Stuttgarter Autorin „Fische im Trüben“ – Elli Unruhs wunderbarer Fischzug

Elli Unruh lebt in Stuttgart, in ihrem Roman aber reist sie zurück in die versunkenen Welt ihrer deutschen Vorfahren in der Sowjetunion. Foto: Stefan Kister

In ihrem Debüt erzählt die Stuttgarter Autorin von Mennoniten in Kasachstan: ein abgeschlossenes Kapitel ihrer Familiengeschichte – und der vielversprechende Beginn von etwas Neuem.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Elli Unruh arbeitet im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Und offenbar setzt der Umgang mit den Hinterlassenschaften des literarischen Lebens eine besondere, inspirierende Kraft frei. Hier begann vor einigen Jahren auch die Karriere der früheren Mitarbeiterin Iris Wolf, die die Erinnerung an ihre Herkunftswelt im heute rumänischen Banat in sanft über den Zeiten schwebende Romane verwandelt hat, mit denen sie eine regelmäßige Kandidatin für die großen Literaturpreise ist.

 

Dort ist nun auch Elli Unruh gelandet, mit einem initialen Satz ins Rampenlicht der wichtigsten Podien. Ihr in dem kleinen Transit Verlag erschienenes Roman-Debüt „Fische im Trüben“ stand auf der Shortlist für den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse. Worüber sie selbst vielleicht noch am meisten erstaunt ist, als sie in einem Stuttgarter Café von einem neugierigen Journalisten ausgequetscht wird.

Mennoniten in Kasachstan: enteignet, deportiert und diskriminiert

„Als die Nachricht kam, dachte ich zunächst an eine fortschrittliche Form des Phishings oder anderer Internettricks.“ Doch hier wird nicht im Trüben gefischt, wie sich gleich am initialen Satz ihres Textes zeigt. Er ist leider zu lang, um hier wörtlich zitiert zu werden. Aber was er umspannt, ist eine biblisch anmutende Totale auf eine Urlandschaft „im tiefen Licht der Sonne“, ein Garten Eden, dessen volle reife Apfelpracht allerdings bereits auf das menschliche Kulturbemühen verweist – eine jener Spätfolgen, die mit der Vertreibung aus dem Paradies einhergehen. Und Schlangen gibt es auch.

Elli Unruh Foto: Stefan Kister

Der Schauplatz ist die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan. In einzelnen Sequenzen wird das Leben einer Familie erzählt, die der deutschsprachigen Minderheit der Mennoniten angehört, eine evangelische freikirchliche Bewegung, deren Mitglieder vor der Verfolgung katholischer und protestantischer Autoritäten einmal ausgewandert sind, unter anderem nach Russland. Zu ihren zentralen Glaubenssätzen zählt die Erwachsenentaufe ebenso wie strikte Gewaltfreiheit und Gemeindeautonomie.

Die Leute, von denen Elli Unruh erzählt, wurden hin und her geschoben, enteignet, deportiert, von deutschen Usurpatoren in Wehrmachtsuniformen gezwungen, weshalb es sich noch ihre pazifistischen Enkel gefallen lassen müssen, von der russischen Mehrheitsgesellschaft als „Faschisten“ schikaniert zu werden. Ihr Weg führte durch Gulags, Zwangsarbeit, Diskriminierungen schließlich in das kleine Städtchen im Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan. Hier warten sie darauf, irgendwann ins gelobte Land ausreisen zu dürfen, womit nicht gleich der Himmel gemeint ist, sondern erst einmal Deutschland.

  • Elli Unruh: Fische im Trüben
  • Transit Verlag
  • 200 Seiten, 24 Euro
  • Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026

Für Elli Unruhs Familie war es kurz vor dem ersten Geburtstag der Tochter so weit. Wenig später kollabierte die Sowjetunion. Sie wuchs in Möckmühl auf, studierte nach dem Gymnasium Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo sie auch heute lebt: „Ich bin in Deutschland sozialisiert, für meine Familie war das Kapitel Kasachstan abgeschlossen.“ An dem Ort, den ihr Roman so eindringlich erschließt, war sie selbst nie. Umso erstaunlicher, mit welcher geradezu ethnologischen Präzision hier eine versunkene Alltagswelt zum Leben erweckt wird, bis in die sprachlichen Eigenarten des sogenannten Plautdietschs hinein: „Un opp Plautdietsch vesteist uk waut?“ Wer das nicht versteht, findet am Ende ein Glossar.

„Fische im Trüben“ – gestochen scharfe Bestandsaufnahmen

„Mennisten, dej nich Plautdietsch riede. Soowout jefdet uk!“, sagt im Buch verwundert eine alte Frau zu dem kleinen Krocha, der das zwar noch versteht, aber lieber Russisch redet. Auch Elli Unruh ist die traditionelle Sprache der russischen Mennoniten fern gerückt. Aber warum hat sie ein abgeschlossenes Kapitel noch einmal aufgeblättert? Es ist der Versuch, hinter die Weichzeichnungen einer verklärenden Erinnerung zu gelangen. „Am Anfang stand für mich die Frage: Wenn es dort so schön gewesen ist, wie es in manchen Beschreibungen meiner Eltern klingt, warum haben sie den Ort dann verlassen?“

Die Antwort liefert ein Erzählverfahren, das so vielschichtig schillert wie jenes Eingangstableau. Die Handlung spielt im Wesentlichen in den Siebzigerjahren, einer Zeit, in der Krochas Schulkameraden Kosmonauten werden wollen. Er nicht, besser so: „Faschisten lassen sie nicht.“ Aus anekdotischem Material entstehen nicht nur einprägsame Szenen einer Kindheit und Jugend, sondern gestochen scharfe Bestandsaufnahmen der Mentalitätsgeschichte einer religiösen Gemeinschaft, die sich gegen eigene Borniertheiten, vor allem aber gegen eine feindliche Umwelt wappnen muss. Auf den Straßen lauern unberechenbare Milizen, Spitzel, die wie wandelnde Archive über das Leben ihrer Zielpersonen verfügen.

Doch der Roman verfolgt keine anklagende Agenda. In der behutsamen Rekonstruktion einer vergangenen Lebenswelt finden sich wohl die Gründe, die dafür sprechen, ein Land zu verlassen, aber eben auch das, was es wert ist, erinnert zu werden, im Guten wie im Schlimmen. Und wie eng beides aneinander grenzt, führt zu einer eigentümlichen Form des Humors – für Elli Unruh ein Charakteristikum der Mennoniten.

Religiöse Elemente „wie Ostereier versteckt“

Wenn zu ihrer Oma Freundinnen oder Verwandte zum Kaffee kamen, hieß es, dieser war ja im Lager, und jener ist gestorben, doch im nächsten Moment ging es um die Kartoffelernte: „Diese Gleichzeitigkeit hat mich als Kind erschüttert, mir aber auf der anderen Seite gezeigt, wie man mit so schrecklichen Dingen umgehen kann.“ Und so ist dieser Roman in seiner rauen, unbestechlichen Imaginationskraft durchaus auch ein heiteres Buch.

Ihre Figuren verdanken sich zu unterschiedlichen Anteilen Vorbildern wie der Zeugungskraft der Fantasie. Doch auch Elli Unruh ist in einer religiösen Umgebung aufgewachsen. Zu den Idiomen, die sich in ihrem Roman mischen, gehört auch eine religiöse Bildsprache. Angefangen bei den Fischen, die als urchristliches Symbol in allen Formen durch das Geschehen blitzen – in ihrem Element, aber auch gefangen und eingesalzen –, bis zu unauffällig eingearbeiteten Liedern und Versen. „Wie Ostereier habe ich sie in dem Text versteckt. Schön, wenn sie jemand findet, aber auch nicht schlimm, falls nicht.“

Mit ihren 38 Jahren findet Elli Unruh, Nachfahrin von Mennoniten, über die Literatur einen eigenen Weg in die Geschichte. Seine kritische Feuertaufe hat ihr Debüt eindrucksvoll bestanden.

Info

Preis
Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am 19. März verliehen. Neben Elli Unruh sind in der Sparte Belletristik nominiert: Norbert Gstrein mit „Im ersten Licht“, Anja Kampmann mit „Die Wut ist ein heller Stern“, Katerina Poladjan mit „Goldstrand“ und Helene Bukowski mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“.

Lesung
Am 22. April stellt Elli Unruh ihren Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.

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