Stuttgarter Ballett Das bietet der neue Tanzabend „Nacht/Träume“
Keine Uraufführungen, sondern Bekanntes von Vittoria Girelli, Fabio Adorisio, Marco Goecke und zwei Gästen tanzt das Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus. Lohnt sich das Wiedersehen?
Keine Uraufführungen, sondern Bekanntes von Vittoria Girelli, Fabio Adorisio, Marco Goecke und zwei Gästen tanzt das Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus. Lohnt sich das Wiedersehen?
Die Dunkelheit im Theatersaal ist Voraussetzung dafür, dass Illusion auf der Bühne gelingt. Aus der Nacht des Parketts heraus wird wahr, was im Scheinwerferlicht spielt. Oder tanzt, wie beim Stuttgarter Ballett. Nicht verwunderlich also, dass Choreografen diesen Zustand zwischen Wachsein und Träumen oft erkunden.
Auf ihn setzt auch Intendant Tamas Detrich beim diesjährigen Auftritt seiner Kompanie im Schauspielhaus; „Nacht/Träume“ lautet der Titel, Premiere war am Donnerstag. Alle vier Stücke, in den vergangenen vier Jahren und damit in der Intendanz Detrichs fürs Stuttgarter Ballett entstanden, wurden vom Publikum regelrecht gefeiert.
Wer bedauert, dass dieser sonst Uraufführungen gewidmete Anlass frei von choreografisch Neuem ist, muss sich damit trösten: Das Wiedersehen lohnt sich, die Zusammenstellung ist stimmig, vor allem aber sind tolle tänzerische Entwicklungen zu bestaunen.
Die etwa von Matteo Miccini, Martino Semenzato und Mackenzie Brown; ihnen begegnet man mehrfach und auch gleich im ersten Stück. Doch das siebenköpfige Ensemble, das Vittoria Girellis „Sospesi“ fast in der Ur-Besetzung von 2023 tanzt, agiert so traumwandlerisch schön, dass alle zu loben sind. Auch Edoardo Sartori, Irene Yang, Ruth Schulz und Diana Ionescu fügen sich perfekt ein ins surreale Szenario. Sie zeigen die Welt, die sie als vogelartige Wesen bevölkern und die mit nach oben gezogenem Tanzboden zwischen Himmel und Erde zu schweben scheint, als einen glaubhaften, auch glaubhaft bedrohten Ort.
Wie Vittoria Girelli in ihrem fünften Stück für die eigene Kompanie Trance und Beschleunigung in einem Moment eint, wie sie Arme vogelleicht zum Schwingen bringt, wie sie Beine erdenschwer über den Boden schleifen lässt und immer noch eine verblüffende Gruppenkonstellation findet, macht aufs Neue staunen. Vom Spechtklopfen, zu dem drei Tänzer den Vögeln ähnlich klettern, bis zu Nächtlichem von Elgar, Schubert und Chopin passt der Sound, den Davidson Jaconello für „Sospesi“ mixte, perfekt zu diesem melancholischen Traum.
An die Bedrückung der Coronazeit erinnert das Genfer Choreografen-Duo Sasha Riva und Simone Repele, das 2022 für seinen Noverre-Beitrag nicht ohne Grund zu Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ griff, genauer zum bewegten und bewegenden zweiten Satz. Für die Übernahme ins Stuttgarter Repertoire haben sie „La jeune fille et les morts“ nicht nur was die Kostüme betrifft entstaubt.
Elisa Badenes tanzt nun die zu früh mit dem Tod konfrontierte Frau und gibt ihr mit der Erfahrung großer dramatischer Rollen Gewicht. Martino Semenzato und der junge Gruppentänzer Lassi Hirvonen sind die Todesboten, die das Mädchen umgarnen, ihm charmant den Spiegel vorhalten, es am Ende davontragen. Auch wenn fallende Blätter, Zitate aus Matthias Claudius‘ titelgebendem Gedicht und ein alles verwehender Wind für schwere Stimmung sorgen, bleibt „La jeune fille et les morts“ choreografisch leichtfüßig mit fast zu schönem und viel zu vorhersehbarem Bewegungsfluss.
Ein Vorwurf, den Marco Goecke nicht fürchten muss. Standard ist bei ihm höchstens, dass seine Stücke ihr Publikum gleichermaßen berühren wie irritiert zurücklassen. Nicht anders „Nachtmerrie“. Die Begegnung zweier Menschen blitzt darin wie ein Traum auf, der sich bei Tageslicht als Spuk erweist.
Auch beim Wiedersehen gibt das 2021 uraufgeführte Duett sein Geheimnis nicht ganz preis; dafür sind seine Protagonisten Mackenzie Brown und Henrik Erikson von Tanzleichtgewichten zu stattlichen Solisten gereift, deren Präzision beeindruckt. Er lässt Muskeln spielen, Füße fliegen im zuckenden, zeichentrickhaften Verwirrspiel um zwei, die Distanz nicht aushalten, aber Nähe nur ausprobieren; sie setzt eigene Schritte, hüpft im Gleichklang, um später den Rücken zu runden wie Füsslis Nachtmahr. Keith Jarretts perlender Pianojazz passt bestens zu Goeckes nestelnden Gesten. Am Ende verbrennen sich die zwei zu Lady Gagas „Bad Romance“ anrührend Hände und Herzen.
In Moll ist auch die Musik von Grieg und Rachmaninow, die wie im Sturm ein siebenköpfiges Ensemble durch Fabio Adorisios „Lost Room“ treibt. 2023 wurde das Stück uraufgeführt, zehn Jahre und ein Dutzend Choreografien nachdem der Italiener 2013 sein Debüt als Schrittmacher gegeben hatte. Um Erinnerungen kreist es: Mizuki Amemiya rotiert mit fliegenden Haaren in einer Hebung um die eigene Achse, Adhonay Soares da Silva wirbelt um sich selbst.
Getanzt wird in einem Raum, dessen hohen Wänden keiner entkommt. „Aperture“, Öffnung, verspricht der von Marc Strobel mit Wummern getunte Sound im Titel. Immer wieder sinken die sieben zu Boden, bäumen sich im Rhythmus ihres Atmens auf und bremsen als Schlafwandler die Routine des Virtuosen aus. Adorisios Tempo-Mix kommt an, auch wenn seine hohen Drehzahlen den Tanz zu sehr hetzen. Atemlos erwacht man folglich aus „Nacht/Träume“ – aber nimmt Bilder mit, die sich einprägen.
Termin
Das Stuttgarter Ballett tanzt „Nacht/Träume“ in sechs weiteren Vorstellungen bis zum 19. Juni im Schauspielhaus; für alle gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.