. Mir geht es in dem Buch darum zu zeigen, mit welchen Mitteln die Gas-Lobby auf dem Rücken und auf Kosten der Bürger und Bürgerinnen ihre Geschäfte ausweitet. Obwohl es viel effizienter und billiger wäre, zum Schutz des Klimas auf erneuerbare Energien zu setzen – und in der heutigen geopolitischen Lage auch sicherer und mit weniger Risiken behaftet.

Der größte Gegner Ihres skrupellosen Karrieristen ist seine eigene Mutter, eine sich vegan ernährende Klimaaktivistin. Was ist da in der Erziehung schief gelaufen?

Eine Rolle spielt das Trauma durch den frühen Tod des Vaters. Der Vater war ein guter Mensch, starb jedoch früh. Mein Antiheld Karsten Richter zog daraus den fatalen Schluss: schlechte Menschen leben länger.

Das Schicksal, früh den Vater verloren zu haben, teilen Sie mit ihm. Sie beschreiben seinen Weg als eine Form der Rebellion gegen den Schmerz. Sie haben auf andere Weise rebelliert, ist das eine dunkle Alternative Ihrer selbst?

(lacht) Interessanter Gedanke. So habe ich das noch nicht betrachtet. Karsten Richter wollte kein guter Mensch werden und siehe da: Seine Entscheidung zu Egoismus und Brutalität ebneten ihm den Weg zur Macht. Er glaubt, dass niemand sich der Macht des Geldes widersetzen kann. So ist auch seine Sprache: dieses schreckliche Business-Denglisch, das seit ein paar Monaten im Berliner Wirtschaftsministerium gepflegt wird. Auf die Art: „Sie müssen jetzt deutlich schneller ins Learning kommen.“ Die Worte von Karsten Richter mögen erfunden sein, der Ton ist es nicht.

Im nächsten Monat werden Sie 75. Erlebt ein engagierter Autor die gegenwärtige Entwicklung als Ansporn als oder Frustration?

Es sind spannende Zeiten. Wir erleben gerade den Abschwung einer Supermacht, der USA, die gleichwohl mit allen Mitteln die Weltpolitik weiter dominieren will. Die Schicksalsfrage für Europa ist, ob es zu einer eigenständigen Kraft findet oder sich weiterhin als Anhängsel der einen oder anderen Supermacht definiert. Über allem steht die alles entscheidende Klimakrise. Die Zukunft sieht im Augenblick nicht blendend aus, aber auch nicht hoffnungslos. Es liegt an uns, ob wir die Fragen positiv beantworten können.

Und wann greift Dengler wieder ein?

Wenn alles gut geht, im Herbst. Wo und wie bleibt bis dahin noch geheim.

Wolfgang Schorlau

  • Wolfgang Schorlau, 1951 in Idar-Oberstein geboren, ist in Freiburg aufgewachsen und lebt als freier Autor in Stuttgart.
  • Mit seinen zum großen Teil auch verfilmten mittlerweile elf Dengler-Romanen hat er das Genre des investigativen Polit-Krimis perfektioniert.
  • Die Bücher der Dengler-Serie fügen sich zu einem Problem-Panorama der bundesrepublikanischen Gegenwart: angefangen mit dem Mord an dem Treuhand-Chef Detlef Carsten Rohwedder in der „Blauen Liste“, über das Oktoberfest-Attentat („Das München-Komplott“), die Privatisierung der Wasserversorgung („Fremde Wasser“), die NSU-Mordserie („Die schützende Hand“) bis hin zum Kampf um die Windkraft („Black Forest“).
  • Seinen Roman „Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ stellt Wolfgang Schorlau am 13. Februar, 19.30 Uhr, im Hospitalhof Stuttgart vor.

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