Marco Goecke 2024 als designierter Ballettdirektor in Basel. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky
Das Stuttgarter Ballett tanzt im Schauspielhaus vier Stücke unter dem Titel „Nacht/Träume“. Mit dabei ist Marco Goecke, der nach der Hundekot-Affäre nicht nur in Stuttgart zurück ist auf der Bühne.
Der neue Ballettabend „Nacht/Träume“ bringt neben drei weiteren Stücken auch Marco Goeckes „Nachtmerrie“ zurück auf die Bühne. Mit der Uraufführung des Duetts im Juni 2021 verbinden sich besondere Glücksmomente: Nach einer langen Corona-Pause standen die Zeichen auch für die Kultur endlich wieder auf Neustart, das Stuttgarter Ballett gab mit „New Works“ zugleich den Startschuss für die Festwochen zum 60. Geburtstag der Kompanie.
Begraben wurde damals auch das Zerwürfnis zwischen Goecke und Tamas Detrich, der sich 2017 als designierter Intendant des Stuttgarter Balletts etwas unglücklich vom langjährigen Hauschoreografen der Kompanie getrennt hatte. Dass Marco Goecke für „Nachtmerrie“ vom Publikum wie ein Popstar gefeiert wurde, lag also nicht allein am geheimnisvollen Zauber, den sein neues Stück entfachte, sondern auch am versöhnlichen Momentum, für das es steht.
Marco Goecke bei den Proben 2021 Foto: SB/Roman Novitzky
Für die jungen Tänzer Mackenzie Brown und Henrik Erikson wurde „Nachtmerrie“ zum Sprungbrett, beide sind inzwischen als Erste Solisten durchgestartet. Marco Goecke allerdings holte der holländische Titel des Duetts ein: Mit dem als Hundekot-Attacke bekannten Angriff auf eine Kritikerin katapultierte er nicht nur sich in einen Albtraum.
Würde er die Zeit gern zurückdrehen?
Es folgte eine lange Pause. Doch 2025 stehen die Zeichen für den Choreografen auf Neustart, aktuell bereitet Marco Goecke eine Uraufführung in Monte Carlo vor, neue Stücke für Gauthier Dance, die Junioren des Bayerischen Staatsballetts und das Gärtnerplatz-Theater in München schließen sich an. Von Herbst an ist Marco Goecke dann Ballettdirektor in Basel. Würde er die Zeit trotzdem gern zurückdrehen in den versöhnlichen „Nachtmerrie“-Sommer? „Nein, überhaupt nicht“, antwortet der Choreograf spontan am Telefon. „Natürlich würde ich gern an der Uhr drehen und noch einmal jung sein. Doch es ist, wie es ist in einem Leben. In jeder Biografie passieren Dinge aus einem bestimmten Grund und erweisen sich, selbst wenn sie unbequem sind, im Rückblick als logisch“, sagt Marco Goecke und fügt an: „Im Leben gibt es nichts umsonst. Alles hat seinen Preis – und ich habe meinen bezahlt.“
Mackenzie Brown und Henrik Erikson proben für die Wiederaufnahme von Marco Goeckes Duett „Nachtmerrie“. Foto: Theater Basel/Christian Knörr
Den Rückzug hat er bewusst als solchen gestaltet. Anfragen für Interviews, Filme und Dokumentationen lehnte er ab; neben dem Choreografieren ruhte auch das Zeichnen. Im Fokus stand für Marco Goecke, wie er berichtet, dafür der letzte Lebensabschnitt seines Dackels Gustav. „Ihn sterben zu sehen, hat mich sehr verändert“, sagt er. Im vergangenen Sommer holte den Choreografen dann das Angebot von Ivan Liska, mit den bayerischen Ballett-Junioren deren 15-Jahr-Jubiläum zu gestalten, zurück ins Leben und auf die Beine. „Seither bin ich on the road“, sagt Marco Goecke.
Als „Superstar“ des Balletts bleibt er gefragt
In München, wo er auf die Musik von Pink Floyd setzt, wird Marco Goecke als „choreografischer Superstar“ angekündigt. Den Anspruch ans eigene Schaffen hält er nach wie vor hoch und möchte, wie er sagt, mit jedem neuen Stück auch sich selbst überraschen. Doch zugleich plant der eben 53 Jahre alt gewordene Künstler in der neuen Phase seiner Karriere, die Dinge gelassener anzugehen. „Ich habe alles erreicht, jetzt will ich Spaß haben an der Arbeit“, sagt Marco Goecke.
Dankbar für die zweite Chance
Nach den Münchner Premieren steht für den designierten Basler Ballettdirektor der Umzug an. „In die Schweiz zu ziehen, ist so komplex wie in die USA auszuwandern, da gilt es vieles neu zu denken und zu bedenken“, sagt Marco Goecke, der sich über die zweite Chance, die ihm der Basler Intendant Benedikt von Peter einräumt, freut. „Ich bin dankbar, dass mir von vielen Menschen so viel Vertrauen entgegengebracht wird“, sagte Goecke bei seiner Vorstellung. Mitglieder seines alten Ensembles werden ihm aus Hannover in die Schweiz folgen, aber auch neue Tänzer stoßen zum Ballett Basel, andere bleiben.
Vom Albtraum zum Traum
Auch wenn Marco Goecke ein neues Stück für das tschechische Nationalballett 2026 schon zugesagt und seinen Vertrag als Hauschoreograf des Nederlands Dans Theaters verlängert hat, soll für die nächsten Jahre Basel das Zentrum seiner Arbeit sein, „on the road“ will er sich dann nicht mehr fühlen, sondern angekommen. Vom Albtraum befreit hat Marco Goecke passenderweise auch sein Ballett „Nachtmerrie“ – „Morpheus’ Dream“ heißt das Stück nach dem griechischen Gott der Träume in der Neufassung, die im Februar beim Kanadischen Nationalballett Premiere hatte. Überflüssiges und Unlogisches habe er auch für die Stuttgarter Wiederaufnahme ausgeputzt, sagt Marco Goecke: „Jetzt ist es perfekt!“
Info
Termin „Nacht/Träume“ hat an diesem Donnerstag um 19 Uhr im Schauspielhaus Premiere. Es folgen sechs Vorstellungen bis zum 19. Juni; für alle gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.
Thema Die vier „Nacht/Träume“-Stücke spielen in Parallelwelten zwischen Fantasie und Realität; alle vier wurden in Stuttgart uraufgeführt: Vittoria Girelli greift in „Sospesi“ mit nach oben gezogenem Tanzboden nach dem Himmel. In „La jeune fille et les morts“, einem Noverre-Stück der Gäste Sasha Riva und Simone Repele, blickt eine Frau auf ihr Leben zurück. In Marco Goeckes „Nachtmerrie“ erkundet ein Paar Nähe und Distanz. Fabio Adorisio träumt sich in „Lost Room“ in die Kindheit zurück.
Person Marco Goecke, von 2005 bis 2018 Haus-Choreograf in Stuttgart, verlor nach seiner Attacke einer Kritikerin den Posten als Ballettchef in Hannover. Dem Rückzug folgt nun ein Neustart: Les Ballets de Monte Carlo stellen sein Schönberg-Ballett „La nuit transfigurée“ am 23. April vor. An der „Fireworks“-Premiere (30. April) von Gauthier Dance ist er mit dem Duett „Monstruo Grande“ beteiligt, es wird zu Liedern von Mercedes Sosa getanzt. Die Junioren des Bayerischen Staatsballetts zeigen vom 10. Juni an „Wings of Memory“, neben dem „Triadischen Ballett“ gibt’s Neues von Goecke. Für das Tanzensemble des Gärtnerplatz-Theaters setzt er „Le sacre du printemps“ um, Premiere ist am 17. Juli.