Stuttgarter bei den Olympischen Spielen Deshalb moderiert Jens Zimmermann für die Fans in Peking
Wie der Stuttgarter Jens Zimmermann in Zhangjiakou die olympischen Wettkämpfe der Langläufer und Kombinierer kommentiert.
Wie der Stuttgarter Jens Zimmermann in Zhangjiakou die olympischen Wettkämpfe der Langläufer und Kombinierer kommentiert.
Zhangjiakou - Eine Stimme zu haben ist essenziell. Man kann sie wahlweise erheben, senken, abgeben oder verlieren. Und zugleich ist sie ein Erkennungsmerkmal. Wer hin und wieder Wintersport-Veranstaltungen im Langlauf, Skispringen oder Eisschnelllauf besucht, ein Heimspiel der Handballer des TVB Stuttgart oder sich für Hallenradsport interessiert, bei dem könnte an der olympischen Langlaufstrecke in Zhangjiakou ein Gefühl der Vertrautheit aufkommen. Weil der Sprecher zwar in Englisch parliert, sein Tonfall aber bestens bekannt ist. Jens Zimmermann (49), Moderator und Athletenmanager aus Stuttgart, verleiht auch diesen Winterspielen seine Stimme. Es ist sein Beruf, aber zugleich eine Berufung.
Zimmermann, Inhaber einer eigenen Marketing- und Eventagentur, erlebte vier Paralympics als Pressesprecher der deutschen Para-Langläufer und -Biathleten (1994 bis 2006), danach war er Moderator bei den Winterspielen 2010 in Vancouver sowie 2014 in Sotschi. Und nun also Peking – obwohl der Anruf ziemlich spät kam. Sein kanadischer Kollege und Freund Randy Ferguson sagte Anfang Januar kurzfristig aus privaten Gründen ab. Jens Zimmermann, der gerade die Tour de Ski hinter sich hatte, sprang ein. Er musste ein paar Termine verschieben oder absagen, unter anderem das TVB-Heimspiel am gestrigen Abend gegen den THW Kiel, und etliche bürokratische Hürden überspringen, dann stand dem Abenteuer Peking nichts mehr im Weg. „Für Sportler sind Olympische Spiele die größte und wichtigste Veranstaltung der Welt“, sagt er, „und auch für einen Moderator ist es die höchste Weihe, die einem zuteilwerden kann.“ Aller Misstöne zum Trotz.
Natürlich hatte sich Jens Zimmermann, ehe er den Vertrag mit dem Organisationskomitee unterschrieben hat, viele Gedanken gemacht. Über die Menschenrechtslage in China, über die eingeschränkte Meinungsfreiheit, über die Coronalage. Das Ergebnis seiner Überlegungen fiel eindeutig aus. Weil er während der Winterspiele seinem Job nachgeht, dafür fair entlohnt wird. Weil er den Athleten auf der Langlaufstrecke olympisches Flair garantieren will. Und weil er einen Teil der Diskussionen als scheinheilig empfindet. „Die großen deutschen Autobauer werden doch auch nicht dafür kritisiert, dass sie Fahrzeuge nach China verkaufen“, sagt Jens Zimmermann, „letztlich ist für die Vergabe dieser sportlichen Großveranstaltung das IOC verantwortlich. Stattgefunden hätten diese Spiele auf jeden Fall, auch wenn ich nicht hingeflogen wäre.“
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Er ist geflogen, weshalb er nun der einzige deutsche Moderator in China ist. Seinen Job im Langlaufstadion erledigt er mit Verve, obwohl ihm viel weniger Leute zuhören als noch vor der Coronakrise. Das ist Zimmermann zwar nicht egal, auch er liebt lauten Jubel, gute Stimmung, hochkochende Emotionen. Sitzt er am Mikrofon, spielt aber keine Rolle, ob 100, 1000 oder 10 000 Leute an der Strecke stehen. „Ich muss das ausblenden“, sagt er, „meine Aufgabe ist jetzt in der Pandemie vor allem, den Sportlerinnen und Sportlern das Gefühl zu geben, dass es auch ohne oder mit wenig Zuschauern ein richtiger Wettkampf ist – und keine Trainingseinheit.“ Die Resonanz aus dem Athletenkreis? Ist positiv. Was den Moderator freut: „Der Weg ist richtig.“ Wenn auch nicht immer ganz einfach.
Am Mittwochabend begleitete Zimmermann den Langlauf der Kombinierer. Johannes Rydzek, Klient seiner Agentur und mittlerweile ein Freund von ihm, war 9,5 Kilometer lang auf dem Weg zu seinem dritten Olympiagold. Dann flog Vinzenz Geiger vorbei. Rydzek brach ein, wurde am Ende Fünfter. Sprecher Zimmermann litt mit, ohne dass ihm das anzuhören war. „Es ist meine oberste Prämisse, immer neutral und unabhängig zu kommentieren“, sagt er. Weil es unprofessionell wäre – und diesen Vorwurf kann Jens Zimmermann ganz sicher niemand machen.
Neun Tage gehen die Winterspiele noch, der Moderator aus Stuttgart hat weitere acht Wettkämpfe vor sich. Er freut sich darauf. Weil er hier nicht nur einen Job erledigt, sondern zugleich den Ton bestimmt. Und das ist eine ziemlich stimmige Kombination.